Wir starten in die Bundesliga-Saison mit einer kleinen Neuheit: Ihr habt Einfluss auf den Content bei Rautenball. Zur Auswahl standen ein Fokus auf das Umschalten, das Defensivspiel oder das Risiko im eigenen Ballbesitz. Knapp vor dem Umschaltspiel habt ihr das Defensivspiel als Thema für den ersten Bundesliga-Analyse-Post bei Rautenball gewählt. Also gehen wir direkt rein und sparen uns unnötige Anmoderationen darüber, wie „unerwartet“ diese Leistung gegen den Ball nun war.

Also: Rein ins Bundesliga-Spektakel für den HSV. Personell gab es aufseiten der Gladbacher keine Überraschungen. Dass es für Neuzugang Kevin Diks nicht reichen würde, deutete sich bereits in der Vorbereitung auf dieses Spiel an – ersetzt wurde er von Chiarodia. Bei den Hamburgern stellte Trainer Polzin auf der Pressekonferenz klar, dass Daniel Heuer-Fernandes das Duell um die Torwartposition vorerst für sich entschieden hat. Auf rechts entschied sich das Trainerteam zudem für Sahiti statt Philippe.
Der HSV startete energetisch und lief die Gladbacher in den ersten zehn Minuten hoch an. Gladbachs tiefe Ballstruktur glich dabei dem, was man bereits aus der Vorbereitung und dem Pokalspiel gegen Delmenhorst kannte. Die beiden Innenverteidiger Chiarodia und Elvedi fächerten breit an der Box auf, davor positionierten sich Sander und Reitz zentral. Scally und Ullrich hielten die Flügel. Offensiv pendelte Stöger zwischen letzter Linie und Zwischenraum, die beiden Halbstürmer Honorat und Hack bewegten sich horizontal zwischen Halbraum und Breite, während Tabakovic den zentralen Innenverteidiger des HSV (Elfadli) band. Strukturell ergab sich daraus eine Art 1-2-4-1-3.

Der HSV begegnete dem Gladbacher System mit einer konsequenten Mannorientierung. Alexander Rössing-Lelesiit schob neben Stürmer Königsdörffer in die erste Defensivlinie, während Sahiti auf der anderen Seite etwas tiefer stand und sich am linken Gladbacher Sechser (Sander) orientierte. Daneben nahm Capaldo Reitz in Manndeckung. Die beiden Hamburger Außenverteidiger rückten auf die Gladbacher Außenverteidiger heraus, allerdings nicht sofort aus einer hohen Ausgangsposition. Remberg kümmerte sich um Stöger, und die Hamburger Innenverteidiger verteidigten im 3-gegen-3 gegen das Gladbacher Offensivtrio.
Diese Ausrichtung funktionierte in der Anfangsphase gut. Gladbach fand kaum in sein gewohntes Spiel des Lockens und des Bespielens der Zwischenräume zwischen Offensivreihe und Doppelsechs. Bei Abstößen von Borussia Mönchengladbach lenkten Rössing-Lelesiit und Königsdörffer das Spiel gezielt auf die rechte Seite der Rheinländer. Pressingauslöser war meist der Querpass auf Elvedi, der dann vom jungen Norweger unter Druck gesetzt wurde. Auffällig: Sein Nebenmann Joe Scally wurde häufig bewusst freigelassen. Geling es Rössing-Lelesiit nicht sofort, Elvedi mit Hilfe der Seitenlinie zu einem langen Ball zu zwingen, war Scally die einfache und offensichtliche Anspielstation. Wurde er angespielt, attackierte Miro Muheim ihn sofort linear, nahm ihm die Spur und stellte gleichzeitig den breit kippenden Honorat praktisch kalt. In dieser Phase griffen die Gladbacher oft zu langen Bällen, die der HSV in der letzten Linie souverän verteidigte – ein Auftakt, der Mut machte.

