HSV 2.025/2.026 – Rebuild am 3. Spieltag?

Selten hat die letzte Woche des Transferfensters das Gesicht des eigenen Kaders so sehr verändert, wie es dieses Jahr beim HSV der Fall ist. Mit Luka Vušković, Albert Sambi Lokonga und Fábio Vieira verpflichtete der HSV drei Hochkaräter und versucht damit entscheidende Impulse nach dem durchwachsenen Saisonstart zu setzen.

Spielerprofile

Albert Sambi Lokonga

Lokonga ist ein tiefer Spielmacher, der sich gerne vor die Abwehr fallen lässt und den Ball unter Druck sauber zirkuliert. Er löst Pressingwellen mit klarem ersten Kontakt und konstant präzisem Kurz- und Langpassspiel. Dieses Profil zielt exakt auf eine Lücke, die der HSV zuletzt hatte: Im Aufbau trugen häufig die Innenverteidiger die Hauptlast, während im Zentrum die verbindende Figur fehlte. Lokonga soll dieses Vakuum schließen, Räume besetzen und damit das Tempo des Spiels bestimmen.

Bereits bei Anderlecht trug er in jungen Jahren Verantwortung und bekam unter Vincent Kompany früh mit gerade mal 21 Jahren die Kapitänsbinde. Der Belgier ist kein Hochgeschwindigkeitssprinter, seine Wirkung entfaltet er über Positionierung, Timing und Passqualität. Zudem hatte er zuletzt wiederholt Oberschenkelprobleme, weshalb es für die Saison entscheidend sein wird besonders auf Belastungssteuerung zu achten.

Fábio Vieira

Vieira ist ein beweglicher Zehner, der ständig zwischen den Linien nach Räumen sucht, mit links torgefährlich wird und Mitspieler durch Steckpässe in die Tiefe freispielt. Sein niedriger Körperschwerpunkt und sauberer erster Kontakt erlauben ihm, auf engem Raum Lösungen zu finden. In Portos Meisterjahr 2021/22 sammelte er in der Liga 6 Tore und 14 Assists und weckte damit das Interesse aus London. Arsenal zahlte im Sommer 2022 stolze 35 Millionen Euro.

In der Premier League hatte er durchaus mit der physischen Spielweise seine Probleme, phasenweise waren Ballverluste unter Druck ein Thema. Das heißt für den HSV: Vieira möglichst häufig kurz anspielen, dem Gegner wenig Zeit zu reagieren geben und Vieria in Situationen bringen in denen er mit offener Körperstellung, Zeit und Blickrichtung zum Tor das Spiel gestalten kann.

Luka Vušković

Mit Luka Vušković gewinnt der HSV an Athletik und technischem Vermögen für seine Defensivreihe nochmal hinzu. Was man zu ihm häufig liest: Körperlich für sein Alter extrem weit, kann sich immer wieder gegen ältere Gegenspieler behaupten, im Timing seiner Abwehraktionen allerdings noch ausbaufähig, was aber sicherlich an der noch fehlenden Erfahrung hängt.

Bei Balleroberungen bevorzugt Vušković das Ball schleppen vor dem tiefen Pass, eine Eigenschaft, die sich mit der neu dazugewonnenen Spielstärke von Sambi Lokonga gut ergänzen könnte. Dazu ist sein Kopfballspiel sowohl in Sachen Timing als auch Präzision jetzt schon vielleicht das beste im gesamten Kader des HSV, auch wenn man mit Torunarigha oder auch Poulsen über gute Kopfballspieler verfügt. Luka Vušković war in der abgelaufenen Saison der mit Abstand torgefährlichste U21-Verteidiger aller Top14-Ligen weltweit. Überragende 7 Ligatore und damit im Schnitt 0,25 pro Spiel konnte der 18-jährige Innenverteidiger im letzten Jahr für sich verzeichnen. In Kombination mit Standardschützen wie Dompé, Muheim oder auch Fábio Vieira könnte er zu einer nicht zu unterschätzenden Geheimwaffe auch für die Offensive des HSV werden.

