Was zeichnet den Kader der Kleeblätter aus? #SGFHSV

Nachdem die Deutsche Nationalmannschaft in der Länderspielpause zwei Erfolgserlebnisse feiern durfte, herrscht in Fußball-Deutschland endlich mal wieder sowas wie vorsichtiger Enthusiasmus. Und auch beim HSV ist nach dem Sieg gegen die Wehener aus Wiesbaden und einem erfolgreichen Testspiel leichter Optimismus erlaubt. Zugleich trifft man im nächsten Ligaspiel am Sonntag auf die Fürther Kleeblätter, die zuletzt drei Mal hintereinander leer ausgingen und auch in ihrem Testspiel gegen Augsburg 1:4 verloren haben. Somit stehen sie nun lediglich auf dem 8. Tabellenplatz mit einem 6 Punkteabstand auf den HSV und ganzen 11 Punkten auf einen direkten Aufstiegsplatz. Meine Vorhersage von vor 3 Spieltagen ist also schon (fast) eingetreten.

Sie könnten bald aus dem Aufstiegsrennen fallen.

https://rautenball.de/2024/03/01/der-endspurt-beginnt-wer-verdient-den-aufstieg-und-wer-hat-die-besten-karten/

Trotzdem sind die Fürther nicht zu unterschätzen. Aber ehe sich Daniel mit ihren taktischen und spielerischen Anlagen genauer befasst, möchte ich euch eine kleine Einweisung in mehrere Kernelemente des Fürther Kaders bieten. Denn diese Mannschaft hat viel Qualität in ihren Reihen.

Die Offensive

Trotz nur 37 erzielten Toren (13. ligaweit) sticht die Offensive heraus. Mit Lemperle, Sieb und Hrgota stehen meistens drei qualitativ hochwertige Angreifer in der Startaufstellung.

Was sie im Verbund auszeichnet ist besonders das progressive und kreative Spiel. Das könnte aber zugleich auch ihre Schwäche sein. Denn für jede kreative Aktion benötigt es auch einen Abnehmer und somit einen Zielspieler bzw. Torjäger, der erspielte Möglichkeiten in gefährliche Abschlüsse verwandelt. Zwar sind in letzterem alle drei unter den besten 80% der Liga einzustufen, aber wenn es alleine um Stürmer geht, sind sie bei den sogenannten npxG pro 90 Minuten nur bei den unteren 40% (Hrgota 0,25 und Lemperle 0,26) und den oberen 50% (Sieb 0,34) einzustufen. Zum Vergleich, Glatzel hat einen npxG-Wert von 0,52 und bei Ache liegt er sogar bei 0,66. Vergleicht man diese Werte nun mit dem vom 2. besten Torschützen des HSV, László Bénes, dann sind es 0,25. Dieser hat aber zugleich weniger progressive Verantwortung und somit ist es vielleicht nicht überraschend, dass die Fürther Vorderleute Probleme haben gefährliche Torchancen zu bekommen und Tore zu erzielen. Wie gesagt, dem Kleeblatt fehlt ein klarer Torjäger.

Cluster-Analyse

Das ganze lässt sich nochmal unterstreichen, wenn man die Daten der 2. Bundesliga anhand einer sogenannten Cluster-Analyse genauer untersucht. Zur Erklärung, eine Cluster-Analyse wird benutzt, um Einträge in einer Datenbank (in diesem Fall Spieler) in Gruppen mit ähnlichen Eigenschaften aufzuteilen. Folgendes Streudiagramm dient hier als Veranschaulichung.

Selbst mit dem Auge sind hier bereits einige Gruppierungen zu erkennen. Eine Gruppe (Cluster) definiert sich letztlich dadurch, dass die Metriken der Spieler innerhalb eines Clusters möglichst nah beieinander sind und die zu Spielern außerhalb des Clusters möglichst weit entfernt. Das ganze lässt sich mathematisch berechnen, also muss es nicht über ein Diagramm geschehen, was eh sehr ungenau wäre. Zudem ist die Methode über ein Diagramm in unserem Fall auch nicht umsetzbar. Warum? Das aufgezeigte Streudiagramm befasst sich mit nur zwei Metriken. Die Entwicklung beider Werte habe ich in vorigen Artikeln erklärt, ABER zuzüglich sieben Anderer. Und somit haben wir nicht zwei Metriken, sondern neun. Und neun Achsen lassen sich visuell nicht darstellen, weil wir eben nur dreidimensionale Wesen sind.

Ich habe eine solche Analyse durchgeführt und dabei sind 7 Gruppen von Spielertypen entstanden. Diese sehen wie folgend aus.

Die drei Fürther Angreifer wurden alle der gleichen Gruppe zugeordnet, die ich auf Grund von den Eigenschaften als “Creative Forward” bezeichnet habe. In den folgenden Grafiken sind die durchschnittlichen Eigenschaften dieser Gruppe von Spielern in grau zu erkennen. Mit anderen Worten: So sieht der durchschnittliche “Creative Forward” der 2. Bundesliga aus. Der rote Bereich zeigt wiederum die Leistung im Vergleich zu den anderen Spielern in der Gruppe “Creative Forward”. Letztlich muss man sich das wie ein Ranking vorstellen. Das Graue ist das durchschnittliche Ranking des Clusters im Vergleich zu allen Spielern. Das Rote ist das Ranking im Vergleich mit den Spielern im eigenen Cluster. Und somit lassen sich auch kleinere Unterschiede im Vergleich zu anderen Spielern im eigenen Cluster gut zeigen. Dabei ist zu erkennen, dass alle drei Angreifer der Fürther Mannschaft besonders bei Aktionen in den offensivsten Bereichen des Spielfelds unterdurchschnittlich abschneiden (Lemperle) oder zumindest nicht zu den besten der Liga gehören. Im besten Fall sind sie unter den oberen 20% der Liga, was zwar auch nicht schlecht ist, aber besonders wenn es um die Schussgefahr geht gehören sie zum Durchschnitt. Lemperle ist darin knapp unter den oberen 40% einzuordnen und Sieb gehört nur zu den oberen 50%. Wobei diese zwei der Rolle des Torjägers am ehesten gerecht werden, weil sie mehr als progressive Anspieloption dienen und Hrgota auch als progressiver Passspieler sehr eingebunden ist und somit doch eher die Rolle eines 10ers einnimmt. Dieser gibt zugleich auch mehr gefährliche Schüsse ab als die anderen beiden, aber aus einer tieferen Positionierung, weshalb sein npxG-Wert geringer ist. Denn seine durchschnittliche Abschlussdistanz liegt mit knapp 20 Metern unter den oberen 3% von Stürmern.

Das Mittelfeld

Im Mittelfeld hat Fürth zudem noch einen weiteren kreativen Spieler, den in Hamburg bekannten, Julian Green. Zu ihm muss auch nicht viel mehr gesagt werden. Grundsätzlich passt er gut in sein Profil (Cluster) des “Progressive Creator” rein, hat für dieses Cluster aber überdurchschnittlich viel Verantwortung beim proaktiven Verteidigen (Defensiver Druck).

Hinzu kommt die Freiburger Leihgabe, Robert Wagner. Sein statistisches Profil kommt dem eines Innenverteidigers mit hauptsächlicher Verantwortung am Ball als progressiver Passspieler am nächsten. Und somit ist er auch in der gleichen Gruppe von Spielern wie der Hamburger Dennis Hadžikadunić (“Defensive Passer”). Aber dadurch dass er eben doch im Mittelfeld spielt, entstehen natürlich ein paar mehr Möglichkeiten im kreativen Spiel (siehe roter Bereich).

Sein eigenes Profil sieht dann wie folgend aus.

Die Defensive

In der Abwehr sticht bei Fürth besonders die sehr progressive und zweikampfwillige Dreier-Innenverteidigung heraus. Michalski ist diesbezüglich eher traditionell konservativ unterwegs und somit in meiner Cluster-Analyse auch als “Defensive Organiser” eingestuft.

Die zwei äußeren Innenverteidiger sind dafür aber aktiver. Der 22-jährige Maximilian Dietz bietet ein beeindruckendes Profil von progressivem Passspiel und häufig gewonnenen eins-zu-eins Zweikämpfen gegen dribbelnde Gegenspieler (66,7%).

Bei Dietz sticht zudem heraus, dass er für einen progressiven Passspieler aus der Abwehr eine hohe Ballbesitzsicherheit aufweisen kann. Und das obwohl er zugleich überdurchschnittlich gut in der progressiven Ballführung ist für einen Innenverteidiger.

Der Dritte im Verbund ist der als Linksverteidiger ausgebildete Gian-Luca Itter. Er ist sowas wie das Gegenstück zu Muheim, aber wegen seiner nominell tieferen Rolle, weniger kreativ. Beide äußeren Innenverteidiger sind in meiner Cluster-Analyse als “Defensive Passers” eingestuft worden. Wenig überraschend ähnelt das Profil von Dietz noch etwas mehr dem von Abwehrchef Michalski, während Itter den offensivsten Part in diesem Abwehrverbund einnimmt und somit besonders durch mehr progressive Ballführungen oder Ballführungen ins letzte Drittel heraussticht.

Wie gesagt, Itter ist Muheim teils sehr ähnlich, weshalb er innerhalb von seinem Cluster besonders im Spiel am Ball auch heraussticht und zu den besten gehört.

Die Schienen

Auf den Schienenpositionen ist wiederum wenig hervorzuheben. Haddadli bietet im progressivem Spiel am Ball etwas mehr als Asta und verteidigt proaktiver gegen den Ball (obwohl beide darin eher durchschnittlich abschneiden). Das ist durch den häufig offensiver ausgerichteten linken Innenverteidiger (meistens Itter), aber keine große Überraschung.

In der Cluster-Zuordnung ist Haddaldi ein “Midfield Passer”, aber durch seine Schienenrolle bietet er etwas mehr als progressive Anspielstation und durch Ballführungen.

Asta ist ein “Midfield Carrier”, aber keiner der in irgendeiner Form heraussticht.

Grundsätzlich scheint es mir, dass die Fürther Schienen ein weiterer Grund für die wenigen Tore sind. Damit meine ich weniger ihre Qualität und eher die limitierte offensive Spielanlage die entsteht, wenn man letztlich mit fünf Verteidigern spielt. Während die Innenverteidigung mutig zusammengestellt ist, könnten die Schienen etwas mehr offensive Gefahr gebrauchen. Tatsächlich gab es teilweise auch schon den Versuch mit Petkov auf der linken Schiene zu spielen. Er ist ein weiterer “Creative Forward” im Fürther Kader, bekommt aber nur wenig Spielzeit und steuert innerhalb von seinem Cluster am Ball auch nur relativ wenig bei.

Der Torwart

Und natürlich sollte auch der erst 20-jährige Torhüter Jonas Urbig erwähnt werden. Denn dieser ist nicht nur jung und talentiert, sondern schon jetzt einer der Besten der Liga. Er ist nicht nur gut, sondern hat ein brutal komplettes Profil mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten in fast allen Bereichen. Ob es die Paraden auf der Linie sind, das proaktive Verhindern von Torschüssen durch Abwehrmaßnahmen außerhalb vom Strafraum und in der Luft oder seine Einbindung im Spielaufbau. Er kann in allen Bereichen mitwirken.

Fazit

Der HSV trifft also auf eine Mannschaft die gemischte Gefühle herbeiführt. Einerseits gibt es jede Menge Progressive und Kreative Qualität im Kader mit einer guten Mischung aus Erfahrung und Talent. Andererseits scheinen bestimmt Kernprofile, wie ein torgefährlicher Mittelstürmer, zu fehlen und die Flügel sind offensiv nicht überzeugende besetzt. Hinzu kommt, dass die Fürther seit der Rückrunde weniger ins gegnerische Drittel kommen und dabei sogar noch mehr an Spielen in den gegnerischen Strafraum verloren haben.

Zugleich haben sie defensiv nachgelassen. Zwar kommen die Gegner nicht unbedingt häufiger in das Fürther Drittel oder ihren Strafraum, aber durch mehr Schüsse und eine größere Chancenqualität entstehen auch mehr Gegentore.

Aber nun freue ich mich auf die Gegneranalyse von Daniel, die in den nächsten Tagen kommen wird. Denn dieser wird diesen Zahlenmustern dann wieder etwas Leben einimpfen können, wodurch wir alle angemessen vorbereitet sein werden auf die kommende Auswärtspartie.

In dem Sinne: Nur der HSV!

Benedikt
Benedikt
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