Warum ist Sebastian Schonlau so wichtig für den HSV?

Diese Frage scheint auf den ersten Blick offensichtlich. Er ist der beste Innenverteidiger im Kader, sogar einer der besten in der gesamten Liga, und als Kapitän ist er DER Führungsspieler für die Hamburger Mannschaft. Auch wird sein Name häufig im Verbund mit Begriffen wie Übersicht, Ruhe und Anweisungen erwähnt. Zugleich glauben viele, dass sein Nebenmann durch Schonlaus Anwesenheit automatisch besser spielen würde. Aber was bedeutet das genau und worin lässt es sich erkennen?

Spielmacher aus der Abwehr

Mit dem Ball ist Schonlau der kompletteste Innenverteidiger im Kader. Er hat durchschnittlich die meisten Ballkontakte, eine hohe Passquote egal ob er den Ball kurz oder lang spielt und progressive Aktionen kann er sowohl in der Form von Pässen als auch durch Ballführungen sehr häufig umsetzen. Verglichen mit anderen Innenverteidigern zählen die Ballführungen jedoch als sein Steckenpferd.

Er versteht es mit seinen häufigen Ballkontakten immer wieder den Takt des Aufbaus vorzugeben indem er kontrolliert mit dem Ball anläuft, dabei Gegenspieler aus Räumen ziehen kann, die dann nach dem Abspiel von einem Mitspieler bespielt werden können. Somit zeichnen ihn nicht nur die eignen progressiven Ballführungen aus, sondern auch seine Fähigkeit durch Läufe mit dem Ball anderen Spielern Räume zu verschaffen. Als Resultat dessen, sind die progressiven Pässe der anderen Innenverteidiger immer dann am höchsten, wenn Schonlau mit ihnen zusammen auf dem Platz steht. Dies ist besonders im Verbund mit einem Innenverteidiger der Fall, der sich auch grundsätzlich durch sein gutes progressives Passspiel auszeichnet.

Dennis Hadžikadunić ist sein Name und er war ursprünglich als Schonlaus Stammkollege für diese Saison eingeplant. Während er neben Ramos durchschnittlich 7.15 progressive Pässe pro 90 Minuten macht, sind es im Verbund mit Schonlau über 12. Nun ist er grundsätzlich einer der besten in der Liga in diesem Bereich mit 7.52 pro 90 Minuten und er hat in der Liga auch erst in zwei Spielen zusammen mit Schonlau gespielt. Somit ist der Durchschnittswert von über 12 wahrscheinlich etwas aufgeblasen und würde sich auf Strecke nicht in dieser Höhe erhalten lassen. Dennoch ist dieser große Unterschied bemerkenswert, besonders wenn man ihn mit dem einen Spiel vergleicht indem Ambrosius and der Seite von Hadžikadunić stand. Denn da spielten beide nur magere 2 progressive Pässe. Auch ist auffällig, dass Hadžikadunić an der Seite von Schonlau keine einzige progressive Ballführung vollendet hat und das, obwohl er grundsätzlich einen im Ligavergleich sehr hohen Wert darin hat (1.36). Es deutet also darauf hin, dass in diesem Innenverteidiger-Duo eine klare Rollenverteilung besteht. Der eine soll mit dem Ball andribbeln und über das Spielen & Gehen Gegner locken. Der andere wird so freigespielt und über die Verlagerung ins progressive Passspiel gebracht.

Nun hat man mit Ramos zwar einen Spieler der auch nicht schlecht darin ist regelmäßig mit dem Ball anzudribbeln oder zu gleich ins Dribbling zu gehen, aber er tut dies weniger kontrolliert und unruhiger, weshalb er Hadžikadunić auch nicht so gut in Szene setzen kann oder zumindest für mehr Unsicherheit im Aufbau sorgt. Dazu kommt, dass er bis jetzt hauptsächlich auf der rechten Seite gespielt hat und somit seine Passwinkel eher nach innen als nach außen orientiert sind, während Schonlau auf der linken Seite mit seinem rechten Fuß auf Muheim spielen kann und auch grundsätzlich eine größere Variabilität in der Ausrichtung seines Spiels hat. Was Ramos zugleich fehlt, ist das sichere Passspiel von Schonlau. Man könnte auch sagen, dass sein Spielstil einfach grundsätzlich unkontrollierter und risikoreicher ist, wodurch er sich weniger dazu eignet das Aufbauspiel aufzuziehen. Es ist sogar vorstellbar, dass er als Innenverteidiger am besten in eine Dreierkette passen würde, worin das Risiko seiner Dribblings eher zu kompensieren ist und zugleich Vorteile bringen kann. Innerhalb der Innenverteidigerkonstellationen ohne Schonlau ist es jedoch so, dass der Mannschaft grundsätzlich die Sicherheit und Kontrolle im Aufbau fehlt. Genauso wie Hadžikadunić das Andribbeln von Schonlau fehlt, fehlt der gesamten Innenverteidigung die Kontrolle und die Progressivität im Passspiel wenn Hadžikadunić nicht an Schonlaus Seite spielt. Zur Veranschaulichung dessen, wie sich die jeweiligen Innenverteidiger mit Schonlau am Ball ergänzen, bieten sich die folgenden Radare an.

