Die 180 Grad Wende – #HSVOSN Analyse

Es war lange her, dass mich ein Spiel in der Saisonmitte so zurückgelassen hat, wie es das vergangene Spiel am Sonntag getan hat. Der HSV vergab eine riesige Chance sich Luft im Aufstiegsrennen zu verschaffen und ordentlich Boden gutzumachen. Stattdessen hat man auf Kiel, Düsseldorf, 96 und Paderborn sogar einen Punkt verloren.

Und das alles zuhause. Gegen den Tabellenletzten aus Osnabrück, der bis dato noch keinen Auswärtsdreier geholt hat. Viel schlimmer noch: Der HSV lieferte zudem eines seiner schlechtesten Spiele des laufenden Jahres, wenn nicht vielleicht sogar das schlechteste.

Aber was ist da passiert am Sonntag im Volksparkstadion? Wir gehen der Sache auf dem Grund:

Personell veränderte sich beim HSV ziemlich wenig. Der kurzfristig erkrankte Muheim wurde durch Noah Katterbach ersetzt. Am Rest der 11 veränderte sich nichts.

Bei den Gästen aus Osnabrück gab es ebenfalls nur einen Wechsel. Makridis ersetze Wulff, das bedeute, dass Michael Cuisance als 10er auflief.

Den HSV erwischte (wieder mal) eine frühe kalte Dusche. Nachdem ich noch in der Preview Cuisance für seine wenigen und bis dato keinen Assist kritisierte, war es natürlich Cuisance der das 0:1 vorbereitete. Über das Abwehrverhalten beim 0:1 wurde viel geredet. Am Ende ist es wohl eine Mischung aus Pech und auch Unaufmerksamkeit. Ein Bild, welches sich nun schon durch die ganze Saison des HSV zieht. Es ist bereits das 9. Gegentor, welches der HSV in den 15 Minuten kassierte. Ligaspitze. Bei 35 Gegentoren sind das sage und schreibe knapp über 25% aller Gegentreffer, die der HSV kassiert. Umso besorgniserregender ist, dass der HSV lediglich 2 Punkte holen konnte, nachdem man früh mit 0:1 in Rückstand geraten ist. Das Narrativ des Comeback-HSV ist schon lange nicht mehr das, was es unter Walter mal war.

Das 0:1 spielte den Gästen natürlich ordentlich in die Karten. Man konnte sich die nächsten 80+ Minuten nun auf die Kernkompetenz verteidigen beschränken. Der HSV agierte dagegen ähnlich wie gegen Elversberg im eigenen Ballbesitzspiel. Beide Außenverteidiger agierten sehr flach. Reis kippte situativ auf die Doppel 6, Pherai pendelte horizontal und vertikal zwischen den Linien. Königsdörffer agierte wieder im Halbraum als tieftauchender Außen. Jatta hielt in Halbzeit noch oft die Breite.

Dem HSV viel wenig ein. Aber auch weil Osnabrück das ebenso gut machte. Man verschob diszipliniert, hielt die Abstände gering und hatte die richtigen Pressingtrigger. Einer dieser war meistens der Ball auf Katterbach. Osnabrück provozierte den Aufbau auf der linken Seite mit einem leicht linksversetztem 3-3 Block in der Zentrale. Engelhardt schob in diesem auf den rechten Halbraum hinaus, Cuisance schob situativ in die erste Linie und Makridis übernahm den Part auf der linken Seite.

Betrachtet man nun die typischen Bewegungsabläufe ohne Ball, so wurde einem recht schnell klar, dass beide HSV 8er als zusätzliche Breitengeber agieren sollten. Speziell mit der zunächst flachen Positionierung von Noah Katterbach, der in den ersten 15-20 Minuten oft noch auf einer Höhe mit der restlichen Viererkette agierte. Ludo Reis kippte oft breit nach links heraus, Königsdörffer hielt permanent den Halbraum. Auf der anderen Seite hielt Jatta die Breite. Pherai kippte entweder vor ihn oder attackierte die Tiefe und den Raum zwischen Diakhite und Kleinhansl. Van der Brempt hatte wenige gute Pässe auf Pherai in die Tiefe, allerdings hatte dieser oft Probleme diese meist hohen Bälle gut zu verarbeiten. Ein Problem, welches sich durch das gesamte HSV Spiel ziehen sollte.

