Mehr Brandschutz in Hamburgs Stadien – #HSVFCSP Analyse

Mit ein paar Tagen Abstand kann man wohl sagen, dass es wohl eines der brisantesten Stadtderbys der letzten Jahre war. Provokationen vor dem Spiel, Sticheleien nach dem Spiel und die sportliche Bedeutung wohl auf einem neuen Höhepunkt in der Geschichte dieses Derbys.

Die Ausgangssituation war klar. Gewinnt St.Pauli dieses Derby steigen sie in unserem Volksparkstadion auf und enden zugleich die Saison des HSV. Die Angst ging um im Volkspark. Die Angst vor der wahrscheinlich größten Klatsche der Vereinsgeschichte. Selbst Steffen Baumgart wurde in der Pressekonferenz vor dem Spiel genau zu diesem Szenario und der Angst befragt. Aber wir wissen jetzt: Angst und Fußball gehören nicht zusammen.

Sportlich war schon lange klar, dass HSV Topscorer Benes erneut ausfallen würde. Dass neben Benes auch Jatta fehlen sollte, war dann doch eine Überraschung. Auf der Pauli Seite sollte es für Innenverteidiger / 6er Eric Smith auch nicht reichen. Es sollten also beide Teams nicht in Bestbesetzung auflaufen.

So kam es dazu, dass beide Teams im Vergleich zur Vorwoche nichts ändern sollten. Poreba ersetzte Benes, Reis agierte als RV und rechts agierte Königsdörffer. Bei Pauli agierte Wahl auf der Smith Rolle und Nemeth agierte hinten rechts in der 3er Kette. Auf der linken Schiene agierte Metcalfe mit Hartel davor auf der Halbposition. Die Doppel 8 bestand aus Union-Leihgabe Kemlein und Jackson Irvine.

Man merkte zu Beginn des Spiels beiden Mannschaften an, dass am Ausgang dieses Spiels durchaus mehr hängt als nur 3 Punkte. Mit Ball war es vorsichtig, bedacht und wenig risikolästig. Auf beiden Seiten.

Dennoch gehörten die ersten richtigen Ballbesitzphasen St.Pauli. St.Pauli agierte mit Ball klassisch. Wahl, als zentraler Innenverteidiger und Smith Ersatz, schob eine Linie weiter vor. Saliakas und Metcalfe agierten zunächst als Breitengeber im Aufbau, auch wenn gerade Metcalfe im Verlaufe des Spiels immer invers einschob um die Passspur in Richtung eines abkippenden Hartel zu öffnen. Die Doppel-8 platzierte sich in einem Dreieck mit Wahl, ebenfalls eine Linie höher. Eggestein, Afolayan und Hartel bunden in letzter Linie und taten dies auch ziemlich breit.

Dem HSV wurde von Martin Groß und Max Kruse eine enorme Passivität vorgeworfen. Allerdings über das gesamte Defensivspiel und nicht bezogen auf bestimmte Aktionen. Um eins vorweg zu nehmen: Der HSVsche Defensivplan war sehr gut auf den Gegner abgestimmt.

Strukturell kann man es wohl am ehesten in einem 4132 oder 4312 anordnen. Dompé und Glatzel liefen in erster Linie das Innenverteidigerpäärchen Mets und Nemeth an. Allerdings fast immer aus zentralen Positionen heraus um das Pauli Spiel auf die Außen zu drücken. Dahinter agierte Pherai mannorientiert gegen Wahl mit situativem Durchschieben auf Keeper Vasilj. Die drei verbliebenen Mittelfeldspieler fand man dann oft in einer Linie wieder. Poreba stellte Irvine zu, Meffert Kemlein und Königsdörffer agierte fast schon im Raum, war allerdings immer auf dem Sprung zu einem einrückenden Metcalfe. So kam es, dass Saliakas permanent der freie Mann im Pauli Aufbau war. Allerdings schaffte es der HSV permanent gut durchzuschieben, sodass Saliakas meistens keine diagonalen Optionen ins Mittelfeld hatte, der Grieche wählte aus den tiefen Positionen meist den Rückpass, Pass zu Nemeth oder den langen diagonalen Schlag auf Hartel auf der anderen Seite.

St. Pauli hatte durchaus Mühe mit diesem HSV Zentrumsblock. Man war zentral permanent in Unterzahl und auch das abwartende Anlaufen lud St. Pauli eben nicht dazu ein, dass sie ihr brutales Umschaltspiel irgendwie zur Geltung bringen konnten.

