Im Fokus: Wieso es mit Ball einfach (noch) nicht klappen will #HSVSTP

Derbyniederlage, 0,20 Open-Play-xG, aus den letzten fünf Heimspielen nur ein Sieg. Nicht unbedingt etwas, was Mut macht als Aufsteiger in einer Liga, in der es dieses Jahr an klaren Abstiegskandidaten fehlt. Aber Fußball wäre nicht Fußball, wenn dieses Momentum nicht auch ganz schnell in eine andere Richtung kippen könnte. Im Fall des HSV brauchte es „nur“ den Deadline Day, um viele Fans wieder optimistischer in die neue Saison blicken zu lassen. Mit Fabio Vieira und Albert Sambi Lokonga gelingen dem HSV zumindest auf dem Papier zwei Transfers, die viele nicht für möglich gehalten hätten. Vor allem das Profil von Sambi Lokonga freut mich sehr – und ich halte es zusätzlich auch für nicht ganz unwichtig. Das Stadtderby am vergangenen Freitag zeigte, dass der HSV vor der Abwehr durchaus noch Potenzial nach oben hat und die alleinige Präsenz eines Zehners auch keine Probleme im Ballbesitzspiel löst.

Nun also zum Thema: Es läuft nicht im Ballbesitzspiel des HSV. Der Statistikbogen verrät wenige Chancen und vor allem kaum Großchancen. Aber woran liegt das? Ich erlaube mir heute, euch schon am Anfang des Artikels zu erzählen, wo der HSV sich im Spiel noch verbessern muss. Wie so oft im Fußball sind es auch hier beim HSV eine Mischung aus taktischen Ursachen und individuellen Defiziten der Spieler.

Taktisch sehe ich vor allem situativ ungünstige Staffelungen der einzelnen Linien – horizontal wie vertikal. In vielen Momenten schneiden sich die Mannschaftsteile ohne Bindung zueinander ab. Der Weg zu den individuellen Points to Improve (in meinem Job wird mir zwei- bis dreimal pro Jahr gepredigt, dass man immer vom Positiven lernt) führt dann über das Forcieren schlecht vorbereiteter Offensivaktionen zu dem größten Thema auf individueller Ebene: Wahrnehmung, Handlungsschnelligkeit und Ausführung.

All diese Puzzleteile ergeben dann ein Gesamtbild. Ein Bild, das zeigt, dass man nicht alle Probleme löst, nur weil man im Sky-Pregame-Bildschirm wieder auf eine Viererkette zurückkehrt. Bei den Ballbesitzproblemen des HSV macht es Sinn, sich viele einzelne Szenen genau anzusehen, um daraus Lösungen zu entwickeln. Und genau das habe ich gemacht – allerdings mit einer sehr durchwachsenen indischen Internetverbindung. (Das ist übrigens kein dummer Witz, sondern tatsächlich die Wahrheit.) Dadurch konnte ich in vielen Szenen im Sky-Tacticam-Relive wenig bis gar nichts erkennen. Sprich: Manche Eindrücke sind wieder etwas verfälscht durch die deutsche TV-Regie.

Fangen wir mit der Grundstruktur beider Mannschaften an. Hier gab es im Großen und Ganzen keine Überraschungen. Der HSV baute in erster Linie in einem 3-1 auf. Innenverteidiger Elfadli blieb über 95% des Spiels tief in der Kette, während Nicolai Remberg als Anker vor der Dreierlinie agierte. Situativ kippte er zwischen Elfadli und Omari in die erste Linie ab. Muheim übernahm auf der linken Seite erneut die Rolle des inversen Außenverteidigers, der zeitweise bis in den Zwischenraum zwischen Paulis Ketten aufrückte. Capaldo reagierte darauf mit einer zentraleren Position im selben Raum. In der rechten Halbspur rückte Emir Sahiti ein, während Gocholeishvili – ähnlich wie Rössing-Lelesiit auf der linken Seite – die Breite hielt. In der vordersten Linie agierte Königsdörffer mit vielen Freiheiten, allerdings war zu erkennen, dass er häufig in den linken Offensivraum des HSV abkippte.