Auf der linken HSV-Seite war es zum Teil echt schwere Kost. Durch Osnabrücks leicht versetzten Block, war meist Katterbach der freie Mann im HSV Aufbau. Allerdings fehlte ihm zunächst die Bindung zum Rest der Struktur. Ein Problem, welches sich in vielen Varianten im HSV Spiel zeigte. Nach Pass auf Katterbach wurde dieser meist vom herausschießenden Conteh gepresst. Schaffte es dieser nun noch die ballnahe HSV 8 in seinen Deckungsschatten zunehmen, war die HSV Zentrale so gut wie aus dem Spiel. Schaffte es zusätzlich Engelhardt die Passspur zurück zu Schonlau zu stören, blieb Katterbach neben dem Rückpass auf Torwart Raab nur eine Option: Der Pass der Spur entlang auf Ransford Yeboah Königsdörffer. Eine Option die 0,0 Erfolg hatte. Den Winkel den Königsdörffer in diese Situationen mitbrachte, war alles andere als ideal und zudem sehr einfach wegzuverteidigen von Ajdini. Ajdini konnte praktisch auf jeden Ball springen und ihn ohne viel Probleme klären. Dem HSV fehlte hier ein Breitengeber im letzten Drittel. Man war praktisch gefangen im Osnabrück 3-3 Block. Wie schon im Hinspiel.

Auch das Herauskippen von Ludovit Reis veränderte wenig an den Problemen, die der HSV an diesem Tag in seinem Positionsspiel hatte. Reis erhält zwar in höheren Zonen als zuvor Katterbach den Ball, allerdings konnte auch Reis Königsdörffer nie richtig in Szene setzen. Da entweder Pass oder Passwinkel immer noch alles andere als optimal waren. Gymafi und Ajdini hatten kaum Mühe dies zu verteidigen. Auch konnte der HSV Ajdini nie aus seiner Kettenposition lösen, da sich Conteh bei einem Kippen von Reis nur an diesem orientierte und Katterbach komplett außer acht ließ.

Variante 3 von wenig progressiven Pass- und Positionsspiel fand sich wieder in der kompletten Isolation von Noah Katterbach. Zirkulierte der HSV horizontal, so wurde ersichtlich, dass der HSV meist auf der eigenen rechten Seite mit Pherai einen extra Mann zwischen den Linien hatte. Resultat dessen war sehr viel grün für Noah Katterbach. Durch seine flache Position konnte Osnabrück das Spiel um ihn herum allerdings zügig wieder zuschieben. Zudem hatte Noah Katterbach mit Ball absolut keine Option, da die ballnahe 8 oft zu langsam zuschob und auch Königsdörffer löste sich selten effektiv in tiefere Räume. Der HSV hatte eine Vielzahl an sehr unnützem Ballbesitz.

Allerdings gab es auch kleine Lichtblicke im Spiel mit Ball. Diese Lichtblicke hingen allerdings an zwei elemantaren Faktoren. Nummer 1: Die Staffelung vom HSV im Aufbau und Nummer 2: Die Positionierung von Meffert und Reis in den Passspuren.

Gerade in der Staffelung hatte der HSV viel Mühe in Halbzeit 1. Oft standen Reis und speziell Meffert zu tief und zu nah an der eigenen Kette. Der Raum dahinter wurde groß und Anschlussstationen wurden meist von der zweiten Osnabrücker 3er Reihe gekillt. Auch versteckten sich Meffert und Reis zu oft in den Deckungsschatten von Cuisance und Co.

Schaffte es der HSV doch mal diese erste Linie vertikal im Zentrum zu überspielen und zusätzlich in den Linien dahinter gut zu stehen, so entwickelten sich gelegentlich gute Dynamiken aus der Zentrale. Leider scheiterten diese dann oft an der Entscheidungsfindung und Schlampigkeit im letzten Drittel.

Der HSV startete ziemlich solide in den zweiten Durchgang. Viele schnelle Ballgewinne und auch die Tiefe konnte man mit Ball finden. Der Schlüssel waren minimale strukturelle Anpassungen, die schon fast der oft gewünschten 3er Kette nahe kamen.

Jatta agierte bis zum Doppelwechsel oft ein wenig tiefer und auf eine Höhe mit Katterbach auf der anderen Seite. Der HSV baute zudem oft über ein 3-1 auf, Reis schob tendenziell ein wenig höher und pendelte wie Pherai viel vertikal und horizontal.

Der HSV schaffte es nun endlich die Osnabrück Viererkette aufzureißen. Speziell Kleinhansl ließ sich oft von der tieferen Position von Jatta etwas locken und öffnete den Raum zwischen ihm und Diakhite, den dann der HSV 8er attackierte. Der HSV kam nun situativ Richtung Grundlinie. Es fehlte allerdings wieder die optimale Lösung in der Box und im letzten Drittel.

Auch konnte der HSV in dieser Struktur sich das Abkippen von Robert Glatzel besser zu Nutze machen. Dieser konnte nun im oft leeren Raum in den Taschen neben Jonas Meffert auffüllen. Durch die hohe Positionierungen von RYK und Pherai konnten Gyamfi und auch Diakhite nicht nach vorn verteidigen. Zusätzlich bund Katterbach Ajdini durch seine höhere Position im Aufbauspiel. Glatzel konnte meist ohne direkten Druck den Pass empfangen und hatte auch genügend Optionen im weiteren Spiel nach vorne.