St. Pauli reagierte mit ein paar Anpassungen. Irvine agierte nun tiefer neben Wahl, Saliakas positionierte sich ebenfalls flacher und Metcalfe schob nun ebenso konsequenter invers hoch. Es entstand für Pauli ein 3-3 Aufbau. In letzter Linie füllte Kemlein nun oft zwischen Hartel und Eggestein auf und man spielte hier 4v4. Allerdings half auch diese Umstellung nicht unbedingt. Der HSV lies sich einfach nicht locken. Vor allem aus tieferen Situationen wurde es beim HSV dann fast schon ein 4-Raute-2 gegen den Ball. Das Zentrum war weiterhin abgeschlossen, aber eben auch, weil der HSV nur situativ hoch anlief und den FC St.Pauli in diesen Szenen gut unter Druck setzte.

Chancen und Optionen generierten sich für die Kiezkicker meistens in der frei gelassenen Breite und Überladen der Schiene auf der ballfernen Seite. Schaffte es Pauli mal von links nach rechts diagonal zu verlagern, dann wurde der HSV durch das Nachrücken von Saliakas oft schnell vor Probleme gestellt. Schob zusätzlich noch Irvine in den Halbraum, ergaben sich in der Breite oft 3v3 Duelle, in denen Schonlau auf Irivne raufgezwungen war. Durchaus aussichtsreiche Situationen für St.Pauli, die man aber oft viel zu kopflos zu Ende spielte. Speziell Afolayan fiel über das gesamte Spiel immer wieder mit schlechter Entscheidungsfindung und Umsetzung auf.

Dennoch fiel Paulis stärkste Chance genau aus einer diesen Szenen. Durch Irvines breites Rausschieben lockt er Muheim, sodass die Tiefe hinter ihm frei wird, die Afolayan direkt attackiert. Nach viel Zeit, etwas Zufall kommt Kemlein zwei mal zu einer dicken Möglichkeit.

Diese Tiefe attackierenden Abläufe sieht man bei den Kiezkickern durchaus öfter. Allerdings sah man sie etwas öfter auf ihrer linken Offensivseite. St. Pauli schafft es hier oft und gut die nötigen Dreiecke und die daraus resultierenden Passoptionen zu schaffen und auch zu nutzen. Kippt Hartel ab, attackiert Kemlein sofort den Raum hinter Reis. Durch Metcalfes inverses Einrücken hat Hartel auch oft sofort eine Anspielstation aus der Dynamik heraus. St. Pauli schafft es aber aufgrund von Ungenauigkeiten (die durchaus vom HSV provoziert wurden), selten dynamisch in die Tiefe.

Man kann dem HSV wenig vorwerfen. Aber diese Passivität, die die Sky Kommentatoren bemängelt haben, gab es trotzdem in wenigen Szenen. Konnte St. Pauli den HSV mal hinten hinein drängen, agierte der HSV oft ohne viel Druck auf die Ballführenden. Sodass Pauli durchaus stressfrei Halbfeldflanken oder Sonstiges in die HSV Box schlagen konnte.

Mit Ball war auch der HSV wahnsinnig vorsichtig und schon fast auf Fehlervermeidung aus. Das lies sich auch strukturell sehen. Meffert, der sonst in zweiter Linie neben Reis agiert, war oft viel tiefer positioniert als man es sonst von ihm gewohnt ist. Reis rückte weiter ein, allerdings agierte Poreba leicht versetzt daneben, so entstand situativ ein 4-2 Aufbau. Muheim stand leicht höhenversetzt, Pherai roamte weiterhin zwischen den Linien und RYK variierte in seiner Breite zwischen Schiene und Halbraum.

St. Pauli entgegnete dem mit teils sehr personalintensivem Anlaufen aus einer 541 Struktur heraus. Hartel klemmte sich mannorientiert an Ludo Reis, Eggestein lief entweder Schonlau oder Raab an, Afolayan orientierte sich an Muheim. Dahinter stand Irvine meistens Meffert auf den Füßen und Kemlein kam zu Beginn der Partie ebenfalls aus dem Zentrum heraus und war entweder tief bei Poreba oder schob durch auf Hadzikadunic.

St. Pauli agierte philosophisch vergleichbar zum HSV. Zentrum dicht war die erste Devise. Afolayan und Hartel lauerten meist aus zentralen Position um dann in die Breite herauszuschreiben. Auch drückte Eggestein mit seinen Anlaufwinkeln gerade über Raab das Spiel immer wieder in die Breite. In der Folge schaffte es St. Pauli den HSV oft Mann gegen Mann in der Tiefenbreite anzulaufen. Der HSV hatte damit ordentlich Mühe.

Aus höheren Zonen zog sich auch St. Pauli etwas zurück und war im Spiel gegen den Ball mehr auf Verhindern aus als auf Bälle hoch gewinnen. Man zog sich in einem 541 für Pauli Verhältnisse weit zurück und lies Eggestein das spiel in eine Richtung drücken. Dieser nahm durch seinen Deckungsschatten meist schon einen aus der HSV Zentrale heraus, dahinter lauerten aber trotzdem noch Kemlein und Irvine. Auch Hartel agierte weiterhin sehr Reis orientiert, sodass St. Pauli hier eine solide Überzahl in Ballnähe schaffen konnte, wenn der HSV mal etwas höher aufbauen durfte.

Erfolg im Ballbesitz gab es wenige, aber wenn es welche gab, dann fand der HSV sie über longline-linienbrecher von Hadzikadunic. Dadurch, dass er oft der freie Mann im HSV Aufbau war (aus hohen, wie tiefen Zonen) konnte er seine Passstärke durchaus das ein oder andere Mal ausspielen. Lösungen gefunden hat der Bosnier meist mit langen flachen Pässen in den Raum neben dem Pauli 3-2er Mittelfeldblock. Entweder fand er einen sich fallenlassenden RYK oder einen hereinkommenden Pherai.

Die Szenen über Pherai waren aber meistens vielversprechender, da sein Herauskippen Lücken in den Pauli-Abwehrverbund gerissen hat, da Wahl ihn mannorientiert fast über das gesamte Feld verfolgte, allerdings nicht immer mit gutem Timing. So auch vor dem eigentlichen 1:0. Hadzikadunic erwischt Pherai auf der rechten Schiene, Wahl ist viel zu spät bei Pherai, aber er kommt trotzdem noch in den Zweikampf. Pherai setzt sich mit etwas Glück durch und kann dann ins Übergangsspiel kommen. Der HSV kann danach ein 4v4 spielen. Pherai stürmt mit Ball auf die Paulikette zu und aus recht unerklärlichen Gründen bietet Mets mit einem leichten “Linkstrend” Glatzel die Schnittstelle an. Auch Nemeth orientiert sich viel zu extrem am ballführenden Pherai, dem der Pass auf Glatzel dann relativ einfach gemacht wird. Das ist in der Restverteidigung nicht unbedingt optimal gelaufen für die Kiezkicker.

Die Entscheidung Foulspiel wurde sicherlich schon zu genüge diskutiert. Sie bleibt ein absoluter Witz.

Ansonsten ist die erste Hälfte beim HSV dann doch geprägt mit Zufall. Königsdörffers Pfostenschuss sollte dann mehr ein Foreshadowing sein, für das was uns in Halbzeit 2 erwarten sollte. Auch sonst waren oft falsche Entscheidungen, technische Schwächen und falsche Wahrnehmungen das Problem in der HSV Transition.

In Hälfte 2 wurden die tieferen Meffert Tendenzen dann sogar noch deutlicher. Beginnend mit der der zweiten Halbzeit fand man ihn teils zwischen Innen- und Außenverteidiger. Auch agierte Reis situativ durchaus höher als noch in Halbzeit 1. Nicht immer war da die Staffelung zur zweiten Linie im HSV Spiel ideal.

Es ergaben sich aber durch diese Staffellungen teils Räume im linken HSV Halbraum. Kemlein agierte in der zweiten Hälfte etwas tiefer als zuvor. Höchstwahrscheinlich eine Anpassung Hürzelers um auf das Roamen und Kippen von Pherai zu reagieren. Allerdings war nun der freie Mann meist Poreba, da man strukturell in erster Linie immer noch mit Hartel, Eggestein und Afolayan agierte. Irvine war weiterhin der Mann an Mefferts Seite. Es gab also nun des Öfteren die Situation, dass Poreba im linken Halbraum oft ohne Gegenspieler agieren konnte. Der HSV versäumte es allerdings das Spiel über ihn zu suchen bzw. schob Pauli immer gut zu, sodass er sich oft in Deckungsschätten wieder fand. Es fehlte beim HSV die Diagonalität im Aufbau.

Aber diese Ansätze sollten zeigen, was über diese linke Seite gehen kann. Schaffte man es doch über Poreba oder später über Suhonen, so musste Pauli reagieren und das tat man mit einem vorwärtsverteidigendem Saliakas. Dies zwang Nemeth dann dazu, dass er auf Dompe ins 1 gegen 1 herausrücken musste. Es gab eine vielversprechende Szene, die aber dann Wahl am Ende souverän klären konnte.

Die generellen Probleme blieben dem HSV aber im eigenen Ballbesitzspiel, allerdings fand der HSV immer noch Lösungen über die Pressinglöser Bälle von Hadzikadunic. Die etlichen Tiefenläufe der 8er waren oft nicht zielbringend und auch die seltenen 1v1 Situationen konnte der HSV nie gut für sich nutzen.

Aber wie sah es bei St. Pauli nach der Pause aus? Um ehrlich zu sein auch nicht unbedingt stark verbessert. Es gab aber Ansätze, die gezeigt haben warum der HSV Ansatz gegen dieses St. Pauli wohl der richtige war. Nach einem Positionswechsel im Anlaufen müssen Reis und RYK erst wieder tauschen, sodass der HSV in eine kleine Passivität verfiel. Mets hat den Ball und 0,0 Druck und ein riesiges Loch auf dem Platz vor sich. Hier findet nun das Pauli Spiel statt, welches sie so stark macht. Mets spielt einen mega Linienbrecher auf Eggestein in der Zentrale, der sofort über Irvine klatschen lässt. Es folgt die sofortige Verlagerung auf Afolayan. Am Ende führt dieser die Aktion wieder nicht sauber zu Ende.

Auch Pauli geht vieles verloren, was sie stark gemacht hat diese Saison. Das Herausschieben in die Breite ist oft nicht gut getimed, so stehen sich Kemlein und Hartel oft auf der Schiene selbst im Weg. Am Ende stehen in Halbzeit 2 0,17xG aus 5 Abschlüssen. Im Schnitt sind das 0,034xg pro Schuss. Es zeigt, dass der HSV gegen den Ball einen mega Job gemacht hat.

Dass der HSV denn ausgerechnet nach einem Standard trifft, ist dann wohl irgendwie Ironie des Schicksals, da eigentlich die andere Mannschaft auf dem Feld sich über ihre Standardstärke auszeichnet. Aber egal.

Geht dieser Derbysieg am Ende des Tages in Ordnung? Meines Erachtens schon. Bis auf einen Kopfball und die Doppelchance von Afolayan war Pauli offensiv viel zu wenig zwingend. Man könnte zwar argumentieren, dass auch der HSV nicht unbedingt viel Zählbares auf das Tor von Vasilj brachte, allerdings gab es dann doch weitaus mehr vielversprechende Szenen. Zudem kommen die beiden aberkannten Tore, die auf keinem Statsheet auftauchen. Ja, das ist in meinen Augen ein Foul an Vasilj vor dem Königsdörffer Tor, aber nachdem zwei Wochen zuvor im gleichen Stadion eine ähnliche Szene vor dem HSV nicht abgepfiffen wurde, kann man den Unmut von HSV Fans wahrscheinlich verstehen.

Das Horrorszenario wurde abgewendet und der HSV kann sich Stadtmeister nennen. Wahrscheinlich auch über die Saison hinaus.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Analyse, sehr interessant. Bitte weiter so. Ich hatte es auch so empfunden, dass unser Trainer auf das Spiel des Gegners eingeht und entsprechend taktisch reagiert hat. Viel besser als das sture ” Wir schauen nur auf uns und wir entscheiden, wie das Spiel ausgeht!”. Auch empfand ich die Kommentare bei Sky schlecht. Man spielte gegen die beste Defensive der Liga mit sehr wenige Niederlagen. Hätte Pauli so gespielt und gewonnen, hätte man gesagt, die spielen clever und abgezockt. Beim HSV heißt es dann, die tun zu wenig. Natürlich gibt es immer etwas zu verbessern. Trotzdem empfand ich das Spiel als gut.
    Also, ich schaue sehr gerne hier wieder rein.
    Schöne Grüße
    Gunna

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