Die Panik geht im Volkspark um vor dem Bundesliga-Auftakt am Sonntag gegen Borussia Mönchengladbach. Ganz korrekt ist dieser Satz wohl nicht – die Panik herrscht eher um den Volkspark herum als im Stadion selbst, zumindest wenn man den Stimmen auf Social Media & Co. Glauben schenken darf.
Die Kritik ist jedoch zweifellos berechtigt, wichtig und angebracht. Gegen Pirmasens wirkte der HSV in der Restverteidigung phasenweise wacklig und im Ballbesitz laut Fans und Medien ideenlos. Eine Stimmung, die sich auch durch die ernüchternde Testspielphase zog.
Also: Was ist denn nun eigentlich die Idee – und wo liegen die Probleme, vor allem im Spiel mit dem Ball? Für mich ist das vor allem die perfekte Gelegenheit, mich nach drei Monaten Sommerpause endlich wieder aus dem Aufstiegs-Exil zurückzumelden.

In der Startelf gab es eigentlich wenig Überraschungen. Omari für Ramos hatten viele nicht auf dem Zettel, es war jedoch sinnvoll, dem Neuzugang jede Minute zu geben, die er bekommen kann. Der Einsatz von Meffert für Remberg hatte sich bereits in der Trainingswoche angedeutet.
Es war zu erwarten, dass der HSV in der ersten Hälfte viel den Ball haben würde. So ist das nun mal in der ersten Pokalrunde, wenn man auswärts antritt – außer man heißt Hertha BSC und spielt bei Preußen Münster. Dementsprechend bot sich die perfekte Gelegenheit, zu beobachten, welche Identität der HSV über den Sommer im Ballbesitz entwickeln möchte.

Im tiefen Ballbesitz ließ sich die Struktur des HSV schnell erkennen: Omari, Elfadli und Torunarigha bildeten den Dreieraufbau, davor agierte Jonas Meffert als alleiniger Sechser. Phillippe und Cataldo besetzten die Halbräume, während Gocholeishvili rechts meist die Breite hielt. Auf der linken Seite agierte Miro Muheim etwas tiefer als sein georgischer Pendant, sodass Alex Rössing-Lelesit als Breitengeber den verletzten Jean-Luc Dompé ersetzte. Im Sturmzentrum startete Ransford Königsdörffer.
Da ein Hauptkritikpunkt an diesem HSV-Auftritt die „Dreier-“ beziehungsweise „Fünferkette“ betrifft, lohnt sich ein genauerer Blick. Zunächst einmal: Eine Grundformation spiegelt nicht automatisch die Spielweise wider. Fußball ist mehr als eine Telefonnummer. Trotzdem lassen sich Strukturen und Spielsituationen bestimmten Formationen zuordnen. In diesem Fall könnte man es wohl am ehesten als ein 3-2(3)-1-3(4) beschreiben. Schon hier wird deutlich: Diese Zahlenspielerei kann kompliziert werden.
Beginnen wir hinten – beim strukturell konstantesten Teil des HSV-Spiels mit Ball. In den Testspielen war häufiger zu sehen, dass der zentrale Innenverteidiger der Dreierkette situativ neben den tiefen Sechser schob. Gegen Pirmasens geschah das fast gar nicht. Stattdessen blieb Elfadli meist als tiefes Bindeglied zwischen Omari und Torunarigha. Doch warum entschied sich der HSV für diesen tiefen Dreieraufbau? Mit einem Zweieraufbau – wie später nach der Einwechslung von Emir Sahiti – hätte man deutlich mehr Personal in höheren und damit gefährlicheren Zonen.
Für den Dreieraufbau sprechen mehrere Argumente: Zum einen ermöglicht er ein breiteres Aufbauspiel und eröffnet zusätzliche Passspuren in die Tiefe. Torunarigha und Omari deuteten ihre Vertikalität im Passspiel mehrfach an. Durch Elfadli als zentrales Bindeglied blieb zudem die Absicherung bestehen, während gleichzeitig vertikale Zuspiele in die Halbräume oder sogar diagonale Zuspiele durch die gegnerische Formation möglich waren. Weitere Vorteile sind die Möglichkeit, den Ball über tiefe Zirkulation laufen zu lassen und den Gegner bewusst herauszulocken. Gegen den wohl tiefsten Block des Jahres war dieser Ansatz zumindest in der Theorie durchaus sinnvoll.
Doch klar ist auch: Ein Dreieraufbau allein reicht nicht, um einen tiefen Block zu knacken – dafür braucht es mehr. Und hier kommt für viele Kritiker vielleicht überraschend eine klare Idee ins Spiel: Der HSV hat tatsächlich einen Plan, wie der Ball in gefährliche Zonen gebracht werden soll. Eine Variante davon ist der sogenannte „Inside Diagonal“.