Übersetzung auf den HSV

Im Aufbau

Sambi Lokonga übernimmt die erste Andockstation vor der Kette, als alleiniger Sechser oder Teil einer Doppel-6 neben dem lauf-/zweikampfstarken Pendant, also die Rolle, die zuletzt Nicolai Remberg übernommen hatte und mit der man ihm keinen Gefallen tat bei seinem Spielerprofil. Lokonga zieht den gegnerischen Stürmerblock auseinander, kippt situativ neben die Innenverteidiger, lockt und überspielt das erste Pressing mit flachen Winkeln. Das entlastet Omari/Torunarigha (längere Zuspiele weiter möglich, aber nicht mehr Pflicht). Seine Vororientierung erlaubt, den Ball mit dem ersten Kontakt vom Druck weg zu spielen und Passfenster in den Halbräumen zu öffnen, eine Schwächezone der ersten HSV-Spiele, die damit adressiert wird. Auch wenn das Diagonalspiel über die Innenverteidiger wahrscheinlich weiterhin das bevorzugte Mittel sein dürfte, könnte Lokonga hierfür derjenige sein, der in den richtigen Momenten das Gespür hat, wann er seine Nebenmänner freispielen kann und wann er selbst den Aufbau durchs Zentrum übernimmt.

Vušković könnte wieder mehr in die zu Beginn der Sommervorbereitung erprobte Hybrid-Rolle aus IV und 6 rutschen. Im Zusammenspiel würde sich dadurch vermehrt ein Spielen und Gehen entwickeln, kurze Doppelpass-Passagen, um das Zentrum zu überbrücken und Vuškovićs Stärken am Ball stärker zu nutzen als man es bisher mit den bisherigen Defensiv-Besetzungen tat.

Mit Lokonga und Vieira gewinnt der HSV zudem an Pressingresistenz, würde im Optimalfall so seine Gegner ein wenig dazu bringen nicht konsequent hoch anzulaufen, da sie sonst Gefahr laufen, dass der HSV dies zu leicht überspielt. Diese Qualität auf dem Feld zu haben könnte auf Zeit zu viel mehr Sicherheit führen und das Spiel des HSV dazu bringen auf Sicht das nötige Risiko einzugehen, das es benötigt um gegnerische Abwehrketten aufzubrechen.

Mögliche Aufbau-Sequenz inklusive der 3 Neuzugänge

Letztes Drittel

Fábio Vieira startet nominell von rechts, interpretiert die Rolle jedoch sehr zentral: Andribbeln in die rechte Halbraumspur, Steckpässe auf tief startende Flügel/Neuner, eigener Abschluss mit seinem starken linken Fuß. Die ballferne Breite durch Dompé könnte die gegnerische letzte Linie relativ weit halten was für Vieira Platz für Schnittstellenpässen ergeben dürfte. Wichtig wird dabei sein, dass der HSV mutig bleibt und mit viel Personal dann auch die Tiefe suchen. Bisher sah man immer nur verhaltende Muster, vielleicht auch eine Blockade der Spieler, die um defensive Struktur bemüht waren und diese nicht aufgeben wollten.

Nicht ausgeschlossen, dass man bei Angriffen über die linke Außenbahn auch damit arbeitet, dass Luka Vušković mit späten Läufen in die Box für weitere Gefahr durch die Luft sorgt, zumindest wäre es fast verschenkt, wenn man seine Torgefahr nur bei Standardsituationen versuchen würde zu nutzen.

Zwei Breitengeber, die diagonal einlaufen. Dazu drei Spieler, die die Box besetzen + Lokonga für den Rückraum für frühzeitiges Gegenpressing. Hinten weiterhin mit dreifacher Absicherung.

Umschalten

Defensiv ist Lokonga kein Jäger über große Distanzen, doch gut im Schließen zentraler Passkanäle kann er vielleicht zumindest ein erster Wellenbrecher gegnerischer Angriffe sein. Gegen Bundesliga-Teams mit Umschalt-DNA bedarf es klarer Restverteidigungs-Staffelungen hinter ihm, sollte aber mit drei Innenverteidigern mit solidem Tempo eine gute Grundlage geben.