Königsdörffer agierte in der Folge öfter als “richtigere” 9 in der HSV Angriffszentrale. Pherai hatte ebenfalls viele Freiheiten. Es waren Ansätze die einem als HSVer durchaus Mut machen konnten.

Mit dem Doppelwechsel kehrten allerdings die gleichen Probleme zurück. Glatzels Abkippen wurde durch Dompes breitere Position praktisch gar nicht mehr aufgefüllt. Auch Poreba agierte zunächst tiefer als noch Reis in seinen letzten Spielminuten gegen Osnabrück. Zwar schaffte es der HSV durch ein wenig mehr Intensität von Katterbach sich situativ auf links in die Tiefe zu kombinieren, allerdings fehlte meistens das Personal in der Box, da Glatzel durch seine Abkipptendenzen zu selten in die Position kam und Poreba zu oft aus einer zu hohen Tiefe kam, sodass auch dieser null eingreifen konnte. Der HSV wurde wieder zahnlos.

Den Höhepunkt dieser Zahnlosigkeit erreichte man dann als man nur noch gegen 9 Osnabrücker Feldspieler spielte. Osnabrück agierte nun im 441. Allerdings vernachlässigte der HSV personell fast komplett das letzte Drittel. Man blieb sich dem 3-2 Aufbau treu, den Osnabrück durch ihre immer noch zentrale Kompaktheit gut im Griff hatte. Situativ hatte der HSV 5 Mann vor dem Osnabrücker Block. Viel zu viel um gegen einen so tierstehenden Gegner Druck zu entwickeln.

Wer die Möglichkeit hat sich ein Relive anzuschauen, dem empfehle ich die Aufbausequenz rund um die 76. Spielminute. Das ist viel zu ängstlich und auch das zeigt sich in Zahlen. Hat der HSV durch einen situativ tiefen Katterbach (welches durch die Dompe-Breite wieder öfter vorgekommen ist) und zwei tiefe 6er mit Poreba und Meffert in der ersten Linie zwar ein 6 gegen 1, allerdings spielt man im letzten Drittel 4 gegen 8. Das würde ich als Osnabrück in dieser Situation auch dankbar annehmen. Es ist also kein Zufall, dass der HSV gegen dieses tiefe 441 keinen Druck erzeugen konnte. Es fehlte einfach Personal in höheren Zonen.

Osnabrück hatte am Ende den perfekten Matchplan. Man konnte sich früh auf die Kernkompetenz, Verteidigen, beschränken und den HSV mit seinem wenig mutigen Ansatz an sich selbst scheitern lassen. Zudem hatte man natürlich in den zwei Momenten auch das gewisse Glück, dass der Ball ins HSV Tor oder der Fuß van der Brempts auf Tesches flog. Ansonsten kam von Osnabrück wirklich nichts. 0,0 xG aus dem Spiel heraus sprechen eine mehr als deutliche Sprache. Auch machten die Osnabrücker dem HSV nicht den Gefallen viel hinten herum zu spielen. Eine PPDA von 6,7 sprechen auch hier eine deutliche Sprache. Kaum in Ballbesitz, droschen die Kollegen um Torwart Kühn das Leder einfach nur nach vorne, sodass der HSV nie oder selten in den Genuss von hohen Ballgewinnen kommen konnte. Am Ende waren 30% (70 Pässe) aller Osnabrücker Pässe lang gespielt. Wenn sie es doch mal schafften, blitze dann doch oftmals die spielerische Klasse um zum Beispiel einen Pherai auf. Wie er Gyamfi hier praktisch in das Foul zwingt ist schon große Klasse.

Dennoch ist das natürlich viel zu wenig. Speziell gegen 10 Osnabrücker ist ein “viel zu wenig” eine absolute Untertreibung. Man steht jetzt in Düsseldorf Freitag gehörig unter Druck. Eine Niederlage oder sogar ein Remis erscheinen auf 3 Spiele betrachtet in der Ära Baumgart viel zu wenig.

Es ist nun an Steffen Baumgart, dass er wieder den Mut zurück in das HSV Spiel bekommt. Ohne den Mut wird es nämlich auch gegen ein tiefes Düsseldorf wohl lange zäh und schwierig. Sollte es ihm nicht gelingen und sollte der HSV auch im nächsten Spiel im Ballbesitz ein zahnloser Tiger sein, dann müssen wir wohl zwangsläufig von einer 180 Grad Wende nach der Ära Tim Walter sprechen.

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