Im Spiel gegen Pirmasens suchte der HSV mehrfach den diagonalen Weg ins Zentrum (Zone 14) – sowohl von links als auch von rechts. Binden ARL, RYK, RP und GG die gegnerische Kette, stößt ein Mittelfeldspieler in die Lücke und bringt damit Unordnung in die Defensive. Einfacher gesagt: Gelingt es auf der linken Seite etwa Capaldo, Königsdörffer und ARL genügend Gegenspieler zu binden, öffnet sich ballfern eine Option, die der HSV nutzen möchte.
Genau das versucht Muheim: Er sucht gezielt den ballfernen Diagonalpass auf Phillippe, der mit seiner Positionierung den gegnerischen Rechtsverteidiger herauszieht. Doch hier zeigte sich ein wiederkehrendes Problem – dem HSV gelang es in diesen Situationen zu selten, den Ball sauber festzumachen oder daraus eine klare Anschlussaktion zu entwickeln.

Die gleiche Variante zeigte der HSV auch früh im Spiel über die rechte Angriffsseite – diesmal allerdings in leicht veränderter Rollenverteilung. Omari übernahm hier den eröffnenden Part, Gocholeishvili hielt die Breite, während Königsdörffer und Philippe die letzte Linie banden. Aus der Tiefe stieß Capaldo nach und bot sich für die diagonale Öffnung an. Doch auch in dieser Szene verpasste es der HSV, aus dem guten ersten Ball etwas Zählbares zu kreieren.
Gerade auf der rechten Seite wirkte das Spiel im eigenen Ballbesitz etwas holpriger. Mit tiefem Aufbau bei Omari tat sich der HSV häufiger schwer. Vor allem Philippe und Königsdörffer fanden in ihrer Staffelung selten zueinander – zu oft bewegten sie sich auf derselben diagonalen Linie, wodurch effektive Läufe in die Schnittstellen ausblieben.
Gleichzeitig kann eine solche Herangehensweise auch bewusst gewählt sein: Überlädt man eine Seite, isoliert man automatisch die ballferne Seite – was wiederum gezielt für Überraschungsmomente genutzt werden kann.

Konnte der HSV das Spiel auf die linke Seite verlagern, ergaben sich auch dort Räume und Möglichkeiten. Eine Variante lief über das Nachstoßen eines Mittelfeldspielers in das spitze Dreieck auf der Außenbahn. In einer Szene führte Muheim den Ball, während Jonas Meffert in den offenen Raum startete – begünstigt durch die Bindung der Gegenspieler durch ARL und RYK. Der Innenverteidiger, der zunächst Königsdörffer deckte, reagierte auf Mefferts Lauf, sodass Pirmasens einmal komplett durchschieben musste. Rössing-Lelesiits Gegenbewegung zu Mefferts Lauf war dabei die richtige, um Dynamik in die Situation zu bringen. Für einen kurzen Moment wäre Königsdörffer sogar frei in der Halbspur anspielbar gewesen.
Wie so oft endete jedoch auch diese Szene mit einem Foul und Freistoß für den HSV. Sinnbildlich, da viele Situationen mit Rössing-Lelesiit ähnlich verliefen: nicht erfolgreich im Dribbling, aber immerhin foulauslösend. Die Statistik unterstreicht das Bild – 0 von 3 erfolgreichen Dribblings, 4 gezogene Fouls und 0,01 expected Assists. Sie zeigt, dass die vielen Isolationen des jungen Norwegers nicht von großem Erfolg geprägt waren. Dabei ist die Idee gegen einen tiefen Block durchaus schlüssig: Gewinnt der Außenspieler im Eins-gegen-Eins sein Duell, muss die Restverteidigung des Gegners zwangsläufig reagieren. In der Theorie also ein sinnvolles Mittel – in der Praxis blieb der Ertrag jedoch überschaubar.
In der ersten Halbzeit griff der HSV zu einem weiteren Werkzeug gegen den tiefen Block: Chips hinter die Kette.