St. Pauli formierte sich gegen den Ball hoch in einem 5-2-3 und im tiefen Block in einem 5-4-1. Die beiden Stürmer Houtondji und Lage besetzten in diesem Konstrukt die breiten Positionen, sodass sich Houtondji meist im Raum zwischen Torunarigha und Muheim befand. Zentral versuchte Sinani in erster Linie, Remberg mit seinem Deckungsschatten aus dem Spiel zu nehmen. Gelang ihm das nicht, schob Fujita auf den HSV-Sechser heraus. Sands orientierte sich stärker auf der rechten Seite, agierte dabei aber keineswegs nur tief. Ergab sich die Chance zum Durchschieben (mit Capaldo im Deckungsschatten), rückte er auf Jordan Torunarigha heraus, um Druck aufzubauen.

Insgesamt war St. Paulis Defensivspiel gut auf die Bewegungen des HSV abgestimmt. So schob Pyrka situativ auf Muheim heraus, während St. Pauli in der letzten Kette über Wahl bis auf Rössing-Lelesiit durchschob. Ein ähnliches Muster ließ sich auch auf der rechten Defensivseite beobachten.

Genau diese Defensivmechanismen zeigte St. Pauli bereits in den ersten Minuten. Nach knapp drei Minuten kippte Remberg das erste Mal vor den Pauli-Defensivblock ab. Dadurch verlor der HSV in dieser Szene jede theoretische Verbindung in die höheren Zonen. Da auch Muheim statisch im Halbraum stand, konnte Houtondji mit Muheim im Rücken auf Torunarigha anlaufen. Muheim reagierte mit einem breiten Herauskippen, was – wie beschrieben – das Vorrücken von RAV Pyrka auslöste.

Jordan spielte daraufhin den ersten langen Ball. Zwar griff das Gegenpressing, doch nach mehreren individuellen Kontakten suchte der HSV erneut den Neuaufbau. Dort attackierte Torunarigha relativ zügig das entstehende 2-gegen-1 auf der rechten Seite. Nach dem anschließenden HSV-Einwurf begann das Ganze von vorne.

Torunarigha sucht in der Folge den abkippenden Rössing-Lelesiit, der den Ball mit offenen Füßen und offenem Körper zum Spielfeld annehmen kann. Parallel dazu schiebt Muheim breit durch und zieht damit sowohl Houtondji als auch RIV Wahl in die Breite. Für den HSV öffnet sich für Sekundenbruchteile eine diagonale Passspur auf den freien Capaldo im Zentrum.

ARL schließt das Dribbling zwar erfolgreich ab, verliert dabei jedoch eben diese Sekundenbruchteile, was es St. Pauli ermöglicht, den Raum etwas zu verengen. Kaum an Pyrka vorbei hat ARL neben dem offensichtlichen Pass auf Capaldo auch die Option zur Halbfeldflanke, auf die RYK abseits des Balls lauert. Der HSV entscheidet sich für die Lösung über Capaldo im Zentrum, der anschließend Muheim bedient. Dessen Flanke findet zwar einen Abnehmer, ist aber zu unplatziert, um echte Gefahr zu erzeugen. Dennoch markiert diese Szene nach knapp dreieinhalb Minuten den ersten Durchbruch des HSV im letzten Drittel.

Etwa drei Minuten später gewinnt der HSV nach einem Standard den Ball und baut diesmal ruhiger auf. Wieder steht die Mannschaft in der 3-1-Struktur, mit Capaldo und Ransi im Zwischenraum. St. Pauli befindet sich nun in ihrem 5-4-1 tief in der eigenen Hälfte. Fujita schiebt aus dieser Formation auf den ballführenden Remberg heraus, wodurch sich für Capaldo im Zwischenraum noch mehr Platz öffnet. Remberg schafft es, den Ball auf den Kapitän durchzuspielen, der jedoch sofort von einem Innenverteidiger sowie dem im Raum positionierten Sands unter Druck gesetzt wird – und letztlich das Foul zieht.

Das Foul ist in dieser Situation allerdings auch das Maximum, was Capaldo herausholen kann. Er hat keinerlei ballnahe Anschlussoptionen, da sowohl Sahiti als auch Gocholeishvili breit agieren. Das Herausrücken auf Capaldo ist zudem so aggressiv und gut getimt, dass sich für ihn keine Möglichkeit ergibt, den Ball unmittelbar in die Tiefe auf Gocholeishvili weiterzuleiten. Auch sein gewählter erster Kontakt verhindert eine solche Anschlussaktion. Capaldo lässt deshalb auf Omari klatschen und zieht schließlich das Foul.

Nach diesem Freistoß steht St. Pauli erneut im 5-4-1. Der HSV verlagert das Spiel auf die linke Seite: Houtondji schiebt auf Torunarigha heraus und übergibt Muheim an Sands. Gleichzeitig kippt RYK breit und tief ab und zieht damit Wahl aus der letzten Linie heraus.

Der HSV schafft es jedoch nicht, aus der Bewegung im St.-Pauli-Block etwas herauszuspielen. RYK kann mit dem Druck im Rücken nur erneut auf Torunarigha klatschen lassen, und der HSV fällt wieder in seine gewohnte Aufbaustruktur zurück. Der Ball landet bei Wared Omari, während St. Pauli weiterhin im 5-4-1 steht. Sinani antizipiert aufgrund von Omris Körperstellung den Rückpass auf Daniel Elfadli. Omari reagiert auf Sinanis Vorrücken und spielt stattdessen den direkten Ball auf Jordan Torunarigha.

Dieser Pass bringt schließlich den St.-Pauli-Block in Bewegung: Houtondji rückt auf Torunarigha heraus, Sands schiebt auf Muheim, und zusätzlich kippt ARL in die Breite ab. Diese Bewegung öffnet die Tiefe für RYK. Torunarigha spielt den tiefen Ball in seine Richtung, doch St. Paulis Rückwärtsbewegung funktioniert gut, sodass die erzeugte Dynamik zunächst verpufft.

In der Theorie ergibt sich jedoch eine neue Möglichkeit: Aus der tieferen Position startet ARL mit einem vorderlaufenden Weg in die Tiefe. Sands orientiert sich in seiner Wahrnehmung stark an ARLs Laufweg und verliert dadurch seinen eigentlichen Gegenspieler im Rücken. So bietet sich die Chance, Muheim relativ frei im Halbraum im letzten Drittel anzuspielen. Doch RYK verpasst den richtigen Moment – er hat zu viele Kontakte, bevor er den Ball final abgibt. Diese Verzögerung reicht St. Pauli, um den Raum wieder zu schließen.

Knapp eine Minute später, nach einem Einwurf, ist der HSV erneut im kontrollierten Ballbesitz. Der Ball befindet sich bei Wared Omari. In der letzten Linie stehen Königsdörffer, Sahiti und Gocholeishvili. Königsdörffer schafft es, Smith und Dzwigala zu binden – oder aber Dzwigala interpretiert die Situation falsch, was schwer zu erkennen war. Dadurch kann Sahiti ohne direkten Druck des Innenverteidigers abkippen.

Dzwigala reagiert etwas verspätet, während RYK in die Tiefe startet. Allerdings fehlt Omris Ball die nötige Schärfe, und auch Sahitis Körperdrehung entgegen seinem Körperschwerpunkt ist nicht ideal, um Dynamik zu erzeugen. Der HSV muss also erneut von vorne aufbauen..

Auf der linken Seite spielt Torunarigha den Ball auf den breit positionierten Muheim. Weiter vorne signalisiert ARLseinen Tiefenlauf (diesmal aus einer Halbposition). Doch auch in dieser Szene fehlt die nötige Handlungsschnelligkeit. Es dauert schlichtweg zu lange, sodass sich Houtondji defensiv besser platzieren kann. Der Pass am Ende ist ungenau. Trotzdem lässt sich abseits des Balls etwas erkennen: Zieht ARL in dieser Situation Wahl mit in die Breite, hätte der HSV die Chance, in der Box ein 2-gegen-2 oder sogar 3-gegen-3 herzustellen.