Ab etwa der 10. Minute ließ sich der HSV aus dem hohen Angriffspressing in einen tieferen Block zurückfallen. Strukturell bewegte sich das Ganze zwischen einem 5-4-1 und einem 5-2-3, allerdings mit einer gewissen Asymmetrie. Alex Rössing-Lelesiit schob häufig aus dem Halbraum auf den rechten Innenverteidiger (Elvedi) heraus und blockierte mit seinem Deckungsschatten die direkte Spur in den Halbraum. Zentral agierten Capaldo und Remberg meist raumorientiert, wobei sich situativ leichte Mannorientierungen zeigten, wenn die Gladbacher Doppelsechs höher aufrückte – was jedoch selten der Fall war. Vor allem Reitz kippte im Aufbau immer wieder zwischen Elvedi und Scally ab, wodurch Gladbach phasenweise Präsenz im Hamburger Defensivblock fehlte.
Neben Rössing-Lelesiit übte auch Kapitän Capaldo situativ Druck auf den Gladbacher Aufbau aus. Bot sich die Möglichkeit, aus der Zentrale durchzuschieben und dabei Reitz mit seinem Schatten zuzustellen, stieß der Neuzugang in die erste Linie vor. Das Anlaufverhalten des HSV verfolgte ein klares Ziel: Joe Scally in Ballaktionen zu zwingen. Aus Hamburger Sicht ergab das Sinn, da Scally im Spiel mit Ball nicht immer eine hohe Handlungsschnelligkeit zeigt und auch technisch nicht auf dem Niveau agiert, das für eine schnelle Spielfortsetzung notwendig wäre.
So war Scally oft der zunächst freie Mann im Gladbacher Ballbesitzspiel. Der HSV hatte jedoch einen klaren Mechanismus für diese Situationen: Muheim, der ohnehin in der Fünferkette leicht vorgeschoben agierte, attackierte den Gladbacher Außenverteidiger sofort. In der Folge schob Torunarigha mannorientiert auf Honorat durch. Je nach Spielsituation öffnete sich dadurch beim HSV eine diagonale Spur in Richtung Zone 14 – dort lauerte regelmäßig Gladbachs gefährlichster Offensivspieler: Kevin Stöger.

Die Lücken wurden von den beiden zentralen Hamburger Mittelfeldspielern nicht geschlossen. Capaldo stand häufig hoch und orientierte sich an Reitz, während Remberg ballfern den Raum nicht immer tief absicherte, sondern meist ebenfalls in der Kette blieb. So konnten die Gladbacher zu ihrem ersten halben Durchbruch durch die Hamburger Defensivkette kommen: Scally spielte einen guten diagonalen Ball auf Stöger, der auf Hack weiterleitete und sofort die Schnittstelle in der Hamburger Fünferkette attackierte. Am Ende konnte der HSV die Szene klären, doch so hätte es für Gladbach gefährlich werden können. In der ersten Hälfte gab es mehrere ähnliche Szenen, die vielversprechend hätten ausgespielt werden können, scheiterten jedoch vor allem an Rechtsverteidiger Scally, der oft das Timing verpasste oder den Ball unsauber spielte.
Gladbach hatte auch über andere Szenen zumindest ansatzweise Chancen. Ein kleiner Reminder: Im Spiel mit Ball setzt Gladbach häufig auf Steil-Klatsch-Elemente. Ziel ist ein linienbrechender Ball auf einen der vier Offensiven, der idealerweise auf einen der Sechser oder einen anderen Mitspieler klatscht, um das Spiel anschließend in die Breite zu verlagern. Der HSV versuchte, dies durch eine enge Viererkette im Mittelfeld zu unterbinden, was jedoch nicht immer gelang, da Gladbach Lücken im beschriebenen Hamburger Defensivverbund fand. Ein Beispiel dafür war die wohl größte Gladbacher Chance in Halbzeit 1.

Minute 27: Reitz füllt erneut tief im Gladbacher Aufbau auf. Capaldo und Rössing-Lelesiit verteidigen eigentlich den Raum hinter sich sowie die Passspur zwischen ihnen. Hinter den beiden lauert in diesem Moment ein freier Stöger. ARL rechnet offenbar nicht damit, dass Reitz die Spur zwischen ihm und Capaldo tatsächlich bespielen wird. Als Reitz den Ball durch die beiden Hamburger hindurch spielt, wirkt es, als habe ARL den Pass auf Scally antizipiert. Dadurch kann er sich letztlich nicht mehr effektiv in die Situation einbringen. Capaldo verpasst den Ball nur um Zentimeter.
Dann geht alles ganz schnell: Da auch Muheim den Ball auf Scally antizipiert, enteilt Honorat im Rücken und wird sofort halbhoch durch Stöger in Szene gesetzt. Heuer-Fernandes hält stark – ein klassisches Bundesliga-Beispiel, wie wenige Zentimeter und eine falsche Entscheidung den Matchplan gefährden können.
Zwar endet die Szene ohne Tor, doch eine ähnliche Situation zeigt sich ebenfalls in Halbzeit 1. Diesmal ist es der Verbund aus Königsdörffer, Capaldo und Remberg, der den Raum horizontal nicht schließen kann. Königsdörffers Schatten orientiert sich diagonal zum Spiel, nicht entlang der vertikalen Linie. Zentral fehlt der richtige Abstand zwischen Remberg und Capaldo. Wieder erkennt Stöger die offene Schnittstelle in der Hamburger Defensive, spielt sofort auf den eingerückten Hack, der sich mit einem Doppelpass in die Breite auf Ullrich befreit.
Im Ansatz zeigte dies guten Fußball von Gladbach. Warum konnten sie jedoch nicht öfter aus diesen Szenen Kapital schlagen?