Ob von Capaldo im gewählten Beispiel oder von Torunarigha: Der HSV war sich im Pokalspiel nicht zu schade, den Ball auch mal lang nach vorne zu schlagen. Aber ist das wirklich so stumpf, wie es viele Kritiker behaupten? Kurze Antwort: natürlich nicht. Der HSV zeigte zwei klar erkennbare Varianten dieser Chip-Bälle.
Variante 1 ging meist von Jordan Torunarigha aus, wenn er keinen Druck vom Gegner erhielt. In diesen Situationen suchte er gezielt das 2-gegen-2-Duell gegen das Pfälzer Innenverteidigerpärchen.
Deutlich besser vorbereitet – und wohl auch mit größerer Erfolgsaussicht – waren jedoch die Chips hinter die Kette aus dem Halbfeld. Dabei bot sich zunächst Königsdörffer für einen möglichen kurzen Ball an. Parallel dazu attackierte Philippe den Raum, den Königsdörffer mit seinem Lauf öffnete. Der Ball wurde dann über die Kette gechippt, während Königsdörffer selbst umschaltete und in die Box startete. Doch auch hier verpuffte die Szene, weil Rayan Philippe den Ball technisch unsauber verarbeitete.

Neben den in der regulären Spielzeit verpufften Standards gab es in Halbzeit zwei noch eine Szene, die zumindest Mut machen konnte. Ausgangspunkt war ein Wiederaufbau über Muheim auf der rechten Seite. Königsdörffer agierte dabei situativ breit am Flügel, während Glatzel ballfern die Innenverteidiger band. Aus nahezu null Dynamik startete Balde in die Lücke im Halbraum, Muheim spielte daraufhin den Chip in den freien Raum auf der Schiene. Königsdörffer leitete den Ball mit einem Kontakt weiter in den Halbraum auf Balde – die Szene wurde zwar in der Box geklärt, steht bei mir aber dennoch als Durchbruch im Notizzettel.
Doch wo steht der HSV nun nach der Vorbereitung und dem Pokalspiel? Eine berechtigte Frage. Nach 90 Minuten stehen 1,01 Expected Goals gegen einen Gegner, der laut eigenem Trainer nicht einmal eine Profimannschaft stellt. Nur zehn Torschüsse wirken für einen Bundesligisten ebenfalls mager. Und auch die 28 Ballberührungen in der gegnerischen Box strahlen keine besondere Gefahr aus – zumal Borussia Mönchengladbach, unser Gegner am Sonntag, gegen einen vergleichbaren Kontrahenten fast doppelt so viele Aktionen im Strafraum hatte (54).
Kritik ist daher zweifellos angebracht, aber in meinen Augen zum jetzigen Zeitpunkt am falschen Ort. Ob der neue Grundansatz in der Bundesliga trägt, wird sich erst zeigen – ein Fazit zu ziehen, wäre nach einem Pflichtspiel deutlich zu früh. Die generelle Idee, über diagonale Zuspiele ins Zentrum zu gelangen, auf den Flügeln Durchbrüche zu kreieren oder die Restverteidigung auf dem falschen Fuß zu erwischen, halte ich für absolut nachvollziehbar. Abgefallen sind in der Pfalz vielmehr die Offensivakteure, an denen das Angriffsspiel nun einmal hängt. Wenn dein Linksaußen kein einziges Dribbling erfolgreich abschließt und dein verkappter rechter Stürmer bei jedem Anspiel unter Druck gerät, wird es auch gegen ein FK Pirmasens schwer – deren Engagement und Disziplin man an dieser Stelle ausdrücklich loben muss.
Ob nun ab Sonntag alles besser wird? Wer weiß das schon. Garantien gibt es im Fußball keine. Die Strukturen sind jedoch erkennbar. Wenn es gelingt, die Aktionen technisch sauberer und klarer auszuspielen, werden die Erfolgserlebnisse von alleine kommen. Für den Moment heißt es also Geduld haben – ohne die bisherigen Offensivleistungen deshalb schönreden oder akzeptieren zu müssen. Wäre nur auf einer Spielfeldseite eine Baustelle, ließe sich vieles leichter verkraften.
