No Benes, no Party – #HSVKSV Analyse

Der Stachel sitzt auch ein paar Tage nach der 0:1 Niederlage gegen die KSV Holstein immer noch tief. Die Saison ist medial, emotional und fast auch rechnerisch für zu Ende erklärt. 12 Punkte auf Kiel, 11 Punkte auf den Stadtrivalen und auch 6 auf Düsseldorf. Das ist die bittere Realität nach 30 Spieltagen in dieser Saison, welche eine der bittersten in der Vereinsgeschichte werden könnte.

Aber spulen wir etwas zurück: Samstagabend, Flutlicht, Tabellenführer zu Gast, ausverkauftes Haus. Nach Düsseldorfs Sieg zuhause gegen Greuther Fürth war es für den HSV klar, dass Verlieren verboten ist. Das war es sowieso, wenn man noch mal Ansprüche auf einen möglichen direkten Aufstieg anmelden wollte.

Eine Stunde vor Anpfiff dann die Schockmeldung: Topscorer und wahrscheinlich neben Schonlau wichtigster HSVer Laszlo Benes fällt kurzfristig aus. Dafür feierte Ignace van der Brempt sein Comeback nach langer Verletzungspause. Reis rückte auf die tiefe 8er Position neben Meffert, Pherai agierte eine Reihe weiter vorne. Auf den Flügeln überraschte HSV-Coach Baumgart. Links startete nicht Dompe, der Magdeburg im Alleingang seine Grenzen aufzeigte, sondern Königsdörffer. Rechts startete ebenfalls überraschenderweise Levin Öztunali und auch Robert Glatzel und Hadzikadunic rückten zurück in die Startelf.

Bei Kiel veränderte Coach Marcel Rapp nur auf einer Position. Auf der rechten Innenverteidiger Position startete Carl Johansson. Dafür draußen blieb Tom Rothe. Dies bedeutete, dass Porath seinen verkappten Wingback auf der linken statt der rechten Schiene gab. Rechts rückte Timo Becker eine Position weiter raus.

Die ersten Minuten des Spiels zeigten dann direkt in welche Richtung dieses Spiel gehen sollte. Der HSV mit viel Ballbesitz, Kiel mit ihrem 5-2-Skrzybsky-2 dagegen und mit brutaler Fehlervermeidungstaktik mit eigenem Ball.

Strukturell agierte der HSV aufgrund des anderen Personals allerdings verändert im eigenen Spiel mit dem Ball. Der tiefe 3er Aufbau aus Schonlau, Hadzikadunic und Muheim blieb zwar bestehen, allerdings agierte Reis nun permanent zentral in diesem 3-2 Aufbau Konstrukt. Van der Brempt rückte weit vor und war der Breitengeber auf der rechten Seite. Flügelspieler Öztunali agierte eingerückt im rechten Halbraum. Königsdörffer war Breitengeber auf der linken Seite und Pherai roamte, wie immer eigentlich, zwischen den Linien. Strukturell ergab dies wohl am ehesten ein 3-2-5, was einem durchaus suggerieren könnte, dass Baumgart gezielt Mann gegen Mann in der letzten Linie spielen wollte.

Holstein Kiel veränderte ihren Ansatz hingegen nicht. Den stark gegen den Ball arbeitenden 2-3 / 3-2 Block sah man auch gegen den HSV.

Das Gesamtbild im eigenen Ballbesitz war allerdings kein gutes. Elemente, die eine Woche zuvor in Magdeburg, durchaus für Dynamiken und Gefahr sorgten, vermisste man gegen die KSV auf ganzer Linie in fast jedem Mannschaftsteil. Sei es gruppentaktisch oder auch auf den einzelnen Spieler bezogen.

Der HSV wirkte ängstlich. Es war auch auf dem Platz wiederzuerkennen, dass der HSV unter enormen psychischem Druck stand. Für eine Ballbesitzmannschaft mit eh schon angeknackstem Selbstvertrauen alles andere als ideal. Vor allem gegen dieses Bollwerk.

Grundsätzlich hatten die Hamburger Spieler besonders darin Probleme den Ball durch das Zentrum zu spielen. In den vergangenen Wochen wurde dies bereits zum Hindernis, weil sich in der Staffelung vor der ersten Aufbaureihe immer wieder schlecht war. Dabei ging auch häufiger der Ball verloren. Nun konnte man sich aber besonders durch Angst auszeichnen. Zu wenig Mut wurde gezeigt den Ball aus der 3-2-5 Struktur an einen freistehenden Mitspieler in den Halbräumen zu spielen. Das lag zum einen an den ballführenden Spielern, die es sich nicht zutrauten einen flachen Ball diagonal auf den Mitspieler zu spielen. Zum anderen waren aber auch die dynamischen Bewegungen in diese Räume nicht vorhanden. Denn es reicht natürlich nicht, die Halbräume rigide zu besetzen, sie müssen vielmehr auch belaufen werden. Dies geschah zu selten und somit wurde Laszlo Benes in diesem Spiel auch besonders vermisst.

Stattdessen verliefen die Spielabläufe immer wieder auf die Flügel, ohne dass daraus eine Dynamik entstehen konnte, die für mehr als nur Flanke in den Strafraum steht. Aus 43 Flanken kamen aber auch nur 5 bei einem Mitspieler im Strafraum an, wobei 3 davon von Dompe kamen, der aber auch erst in der 70. Minute eingewechselt wurde. Insgesamt fehlte es hier entweder in der Idee oder der Umsetzung beim dynamischen Besetzen von klar definierten Räumen. Was bliebt, ist das U mit dem um den Kieler Block gespielt wurde, um wie gesagt, ineffiziente Flanken zu spielen.