Abgesehen von den Themen die hier bereits angesprochen wurden, ist hier auch zu erkennen, dass unser Kapitän eine größere Anzahl von Ballberührungen im offensiven Drittel hat. Dieser Wert ist wegen den wenigen Spielen zwar auch wieder etwas aufgeblasen, aber er erlaubt es anzumerken, dass man mit ihm viel mehr die Möglichkeit hat, den Gegner kontrolliert tief zu binden, was auch gegen den Ball Vorteile hat.

Spielkompetenz beim Rausrücken

Nun kann man die Gegner mit Schonlau am Ball besser bespielen und tiefer im Feld kontrollieren, aber selbst dann wird es Ballverluste geben, die es zu verteidigen gilt. Diesbezüglich gibt es wieder mal Unterschiede zwischen den verschiedenen Innenverteidigerprofilen im Kader. Zum einen gibt es Ambrosius, der sehr gerne nach vorne verteidigt und aggressive Zweikämpfe führt. Somit führt er auch häufiger mal Zweikämpfe höher im Feld und fängt viele Bälle sowohl auf dem Boden als auch in der Luft ab (72.9% gewonnene Luftduelle). Zugleich trifft er aber besonders bei einer höheren Abwehrkette zu häufig die falsche Entscheidung beim aggressiven Rausrücken. Das verursacht eine große Lücke in der Kette, die ggf. von Muheim geschlossen werden kann, welches wiederum schwer ist, weil er am Ball meistens eine Reihe weiter vorne steht. Schonlau trifft solche Entscheidungen mit besserer Übersicht und berücksichtigt somit die Positionierung seiner Mitspieler mehr. Somit rückt er zwar auch gerne aus der Kette raus und führt ähnlich viele Zweikämpfe im mittleren Drittel wie Ambrosius, aber er tut dies mit mehr Besonnenheit.

Ramos ähnelt sich in der Herangehensweise gegen den Ball mit Ambrosius, verfolgt seinen Gegenspieler aber vielleicht etwas seltener und zeigt etwas mehr Disziplin im räumliche Verteidigen. Was bei ihm heraussticht, ist, dass er im Verbund mit Hadžikadunić häufiger Bälle abfängt (2.24) als mit Ambrosius an seiner Seite (1.57). Warum? Weil er im letzteren Verbund vorsichtiger sein muss, beim Verlassen der Kette. Denn, wie gesagt, Ambrosius ist darin relativ undiszipliniert. Hadžikadunić, wiederum, verfolgt eine eher konservative Spielart beim Verteidigen. Er bleibt diszipliniert in der Kette stehen, verteidigt eher den Raum als den Spieler und kann mit seiner Größe auch immer wieder sehr gut lange Bälle in der Luft verteidigen. Auch hier lohnt es sich wieder die defensiven Metriken der jeweiligen Spieler im Vergleich zu Schonlau zu betrachten.

Fazit

Insgesamt zeigt diese Erläuterung zweierlei. Schonlau fehlt nicht nur als Kapitän und weil er Qualitäten im Aufbauspiel hat, die kein anderer Innenverteidiger im Kader kompensieren kann, seine Aufstellung bietet auch das Fundament dafür, dass besonders Hadžikadunić der Mannschaft mehr helfen kann. Zugleich ergänzen sich die beiden Innenverteidiger sehr gut. Während man mit Mario Vušković noch einen Innenvertediger hatte, der ähnlich wie Schonlau als Passspieler und Ballführer hohe Qualitäten mitbringen konnte, hat Hadžikadunić ein weniger komplettes Profil, das aber gut mit den Stärken von Schonlau zusammenpasst. Aber auch gegen den Ball ergänzen sich die beiden Spieler gut. Während Schonlau besonnen aber durchaus mutig nach vorne verteidigen kann, bleibt Hadžikadunić lieber in der Kette stehen und springt höchsten bei hohen Bällen heraus, die er mit seinem sehr guten Kopfballspiel abfangen kann. Interessanterweise hat sich diese Konstellation schon in der Hinrunde der Saison 22/23 entwickelt. Denn die Spielweise von Vušković hatte sich im Vergleich zur ersten Saison radikal verändert, zumindest wenn man den Daten Glauben schenken will.

Hier sieht man in dem orangenen Bereich sehr gut, dass die progressiven Aktionen (Pässe und Ballführungen) von Vušković wesentlich weniger geworden sind. Ähnliches passierte bei Schonlau aber mit weniger Radikalität und zugleich trotzdem überdurchschnittliche viele progressive Ballführungen machte.

Grundsätzlich wurde die Verantwortung der Ballprogression auch mehr auf die Außenverteidiger verlagert, besonders auf Muheim. Diese Saison hat man aber die Möglichkeit von beidem zu profitieren, nur hängt es im relativ großen Maße von Schonlau ab, der nun hoffentlich bald wieder zurückkehren wird.

Benedikt
Benedikt
Artikel: 19

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert