Das Problem mit dem Selbstvertrauen #FCHHSV in der Analyse

Es sollte wohl mehr nur eine Kurskorrektur sein. Man träumte mit dem Hamburger Jung Merlin Polzin wohl schon von einem Neuanfang, welches sich vielleicht zu einem Märchen entwickeln könnte. Endlich den Aufstieg schaffen und das mit einem Hamburger auf der Trainerbank. Die Euphorie über dieses Szenario dürfte sich nach dem durchaus enttäuschendem 2:2 bei Hansa Rostock für das Erste verflüchtigt haben. Der HSV gab ein verunsichertes Bild ab. Man sah ein Team, dass den Rostockern in der Physis über 90 Minuten lang nicht gewachsen war. Ein bekanntes Bild. Auch aus Osnabrück, Elversberg und Wiesbaden kennen wir diese HSV-Auftritte die mit einem Erstrundenpokalaus vergleichbar waren. Auch die Statistik liest sich wie eine komplette Katastrophe. Gegen die aktuell (Stand: 18.2 14:12 Uhr) 16. bis 18. der Liga holte man nur 2 Punkte in der Fremde. Zu wenig oder auch inakzeptabel für die Aufstiegsambition des HSV. Die Angst ist zurück im Volkspark. Die Angst vor einer weiteren Saison in Liga 2.

Das Spiel am vergangenen Samstag war nur auch nicht der Mutmacher, auf den man durchaus nach einem Trainerwechsel hoffen durfte. Aber was hat Merlin Polzin in seinem ersten Spiel als Cheftrainer überhaupt umgesetzt? Liegen die Probleme wirklich auf der Trainerbank? Auf Spurensuche an der Ostsee.

Personell stellte sich der HSV nach der Benes und Hadzikadunic Sperre praktisch von selbst auf. Vor allem da Merlin Polzin nichts an seiner Grundformation veränderte. Ein Fragezeichen stand lediglich hinter der Torwartfrage und der Konstellation der Innenverteidigung. Am Ende spielte die Kombination, die man nach der Trainingswoche erwarten konnte. Raab im Tor und Ramos neben Ambrosius in der Innenverteidigung.

Bei den Rostockern wurde viel durchgemischt. Pröger und Stafylidis fielen kurzfristig aus, ebenso LIV Rossipal. All diese Wechsel resultierten am Ende in einer 3er Kette mit Bachmann als RIV, Ruschke auf der rechten Schiene, Schumacher links und den beiden Stammspielern Rossbach und Hüssing. Davor startete Dressel. Halbrechts agierte Fröling. Im Sturm agierte das Duo aus Perea und Junior Brumaldo. Und 10er Svante Ingelsson hatte eigentlich jede Freiheit auf dem Platz und war auf der 10, dem linken Flügel und in letzter Linie zu finden.

Die grösste Veränderung die Polzin im Spiel des HSV vornahm, war die Grundstruktur gegen den Ball. Man agierte in einem 523, in dem Jonas Meffert in die letzte Linie zwischen die beiden Innenverteidiger kippte. Pherai agierte im Zwischenlinienraum davor und Ludo Reis stand meist etwas höher und orientierte sich an Dressel.

Rostocks 3-1 Aufbau konnte man mit dieser Anpassung ins 523 perfekt spiegeln. Auch das Anlaufen (speziell von Dompe) war gut umgesetzt vom HSV. Speziell Dompe lief Bachmann bei Ballbesitz immer in einem Bogen an, sodass er oft den Pass auf Ruschke entweder verzögern oder sogar verhindern konnte. Der HSV forcierte das Spiel immer wieder ins Zentrum, in der Rostock Dressel selten bis gar nicht fand, dank dem Deckungsschatten von Glatzel und von Reis’ höherer Position gegen den Ball. Mal auf der Schiene konnten auch Muheim und van der Brempt immer schnell auf die gegnerischen Flügelverteidiger zugreifen.

Das Rostocker Aufbauspiel war kaltgestellt. Rostock fand mit Ball praktisch keine Lösungen. Einziger Lichtblick waren Standardsituationen und lange Bälle hinter die Kette, die Ambrosius und Ramos nur mit Mühe verteidigen konnte. Auch auf Kosten von Fouls und gelben Karten. Die Sicherheit die der HSV durch die Struktur ausstrahlen konnte, war in die Tiefenverteidigung absolut nicht gegeben. Rostock konnte zumindest in Halbzeit 1 kein Kapitel daraus schlagen.

Im Spiel mit Ball blieb es bei den Walterball-Strukturen. Meffert schob aus seiner tieferen Defensivposition hoch in den Zwischenlinienraum zwischen Innenverteidigung und 8. Reis und Pherai agierten für HSV Verhältnisse ziemlich tief, gerade Reis kippte oft auf eine Höhe neben Meffert im HSV-Aufbau. Rostock agierte dagegen variabel, aber auch etwas chaotisch.

Zunächst sah es so aus, als würden die Rostocker gegen den Ball in einem 4-2-4 agieren, da gerade Bachmann oft auf den linken HSV 8er (meistens Reis) vorschob und ihn mit seiner Physis auch das gesamte Spiel dominierte. Man kann es leider nicht anders ausdrücken. Der HSV hatte Mühe den freien Mann im Aufbau zu finden. Dies lag speziell an wenig Progressivität und Mut der beiden HSV-Innenverteidiger. Ambrosius spielte viele Querpässe und auch Ramos fehlte der Mut gegen diese Mannorientierungen anzudribbeln.

Lösungen fanden sich auf HSV Seite meistens auf der linken Seite mit simplen Methoden wie Doppelpässen oder Dribblings. Die Dreiecke aus Reis, Dompe und Muheim fanden regelmässig Erfolg die erste Linie der Rostocker zu überspielen. Sie waren umso erfolgreicher, wenn Ludovit Reis aus einer zunächst tieferen Position agieren konnte und ihm somit Bachmann nicht direkt mit seiner Physis in eine Unsauberkeit zwingen konnte.

Das dickste Problem der HSV-Offensive zeichnete sich nach dem Bespielen dieser ersten Linie ab. Die Unsauberkeiten, technischen Fehler, unsaubere Pässen und schlechten Entscheidungen häuften sich in einer Regelmässigkeit, die ich so vom HSV lange nicht mehr wahrnehmen durfte. Es war wirklich erschreckend.

Es ist umso ärgerlicher, wenn man sich genauer anschaut, was Rostock dem HSV gegen den Ball angeboten hat. Rostock veränderte ihr 4-2-4 mit zunehmender Spielzeit in eine Art 5-1-4, in dem allerdings die Halbverteidiger Rossbach und Bachmann permanent die HSV 8er schon in der gegnerischen Hälfte anliefen. Die Räume die sich hinter diesem Vorwärtsverteidigen ergaben, waren riesig. Eigentlich gefundenes Fressen für den HSV. Eigentlich.

Die Hansa war zudem alles andere als konstant in ihrer Defensivformation. Der offensive Freigeist Ingelsson hatte auch gegen den Ball immense Freiheiten. So gab es Situationen, wo er in die Zentrale schob und Jonas Meffert mannorientiert verfolgte. Mit Bachmanns Vorwärtsverteidigen ergab sich so ein sehr asymmetrisches 4-3-3. Die rechte HSV Seite war praktisch ungedeckt, da Jatta permanent Schumacher in letzter Linie pinnen konnte. Die Räume für progressive Läufe waren riesig für Ignace van der Brempt. So auch vor dem 1:0, vor dem er vor seiner Flanke über das halbe Spielfeld laufen konnte ohne wirklich angegriffen zu werden.

Auch waren Rostocks Mannorientierungen geprägt von chaotischen Staffelungen. Das Anlaufen wirkte zufällig, die Abstände vogelwild. Es reichte meist ein simpler Ball von Ramos oder Ambrosius um 3 Rostocker zu überspielen. Der HSV hatte Räume, er machte sich das Leben nur wieder mal selber schwererer als es am Samstagmittag war.

Die Lösungsfindungen in Halbzeit 2 waren ähnliche, wie noch in der ersten Hälfte. Rostock veränderte zwar Details, wie die zentralere Position von Ingelsson und dem weniger Vorwärtsverteidigen von Bachmann um Dompe die 1 gegen 1 Duelle auf der Außenposition zu nehmen, die Lösungen gegen die Mannorientierungen blieben auch mit Noah Katterbach auf links die selben. Reis konnte durch weniger Druck öfter das Dreieck mit Dompe und Katterbach bilden und es reichte wieder ein Doppelpass um aus der Tiefe in die Passdynamiken zu kommen. Die Probleme in der gegnerischen Hälfte blieben trotzdem die selben.