In der 2. Halbzeit verbesserte sich das ein wenig. Pherai und Öztunali bewegten sich jetzt klarer in den jeweiligen Halbräumen links und rechts…und dabei hatten sie auch viel Platz.

Dennoch entstanden weiterhin kaum Idee wie diese Räume vor der Kieler Kette bespielt werden können. Die Kieler stehen zentral natürlich auch mit viel Kompaktheit, aber beim HSV fehlte es hier auch weiterhin in den Wechselbewegungen, um den Ball über einen Dritten gefahrbringend vor die gegnerische Kette zu spielen. Lediglich Glatzel versuchte es einige Male über das Klatschen, wurde von Erras aber immer wieder gut verteidigt und gestört. Tatsächlich hat der HSV in diesem Spiel auch keinen einzigen linienbrechenden (Smart) Pass gespielt. Und das obwohl dieses Mittel ein Element ist, was seit der Einstellung von Baumgart in der Häufigkeit sehr angestiegen ist, weil diese Art der Raumgewinnung sehr wichtig ist für seine Spielidee.

Auch die Einwechslungen haben diesen Problemen wenig Abhilfe geschaffen. Okugawa übernahm für Öztunali und Dompe für Ransi. Etwas später kamen noch Jatta für van der Brempt und Nemeth für Pherai, sowie in den letzten 9 Minuten Suhonen für Meffert. Okugawa positioniert dabei zunächst sehr tief und nicht weiter vorne zwischen den Ketten. Stand er höher, dann aber häufig zu breit und somit im selben Raum wie Jatta oder van der Brempt.

Dompe bot hingegen die neue Lösungsoptions ihn ins 1-gegen-1 zu bringen. Tatsächlich hat er alle drei seiner Dribblings gewonnen und ging letztlich mit den meisten im Strafraum angekommenen Flanken (3) sowie Pässen (7) aus dem Spiel. Der nächst beste im Hamburger Kader war Ransi mit jeweils 2 und 3. Hierzu muss aber auch gesagt werden, dass Dompe nach seiner Einwechslung die ein oder andere Flanke zu viel oder zu schlecht gespielt hat. Am Ende macht es der HSV den Holsteinern trotz des Platzverweises zu einfach, die Anreihung von ideenlos herausgespielten Flanken aus ihrem personell reduzierten, aber ansonsten gewohnten 5-3-1 wegzuverteidigen.

Gegen den Ball bewegte sich der HSV in diesem Spiel wie gewohnt aus einem 4-1-3-2 heraus. Wobei Reis auch zum Teil tiefer stand.

Grundsätzlich gab es hier wenig zu bemängeln, auch weil die Kieler es erst tief in der 1. Halbzeit schaffen das erste Mal das Hamburger Pressing zu überspielen. Der daraus entstehende Abschluss von Machino entsteht aber aus einer Abseitsposition.

Somit hatte man die Kieler defensiv eigentlich auch weitestgehend im Griff und konnte auch in der Intensität gut überzeugen, was sich durch den niedrigen PPDA-Wert von 9,6 auch nochmal unterschreiben lässt. Und somit hat man auch nur 3 Chancen mit einem xG-Wert von 0,1 oder mehr zugelassen. Der erste war ein Standard der von Erras auf das Tor geköpft und von Raab gehalten wurde, der zweite ging von Holtby aus wurde aber geblockt und der dritte führte zum Tor von Rothe.

Hierbei bestätigt sich auch nochmal unsere Einschätzung aus der Spielvorbereitung, dass der KSV ein auf Risikovermeidung ausgelegte Spiel aufzieht und dabei besonders auf das Provozieren von Fehlern des Gegners setzt. Eine Szene die repräsentativ dafür steht geschieht in der 55. Minute, wo Muheim es zunächst verpasst rechtzeitig auf Beck rechts außen zu springen. Dieser kann nun diagonal nach innen dribbeln, findet Bernhardsson im rechten Halbraum, der den Ball klatschen lässt, damit er vom nachrückenden Sander ins Zentrum gespielt werden kann, was letztlich zu Kiels nach xG-Werten besten Chance führt. Reis kann den Ball aber noch im letzten Moment blocken. Wäre Muheim zu Beginn dieser Szene hier früher auf Becker gesprungen, dann hätte es wohl eher einen langen Ball gegeben, der generell leichter zu verteidigen ist. Mit anderen Worten, Kiel erspielt sich ihre Chancen nur dann wirklich selbst, wenn das Risiko gering ist, ansonsten setzten sie auf erzwungene Fehler der Gegner.

Der HSV hätte hier wiederum die Aufgabe gehabt, nicht nur viel Ballbesitz zu generieren und dabei auch wesentlich mehr Zeit im offensiven Drittel zu verbringen als der Gegner. Letzteres lässt sich zum Beispiel an einem Field Tilt von 73,5% erkennen. Vielmehr wäre es als Ballbesitzmannschaft auch notwendig gewesen sich Chancen zu erspielen, indem man aktiv in den Druck des Gegners hineinspielt und sich daraus löst.

Stattdessen muss sich der HSV nun wohl endgültig damit abfinden, dass er eine weitere Saison nicht aufsteigen wird. Trotzdem liegen noch vier weitere Spiele vor der Mannschaft, einschließlich dem Stadtderby. Und somit muss es das Ziel für den letzten Spiele sein, dass die Mannschaft in ihren Ballbesitzphasen wieder mehr Mut zum Risiko in sich findet, um vielleicht doch noch mit einem überzeugenden Baumgartball in die Sommerpause zu gehen. Geschieht dies nicht, könnte es auch für den noch relativ frisch eingestellten HSV-Trainer nach Ablauf der Saison auch enger werden. Aber ganz soweit sind wir wohl noch nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert