„Nicolas bringt viel Energie, Mentalität und Temperament mit, wovon unsere Mannschaft in der Bundesliga auf und abseits des Platzes profitieren wird.“, sagt Stefan Kuntz und wir schauen uns den neuen argentinischen Mittelfeldmotor einmal genauer an.
Allgemein

Nationalität: Argentinien
Geburtsdatum: 14.09.1998
Position: Zentrales Mittelfeld
Größe: 1,77m
Starker Fuß: Rechts
Marktwert: 5.000.000,00€
Mit 22 Jahren verließ Nicolás Capaldo Taboas seine Heimat Argentinien. Nach 65 Profi-Einsätzen für die Boca Juniors ging es zu Red Bull Salzburg, wo er in seiner Debütsaison direkt wettbewerbsübergreifend auf 2.407 Einsatzminuten kam. Capaldo wurde in Salzburg zum erweiterten Stammspieler und wurde nur in der Saison 2023/2024 durch anhaltende Knieprobleme davon abgehalten durchgängig über 2.000 Minuten pro Saison zu erhalten.
Auf dem Feld wurde Capaldo in verschiedenen Konstellationen eingesetzt. Auch die Position des Rechtsverteidigers ist ihm nicht fremd, wird beim HSV aber wahrscheinlich eine eher untergeordnete Rolle spielen. Als zentraler Mittelfeldspieler spielte Capaldo sowohl alleine als auch zu zweit auf der 6, die sehr gerne schlagartig nach vorne verteidigte. Das Salzburger Spiel war wie so häufig im RB-Kosmos auf aggressives Anlaufen, dynamisches mannorientiertes Verteidigen ausgelegt.
Im Ballbesitz war Capaldo sowohl unter Pep Lijnders als auch unter seinem Nachfolger Thomas Letsch Teil einer Doppel-6, die zum Teil sehr eng zusammenstand und unter Letsch ein wenig auseinander gezogen wurde. War die erste Aufbauphase abgeschlossen, orientierten sich beide 6er an den äußeren Halbräumen, teilten sich das Spielfeld nach ihren jeweiligen Seiten auf, und so entstand ein Fokus auf die rechte Spielfeld-Seite Capaldos. Dies könnte sich ganz gut mit Nicolai Remberg ergänzen, der es bei Holstein Kiel gewohnt gewesen ist, eher den linken Halbraum zu bespielen.


Ganz allgemein lässt sich also festhalten, dass Capaldo nicht auf eine bestimmte Mittelfeld-Konstellation festgelegt ist. Gegen den Ball spielte er meist mit direktem 6er-Partner, er gab aber auch schon den alleinigen 6er mit zwei vorgeschobenen 8ern, die das hohe Anlaufen übernommen haben und Capaldo die Position hielt.
Mit dem Ball:


Gegen den Ball:


Analyse
Beobachtete Spiele
- RB Salzburg – Dynamo Kyiv: 1:1 (27.08.2024; 64 Minuten)
- Real Madrid – RB Salzburg: 5:1 (22.01.2025; 82 Minuten)
Stärken
Stark in der Balleroberung
Das markanteste Merkmal aus Capaldos Spiel ist seine Fähigkeit in jeder Situation wieder neu bereit zu sein den Ball zu erobern. Er bringt ein sehr gutes Spielverständnis mit, liest Spielsituationen frühzeitig richtig und ist dadurch häufig im richtig Moment da, um die Bälle zu erobern. Dabei ist es auch egal, ob er Bälle direkt vom Mann erobert und Pässe abfängt, beides zeichnet sein Spiel aus.
Defensives Timing
Etwas, was in der Bundesliga den Spielern abverlangt wird und von Stefan Kuntz zuletzt auch nochmal betont wurde, ist die Tatsache, dass man bereits bei der Ballannahme gestört wird und werden muss. Dies bekommt man von Capaldo in den Kader des HSV. Der Argentinier bringt ein wahnsinnig gutes Timing mit und kann so selbst bei nicht erfolgreichen Eroberungen dafür sorgen, dass der Gegner den Ball nicht sauber verarbeiten kann.
Explosive Dynamik
Um in den Zweikämpfen immer so punktgenau da sein zu können benötigt man natürlich auch einen gewissen Antritt, der es einem ermöglicht je nach Situation reagieren zu können. Capaldo bringt einen genau solchen mit und auch seine Sprintgeschwindigkeit kann sich sehen lassen. Er verliert nicht merklich an Speed, wenn er sich im Vollsprint befindet, kann dadurch sowohl mit als auch gegen den Ball im Umschaltspiel gefährlich werden. Seine Fähigkeit mit Ball am Fuß Räume beim Gegner zu reißen erinnern dann doch stark an den nach Brügge abgewanderten Ex-HSVer Ludovit Reis.
Einfluss im letzten Drittel
Capaldo ist bei Weitem kein Spielmacher, der das Spiel an sich reißt. Was er aber mitbringt ist eine gewisse Konstanz auch auf engem Raum und vor allem ein Mut und eine Zielstrebigkeit, die dem HSV gut zu Gesicht stehen wird. Der 27-Jährige scheut sich nicht den Pass durchs Zentrum zu wählen, er traut sich den Distanzschuss zu nehmen. Dabei ist er nicht übermäßig kreativ oder direkt der gefährlichste Spieler aber bringt eine starke Wucht ins Spiel, die auch durch Abpraller, abgefälschte Schüsse oder herausgeholte Standards spannend werden kann.
Ballcarrier
Wie oben bereits angedeutet bringt der argentinische Mittelfeldspieler mit Ball am Fuß die Fähigkeit mit Räume in der gegnerische Hälfte zu reißen. Mit seiner Körperlichkeit, guten Balance und seinem starken Antritt hat Capaldo immer wieder die Situation, dass er nur per Foul gestoppt werden kann, um den Konter zu verhindern. So gehörte Capaldo in der abgelaufenen Champions-League-Saison zu den Top-4% aller Mittelfeldspieler in der Kategorie der schusserzeugenden Aktionen, die durch ein gezogenes Foul entstanden sind.

Schwächen
Fehlende Passvariationen
Mit Capaldo kriegt man einen Spieler, der den kurzen Pass sehr zuverlässig dort hinbekommt, wo er ihn hinhaben will. Abseits dessen kann es hier und da hapern, vor allem im Aufbau fehlt die Übersicht und Kreativität, auch ein wenig die Fähigkeit verschiedene Arten von Pässen zu spielen. Solange man Capaldo in die Dynamik bekommt und ihn nicht als statischen zentralen Mittelfeldspieler einbindet wird diese Schwäche aber wahrscheinlich gar nicht all zu sehr im Spiel auffallen.
Geschlossene Körperhaltung
Capaldo nimmt sich selbst ein wenig die Möglichkeit noch mehr ins Passspiel eingebunden zu werden, indem er zu häufig mit geschlossener Körperstellung spielt. Er hat eine mittelmäßige Vororientierung, wenn er angespielt wird, und so nimmt er meist die offensichtlichste Anspielstation, um den Ball möglichst schnell weitergeben zu können.
Bei Gegnerdruck fehleranfällig
Die ersten beiden Punkte kulminieren ein wenig in den jetzigen, nämlich, dass Capaldo durch seine teils fehlende Übersicht ab und an zu lange am Ball benötigt oder andersherum zu hastig agiert. Ihm fehlt für das richtig saubere Passspiel ein wenig die Ruhe, um die Situation zu erfassen und die richtige Entscheidung zu treffen, etwas was ihm gegen den Ball regelmäßig sehr gut gelingt
Unnötige Fouls
Durch seinen unbändigen Willen und die hohe Einsatzbereitschaft kann es bei dem Argentinier immer wieder zu unnötigen Fouls kommen. Zwar bringt er ein gutes Timing mit, allerdings führt er so viele 1vs1-Situationen oder auch Pressingmomente, dass er manchmal zu aggressiv auf seinen Gegner geht und dann mit zu viel Einsatz im Zweikampf am Start ist. 9 gelbe Karten in wettbewerbsübergreifend 2.725 Minuten (rund 30 Spiele) sprechen dabei eine eindeutige Sprache. Dass er dabei aber nie eine gelb-rote oder glattrote Karte erhalten hat zeigt aber auch die Disziplin in seinem Spiel.
Fazit
Wenn man sich an einem Begriff aus dem Basketball bedienen wollte könnte man Nicolas Capaldo meines Erachtens als „floor raiser“ bezeichnen. Ein „floor raiser“ hebt das allgemeine Niveau eines Teams, unabhängig davon wie gut das Team drumherum performt. Und genau solch einen Spieler hat der HSV mit dem argentinischen Balljäger verpflichtet. Mit seiner Dynamik, mit seinem Willen, mit seinem sehr guten Spielverstädnis wird das Spiel des HSV gegen den Ball nicht unter ein gewisses Niveau sinken.
Mit dem Ball wird man Capaldo in die richtigen Räume bringen müssen. Über den rechten Halbraum mit dem Blick bereits ins Spielfeldzentrum könnte man ihm die Möglichkeit geben bereits beim Zuspiel schon den Blick zum Mitspieler schweifen zu lassen, ein Spiel mit dem Rücken zum gegnerischen Tor sollte eher die Ausnahme bleiben.
Trotzdem hat man mit seinem Tempo, mit seiner Zielstrebigkeit auch in der Offensive einen Spieler geholt, der für Durchbrüche durch die letzte gegnerische Kette gut sein kann. Auch dies kann das Spiel des HSV nochmal variabler machen.
Dass der Argentinier ohne Zögern als unumstrittener Stammspieler zum HSV kommen wird steht bei dieser Qualität erstmal außer Frage.