Offensiv profitieren Konter von Vieiras schneller Auffassungsgabe und guter Ballkontrolle: Ballmitnahme nach innen, dann direkt der tiefe Pass oder der Ablagekontakt in den Lauf eines hinterlaufenden Gocholeishvili. Eine weitere Option ist sicher auch das Spiel über den Dritten. Um Lokongas Spielstärke einzusetzen könnte Vieira zunächst als Verbindungsspieler genutzt werden und Lokonga mit Blick Richtung gegnerischem Tor dann die Entscheidung treffen über welche Seite besser umgeschaltet werden kann. Durch den ersten auflösenden Ball von Heuer Fernandes entgeht man dem ersten Druck im Zentrum und nutzt dabei zunächst die technische Sicherheit Vieiras sowie das starke Passspiel Lokongas. Zudem können die beiden Außenbahnspieler Dompé und Gocholeishvili ihr Tempo optimal ins Spiel einbringen.

Nach Balleroberungen könnte der Wechsel von Nicolai Remberg auf Sambi Lokonga dem HSV deutlich mehr Vertikalität ins Spiel bringen. Der Neuzugang von Holstein Kiel verspricht tendenziell mehr Balleroberungen, in der vergangenen Saison war allerdings häufig zu beobachten, dass der Ex-Kieler dann den Weg eher zurück und häufig sogar zum eigenen Torwart suche. Mit Lokonga erhält der HSV einen Spieler, der mehr spielerische Lösungen sucht und beim FC Sevilla den Daten zufolge eher erstmal den Weg auf die Außenbahn suchte, um dem gegnerischen Druck nach Balleroberungen zu entgehen. Zudem war Lokongas Passpräzision nach Ballgewinn mit rund 88% deutlich höher als die Rembergs mit knapp 76%.

An der Grundordnung muss Polzin nicht zwingend drehen. Lokonga kann die Position einnehmen, die zuletzt als erste Anspielstation gedacht war, und sie spielstärker interpretieren. Gegen den Ball bildet er mit einem robusteren Partner die Doppel-6. Vieira bekleidet den rechten Flügel in zentrumsnaher Auslegung, erhält explizite Freiheiten zwischen den Linien und wird als Spielmacher aufgestellt, der Zonen überlädt und Überzahl erzeugt.

Mögliche Stolpersteine

  1. Physische Liga & Kontaktintensität: Gegner werden Vieira mannorientiert verteidigen, in der Hoffnung, dass sich das gesamte Spiel des HSV auf ihn verlagert und ohne ihn der HSV keine Lösungen findet. Vieira hatte in England bereits seine Probleme, wenn Gegner ihn eng verteidigten. Lösungen sollten klare Freilaufmechanismen (Gegenbewegungen, kurze Ablagen mit nachstoßender Unterstützung der 6er) sein, die Vieira ermöglichen nur kurze Ballbesitzphasen haben zu müssen, möglichst häufig mit Blickrichtung zum gegnerischen Tor.
  2. Ballbesitz wie im Handball: Wenn Gegner tief bleiben, droht statisches Zirkulieren. Antwort: Rhythmuswechsel (Zwischensprints, Doppelpass-Durchbrüche), Wechsel der Ballhöhe (Flanke/Diagonalbälle), um die Kette in Bewegung zu bringen. Lokonga und Vušković als zentrales Duo, das mit Technik und Physis auch für zentrale Durchbrüche sorgen kann. Dadurch wird der Gegner vor Entscheidungen gestellt. Der HSV muss im eigenen Spiel wieder mehr ins Risiko gehen, das wird nur über das eigene Selbstbewusstsein funktionieren, Spieler wie Lokonga, Vieira und Vušković könnten ein solches mitbringen.

Ausblick

Der HSV hat mit seinem Transfer-Hattrick nochmal hohe Qualität mit passenden Profilen verpflichtet. Defensive Stabilität, Spielmacher-Qualität im Spielaufbau und Torgefahr im letzten Drittel. Für jede Phase wurde ein Spieler dazu geholt, die neue Möglichkeiten für das Spiel des HSV bedeuten sollten.

Nun liegt es am Trainerteam und der Mannschaft des HSV aus diesen Voraussetzungen eine funktionierende Spielidee zu formen. Beruhigend ist zumindest schon mal, dass Schwachstellen im Kader klar fokussiert und angegangen worden sind. Ausreden kann es dadurch eigentlich nicht mehr geben, auch wenn dies natürlich nicht gleichbedeutend damit ist, dass der Klassenerhalt deutlich wahrscheinlicher geworden ist. Bis dahin ist es ein sehr sehr weiter Weg. Von nun an aber mit einem sehr spannend zusammengestellten Kader mit vielen Optionen.

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