Zentral lag dies am guten Sprungverhalten der Hamburger Kette. Erhielt ein Gladbacher Spieler den Ball mit dem Rücken zum Tor, war die Hamburger Defensive – vor allem in Halbzeit 1 – oft dynamisch in der Aktion.
Ein weiterer Grund lag vor allem auf der rechten Defensivseite. Das Duo aus Hack und Ullrich wurde nur selten ballnah unterstützt, sodass es den Hamburgern relativ leicht fiel, hier permanent in Überzahl zu verteidigen. Generell zeigte der HSV einen sehr disziplinierten Rückwärtsgang und demonstrierte zugleich, wie kollektiv verteidigt werden kann, wenn ein Spieler einmal aus der Aktion fällt. Vor allem Omari und Remberg überzeugten durch konsequentes Absichern in der Tiefe und gewannen in diesen Szenen zusätzlich ihre Duelle.
Über die rechte Seite der Hamburger hatten die Gladbacher in 45 Minuten nur eine nennenswerte Aktion: Sahiti verlor das Duell gegen Hack, entschied sich für die Halbfeldflanke, und Tabakovic köpfte am Tor vorbei. Auch hier ist erkennbar, dass der HSV wieder das Durchschieben suchte – vor allem in die Tiefe auf Ullrich. Zentral verlor Daniel Elfadli in dieser Szene Tabakovic, da er sich am Gegenspieler vor ihm orientierte.

Abgesehen von den beiden erwähnten Gladbacher Chancen blieb es vor dem Tor von Heuer-Fernandes zunächst relativ ruhig. In Halbzeit 2 sollte der HSV dies jedoch besser lösen. Das Trainerteam reagierte auf die in Hälfte 1 immer wieder auftauchenden Spuren und passte die defensive Position der Außenspieler in der Mittelfeldkette an. Besonders auffällig war dies bei Linksaußen Rössing-Lelesiit: Er agierte nun permanent tiefer in der Kette und hielt konsequent seine Position. Die Gladbacher konnten zwar weiterhin mit Elvedi, Reitz und Co. herandribbeln, es führte jedoch zu nichts. Parallel sicherte der ballferne Sechser die Tiefe deutlich besser ab. Ballnah verengten die Hamburger den Raum und deckten nahezu alle Spuren konsequent ab.
Vor dem Hamburger Tor blieb es dadurch weitgehend ereignisarm. Dies lag unter anderem daran, dass Seaone in meinen Augen durch die Auswechslung von Stöger die Gladbacher Probleme noch verschärfte. Neuhaus und Reitz agierten zwar höher positioniert, konnten aber praktisch nie effektiv ins Spiel eingebunden werden. Sie mussten sich die Bälle immer wieder außerhalb des Hamburger Blocks holen, sodass das Spiel mit wenigen Spielern im Block quasi von vorne begann.

Der HSV zeigte in seinem ersten Bundesliga-Spiel einen klaren Plan gegen den Ball. Die notwendigen Korrekturen wurden rechtzeitig bis zur Halbzeit umgesetzt. Es ist eine Defensivleistung, die viele Kritiker dem HSV nicht zugetraut hätten. Sicherlich sind nicht alle Abläufe perfekt, doch mit mehr Spielpraxis werden die Spieler noch besser zusammenfinden. Am Ende war der HSV nur Zentimeter von einem Auswärtsdreier entfernt – Zentimeter, die zeigen, dass der HSV gar nicht so weit vom Bundesliga-Niveau entfernt ist, wie viele glauben.