Nach dem unnötigen Ausgleichstreffer, wollte die Hansa das Spiel nun komplett zu ihrem eigenen machen und dem mental angeschlagenen HSV zeigen, dass die nächsten 40 Minuten weiter weh tun werden. Rostock setzte strukturell (wenn man das überhaupt so nennen kann) auf eine Art von 5-1-4. Man wollte den HSV in der ersten Linie unter Druck setzen und in Zweikämpfe und auch Fehler zwingen. Dies gelang auch. Dem HSV fehlte, vor allem aus der IV Position heraus, alles an Mut mit Ball, was ihn sonst auszeichnete. Die Verunsicherung war extrem hoch. Zumindest sah es von Außen so aus. Dies zog sich auch durch alle Mannschaftsteile. Matheo Raab zeigte gerade bei der Raumverteidigung spielentschiedene Schwächen, das Aufbauspiel der IVs war non-existent. Die Zweikampfquote der Innenverteidiger liegt im 20% Bereich, auch Kapitän Reis gewinnt nur 27% seiner Bodenzweikämpfe. Der HSV wurde von der Physis und dem Willen der Rostocker erschlagen.

Und dabei waren die Räume, die die Rostocker dem HSV anboten wirklich immens. Mich hat in meiner “Walterball-Analyse” Zeit selten so eine Halbzeit so gequält, wie die zweite Hälfte am Samstag. Situativ konnte sich der HSV sogar mal bis an die Grundlinie spielen. Speziell der Steil-Klatsch aus Pherai, Dompe und Glatzel war einer der wenigen Lichtblicke im HSV Spiel. Es war klar, dass das zweite Tor über einen dieser 3 Akteure fallen musste.

Am Ende stehen verlorene 2 Punkte. Aber wie viel Anteil hat Polzin an diesem Spiel? In meinen Augen ist der defensive Matchplan mit dem 523 zumindest in Halbzeit 1 komplett aufgegangen. Dass der HSV dann in Halbzeit 2 aus dem Nichts seine Abstände vernachlässigt und in der Restverteidigung keine Zweikämpfe mehr gewinnt, ist für mich absolut nicht erklärbar und lässt auf ein tieferes Problem in den Köpfen der Akteure schließen.

Offensiv kann man durchaus erwarten, dass die Spieler mit ihrem Skillset und ihrer Erfahrung in dem System alle das nötige etwas mitbringen sollten um so chaotische Man-to-Man Defensiven zu knacken. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und sagen, dass der HSV eigentlich alles hat diesen Mannschaften sogar richtig wehtun zu können.

Es fehlt beim HSV die Resilienz. Der Glaube an seine eigenen Fähigkeiten. Die Ironie des ganzen? Mit dem Rücken zur Wand taucht es zumindest in Ansätzen wieder auf. Der HSV steht an einem gefährlichen Kipppunkt in ihrer Saison. Ähnlich wie in diesem Spiel gegen Rostock ab Minute 55. Es ist Zeit den Kampf anzunehmen.

Ein Kommentar

  1. “Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen und sagen, dass der HSV eigentlich alles hat diesen Mannschaften sogar richtig wehtun zu können.”
    Das Mysterium zog sich durch die gesamte Walterzeit. Du hast selbst nach 0:3 Halbzeitrückstand das Gefühl, dass ein Unentschieden locker möglich ist. Aber umgekehrt hast du bei 0:0 Halbzeitstand nie das Gefühl, dass es einen entspannten 3:0 Sieg geben könnte. Obwohl man in beiden Szenarien exakt gleich viele Tore schießt.

    In Walters erster Saison hat er 7x mit mindestens drei Toren Unterschied gewonnen, letzte Saison noch 3x und diese Saison einzig und allein gegen die Hertha, die mitten in der Transferphase noch im großen Umbruch war. Also ein deutlich rückläufiger Trend, obwohl der Kader jede Saison verstärkt wurde. Aus meiner Sicht waren diese Statementsiege elementar für den Walterfußball. Nicht nur für das Selbstbewusstsein in die eigenen Abläufe, sondern vor allem auch um die Gegner zu demoralisieren. Wenn die Gegner bei Anpfiff im Hinterkopf haben, dass sie beim HSV richtig unter die Räder kommen können, treten sie viel vorsichtiger auf, als wenn sie einen verunsicherten HSV spüren und mit dem sprichwörtlichen Messer zwischen den Zähnen auflaufen.
    Man kann natürlich nicht jedes Spiel 5:0 gewinnen. Manchmal ist der Spielverlauf so, dass es korrekt ist, eine knappe Führung zu verwalten oder sogar ein Unentschieden über die Zeit zu bringen. Aber häufig schaltet man auch vollkommen unnötig in den Verwaltungsmodus, obwohl der Gegner sehr viel anbietet. Ein 5:0 Sieg alle zehn Spieltage muss mit diesem Kader eigentlich möglich sein und würde sehr viel mehr bringen, als bloß fünf Zähler in der Tordifferenz.

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