Nach den ersten zehn Minuten flacht das Spiel etwas ab. Es zeigt sich, dass der HSV in einzelnen Mannschaftsteilen nicht so progressiv agiert, wie man es sich wünschen würde. Nach knapp neun Minuten ist Daniel Elfadli im Ballbesitz, während Nicolai Remberg abkippt. Durch dieses Abkippen öffnet sich zwar eine mögliche Spur auf Capaldo, doch Elfadli entscheidet sich für die Sicherheitsvariante über den Torwart. Die Sequenz endet mit einem einfachen Fehlpass von Torunarigha auf den breitstehenden Muheim.

Die situative Risikovermeidung zeigt sich auch nach einer knappen Viertelstunde. Der HSV erobert den Ball und könnte über Muheim direkt auf den startenden Capaldo durchstecken. Stattdessen wählt man erneut den sicheren Weg. Gegen St. Paulis 5-4-1 findet der HSV zwar noch den Linienbrecher auf Capaldo, der auf RYK klatschen lässt. Doch mit diesem Raumgewinn kann die Mannschaft weder Tempo noch Optionen entwickeln, um ihn effektiv zu nutzen.

Im Anschluss an diese Szene wird ein strukturelles Problem deutlich, mit dem der HSV auf der linken Seite zu kämpfen hat. Zu oft agiert Muheim zu statisch invers im Halbraum. Je nach Position von RYK blockiert er damit auch eine mögliche direkte Anbindung an den Stürmer. Das Hauptproblem ist jedoch, dass Houtondji in diesen Situationen immer wieder ohne großes Risiko auf Torunarigha durchschieben kann. Entscheidend ist dabei nicht Muheims inverse Rolle an sich, sondern die fehlende Dynamik, die entsteht, wenn er zu früh einrückt. Wie bereits erwähnt, versuchte der HSV dies über das breite Abkippen von Miro zu lösen. Da er jedoch als Linksfuß geschlossen zum Feld herauskippt, wird das Herauspielen nicht unbedingt erleichtert.

Trotzdem war es ein insgesamt ordentlicher Beginn mit Ball. Der HSV brachte den Pauli-Block immer wieder in Bewegung, doch im letzten Drittel fehlte es klar an Handlungsschnelligkeit. Es sind zwar nur Bruchteile von Sekunden, aber genau diese machen auf Bundesliga-Niveau und speziell gegen ein Team wie den FC St. Pauli den entscheidenden Unterschied. Das Gegentor fiel dann auf der anderen Seite – ohne große Vorankündigung – und war genau das, was der HSV nicht gebrauchen konnte: ein Dämpfer für die Sicherheit.

St. Pauli erzielte damit einen kleinen Wirkungstreffer, doch der HSV blieb strukturell bei seinem Plan. Nach rund 20 Minuten erwischten sie St. Pauli in einem 5-2-3. Der HSV überlud die linke Seite, St. Pauli stellte dies jedoch clever zu. Torunarigha suchte den Linienbrecher-Pass auf RYK (theoretisch wäre auch ein Klatsch auf Muheim möglich gewesen), doch Sands bekam die Füße dazwischen.

Auch zwei Minuten später scheitert ein HSV-Angriff erneut an den Füßen der Gäste. Der HSV löst das Spiel horizontal über Remberg auf, schafft damit Platz gegen eine reduzierte Restverteidigung der Gäste. Remberg setzt Sahiti als Bindeglied ein, der versucht, auf Gocholeishvili durchzustecken – doch der Pass ist am Ende völlig ungenau.

Der Ball gelangt zwar schnell zurück zum HSV, doch dies ist nur eine von vielen verpassten Chancen, die man sich auf diesem Niveau nicht leisten darf. 30 Sekunden später verlagert Omari erneut direkt auf Torunarigha und bringt den St.-Pauli-Block in Bewegung. Es folgt allerdings nur ein langer Ball, der letztlich wegen Offensivfoul abgepfiffen wird.

Es gibt aber immer wieder Ansätze, aus denen man Mut ziehen kann. Nach einem Freistoß für den HSV führen sie diesen schnell aus. St. Pauli wirkt für ihre Verhältnisse etwas unsortiert. Omari eröffnet diagonal auf Remberg, der sofort den Doppelpass mit RYK spielt. In der Pauli-Kette springt nun Oppie breit heraus und öffnet die Seite. Der HSV kommt jedoch erneut nicht zu einer gefährlichen Aktion, da Fujita die Situation klären kann. Kommt der Ball auf Remberg zurück, hätte der HSV viel Raum.

Dennoch häufen sich nun die langen Bälle beim HSV. Ob durch das 0:1 oder kleine Missgeschicke bei Interceptions – die Aktionen werden zunehmend ungenauer. Zudem zögert die Mannschaft mehr als zu Beginn der Partie, was besonders nach 26 Minuten sichtbar wird. Auf der linken Seite formiert der HSV eine Raute: ARL kippt ab, Muheim ist Spitze, Capaldo zentrale Option. In der letzten Linie bindet RYK Wahl. Torunarigha hat zunächst keinen Druck, wird dann aber von Sands und Houtondji gemeinsam angelaufen. Theoretisch würde der Abstand zwischen den beiden Verteidigern einen Pass auf Muheim zulassen, doch Jordan zögert, die beiden stoppen ab. Der Ball kommt dennoch zu Muheim.

In diesen Sekunden des Zögerns kann Fujita den Raum um Capaldo schließen. Muheim erhält den Ball, der Klatschpass auf Capaldo ist aber nicht mehr möglich. Stattdessen dreht er sich nach einer Ballannahme um und spielt auf Sahiti vor der Kette, der erneut auf Oppie passt. Wieder verpufft eine Szene, aus der man Mut schöpfen könnte, an individuellem Unvermögen. Nach knapp 30 Minuten muss man leider deutlich feststellen:

St. Pauli spielt solide, doch der HSV scheitert in vielen Szenen vor allem an sich selbst. Oft sind es nur Millisekunden oder wenige Zentimeter – diese machen heute den entscheidenden Unterschied.

Auch der vielleicht vertikalste Angriff des HSV scheitert an der eigenen Präzision. Muheim eröffnet diagonal auf den sich gut behauptenden RYK. Parallel startet ARL an RYK vorbei, der den Klatschpass mitnimmt. Abseits des Balls attackiert Sahiti die Schnittstelle, doch der Stecker von ARL ist etwas zu fest gespielt, sodass Sahiti nicht rankommt. Dennoch ist die Sequenz insgesamt wieder nicht verkehrt. Zuvor hatte Omari auf der anderen Seite Druck auf Capaldo ausgeübt, der erneut Probleme mit dem ersten Kontakt hatte. Der HSV baut daraufhin behutsam neu auf und findet seine Aktionen im ersten und zweiten Spieldrittel, während im dritten Drittel noch nicht alles zusammenläuft.

Knapp drei Minuten später durchbricht der HSV erneut die ersten beiden Spieldrittel. Omari sucht den direkten Ball auf Jordan und lässt damit Sands reagieren. Jordan chipt dann halbhoch in die letzte Linie auf Capaldo, der nur auf RYK abprallen lassen muss. Plötzlich entstehen große Räume vor der Pauli-Kette. RYK benötigt allerdings 5–6 Ballkontakte, um den Ball ordentlich zu verarbeiten – genau diese wenigen Momente reichen St. Pauli, um wieder zurückzurücken und die Räume zu schließen.

Es zeigen sich aber immer wieder klare Abläufe. St. Pauli schiebt in ihrem 5-4-1 schlecht durch und ist horizontal nicht kompakt. Der HSV agiert ballnah gut, sodass aus Omari, Remberg, Capaldo und Sahiti eine Raute entsteht. Sahiti kippt ab, was Oppie zum Herausspringen zwingt. Gleichzeitig bietet Gocholeishvili leicht die Tiefe an. Omari spielt den Ball durch die Linien auf Capaldo, der sich mit seinem ersten Außenrist-Touch erneut etwas schwer tut. Smith springt, Fujita recovered ebenfalls – die Situation verpufft erneut.

Damit endet mein Notizzettel im Groben für die erste Halbzeit. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der HSV scheitert vor allem im letzten Drittel an sich selbst – sei es aufgrund von Wahrnehmung, Handlungsschnelligkeit oder technischen Unsauberkeiten. Das erste Drittel überbrückt der HSV hingegen ganz ordentlich. Die Zielräume auf beiden Seiten sind klar erkennbar, und viele Gegenbewegungen wirken besser getimed als noch gegen Gladbach in der Vorwoche. Dennoch: Ansätze allein bringen in dieser Liga nichts, auch wenn es oft nur um eine Schulterlänge oder einen Zentimeter geht. Genau diese kleine Differenz verhindert den Ausgleich kurz nach der Pause.

In der zweiten Halbzeit bleibt das Offensivfeuerwerk aus. Der HSV passt kleinere Dinge an (z. B. Capaldo tiefer mit abkippendem Remberg), doch das Spiel dreht sich nicht mehr. Man versucht weiterhin, mit dem gleichen Baukasten aus Gegenbewegungen und dynamischem Vorstoßen in freie Räume gegen den St.-Pauli-Block zum Erfolg zu kommen.

Auch die Einwechslungen von Poulsen und Dompe bringen keine entscheidende Veränderung. Besonders Poulsen ist von den Gästen gut ausgeregelt: Auf der linken Seite gelingt St. Pauli permanent ein 4-gegen-2, wodurch das Duo Muheim/Dompe im Halbraum in seinen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt wird. Der Wechsel zeigt zudem, dass der HSV weiter über die linke Seite Durchbruchsmöglichkeiten sucht. RYK, eigentlich rechter HR-Spieler, ist fast durchgehend im linken Halbraum zu finden.

Zwei weitere kleine Beobachtungen:

Im Gegensatz dazu zeigt sich bei hohem Pressing der Gäste (ca. Minute 57) ein strukturelles Problem: Elfadli schiebt neben Remberg höher in den Raum der Torwartkette. Die Doppel-6 hat in diesen Momenten Schwierigkeiten, die richtigen Räume zu besetzen. Trotz freier Räume gelingt es dem HSV nicht, daraus Kapital zu schlagen.

Die Symbiose zwischen Muheim und Dompe könnte dem HSV guttun. Die Bewegungsabläufe sitzen gut, und gegen weniger gut vorbereitete Mannschaften könnten daraus Chancen entstehen.

Fazit:

Der HSV ist in der Bundesliga noch nicht da, wo er sein will – und auch nicht da, wo er sein muss. St. Pauli hat gezeigt, dass in Liga 1 noch deutlich mehr Präzision notwendig ist als gegen einen Drittliga-Aufsteiger. Diese Erkenntnis mag nicht überraschend sein, sollte aber dennoch betont werden. Die zahlreichen Ansätze, die der HSV mit Ball zeigt, sind solide. Sie bieten genügend Ansatzpunkte, um daran zu arbeiten, ohne das gesamte Konstrukt infrage stellen zu müssen. Die Transformation wird allerdings Zeit brauchen – Zeit, die man sich nehmen muss, auch wenn es, wie am vergangenen Freitag, zwischendurch durchaus wehtun kann.

Eine wichtige Lektion aus meinem Job: Gutes Training sollte immer positiv abschließen. Deshalb möchte ich auch mit etwas Positivem enden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass spätestens gegen Heidenheim zu Hause fünf Akteure auf dem Platz stehen, die ihren Einfluss auf das Spiel bislang noch nicht zeigen konnten. Vuskovic, Vieira und Sambi Lokonga werden den HSV zwangsläufig verstärken. Auch ein fitter Poulsen und ein fitter Dompé werden dem Team guttun. Diese Spieler werden besonders in den Bereichen Handlungsschnelligkeit, Wahrnehmung und Präzision einen Unterschied machen.

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