4.851 Tage musste man als HSV-Fan auf ein Bundesliga-Spiel der Frauen-Mannschaft des eigenen Vereins warten. Verantwortlich dafür: Missmanagement im Herrenbereich. Gestern dann das langersehnte Comeback und das hatte es in sich. Wir schauen noch einmal drauf.

Der HSV startete recht schwungvoll in die Partie, man merkte deutlich, dass man die Euphorie nutzen wollte und konnte sowohl mit als auch gegen den Ball erste kleinere Ausrufezeichen setzen. Gegen den Ball konzentrierte man sich im Mid-Block darauf, das Zentrum dichtzuhalten. Im eigenen 5-3-2 ließ man das komplette Spiel über die Außenbahn recht frei und schob dann rüber, wenn die Gegnerin in höhere Zonen anschob.
Der VfL Wolfsburg agierte im Ballbesitz in einer Art 3-1-2-4 in der man aus dem Grundgerüst von Innenverteidigerinnen, Peddemoors als Anker-6erin und den beiden Spielerinnen auf der Außenbahn viele Rotationen im Zentrum hatte. Auch Alexandra Popp als nominelle Mittelstürmerin ließ sich häufig fallen, während ihre Sturmpartnerin Beerensteyn stets die letzte Linie besetzte und auf den Steckpass spekulierte.
Auf der Außenbahn und den Halbräumen wurde häufig rotiert, in Hälfte 1 sah man Endemann und Huth, sowie Zicai und Levels zeitweise die Positionen wechseln, sodass die defensive Zuordnung beim HSV vor eine nicht allzu einfache Aufgabe gestellt wurde, welche man insgesamt aber gut löste.

Beim HSV hatte man wenig Phasen geordneten Ballbesitzes. Die längsten Episoden hatte man, wenn die stark aufspielende Melanie Brunnthaler trotz ihrer 1,66 m immer wieder gut Bälle in der Offensive festmachen konnte und ihre Mitspielerinnen nachrückten. Eine zweite Option war das Gegenpressing auf den 2. Ball, dann zeigte das ein oder andere Mal Lotta Wrede ihre starke Technik und konnte so für ein wenig Ruhe sorgen. In der 12. Minute wurde man zum ersten Mal richtig gefährlich durch Neuzugang Maria Mikolajova, die durch das Zuspiel von Eggert und einer technisch anspruchsvollen Drehung auf einmal recht frei vor dem Wolfsburger Tor zum Abschluss kam. Mit ein wenig mehr Ruhe hätte sie sogar noch die besser postierte Hillebrand bedienen können.
Trotzdem war das Spiel des HSV in der Offensive sehr viel vom Chaos geprägt und so entstanden selten längere Passstaffetten oder das Gefühl, der HSV könnte Kontrolle über das Spiel über den eigenen Ballbesitz gelangen, was angesichts der Vorzeichen der beiden Mannschaften auch ein ambitionierter Ansatz gewesen wäre.
In der 26. Minute ist der HSV dann zum ersten Mal vom Spieltempo ein wenig überfordert. Dijkstra findet mit einem schönen Vertikalpass die entgegenkommende Huth, die mit wenigen Kontakten auf Peddemors ablegen kann. Diese hatte sich im Rücken von Mikolajova ins offensive Zentrum bewegt und bediente von dort die beiden in die Spitze gestartenen Zicai und Beerensteyn, die am Ende auch den erfolgreichen Abschluss durch die Beine von Sieger nahm.


Kurz nach dem ersten Nackenschlag folgte auch schon der nächste. Wrede suchte den Rückpass zu Laura Sieger, der neuen Nr. 1 des HSV. Die aus St. Pölten gekommene Torhüterin spielte der Wolfsburgerin Lineth Beerensteyn eigentlich unbedrängt in die Füße, woraufhin sich Sieger nur noch mit einem Foul zu helfen wusste, welches dann zum Elfmeter und zur 0:2-Führung für den VfL führte.
Die Mannschaft des HSV ließ sich aber nicht besonders beeindrucken, vor allem Wrede zeigte weiterhin eine hohe Spielintelligenz und vor allem eine tolle Technik am Ball. Sowohl in ihren schnellen Bewegungen als auch im Passspiel. So wie in der 31. Minute als sie das Spiel aus dem dicht belagerten Zentrum vor dem Wolfsburger Strafraum auf den rechten Flügel verlagerte auf Lahr, die mehr oder weniger zum ersten Mal die Möglichkeit hatte in den Strafraum zu flanken, während mehrere Hamburgerinnen bereits vor Ort waren. Dies war zuvor nur zögerlich passiert. Maximal die beiden Mittelstürmerinnen Brunnthaler und Hillebrand besetzten das Zentrum, manchmal sogar nur eine von beiden.
In dieser Szene kam aber noch Linksverteidigerin Eggert dazu, was zum einen dazu führte, dass Wolfsburg entsprechendes Personal in den eigenen Strafraum schicken musste, aber eben auch zum anderen, dass jenes Personal dann nicht mehr so konsequent den Rückraum deckte, in den die abgewehrte Flanke dann segelte und von Maria Mikolajova per Distanzschuss an die Latte und Hillebrand per Abstauber für den HSV verwertet werden konnte.

Zwar schaltete Svenja Huth gedankenschnell um und setzte Mikolajova unter Druck, doch die slowakische Spielmacherin besitzt dann so viel Ruhe am Ball, dass sie den ersten Moment ohne Druck dafür nutzt gut den Körper zu positionieren und relativ mühelos am Druck von Huth vorbeizulaufen. Die Hamburgerinnen setzten einmal konsequent auf die Offensive und wurden postwendend dafür belohnt.
2. Hälfte
Die 2. Hälfte konnte einem als Fan so vorkommen als würde man 2 Personen bei einem Videospiel zuschauen und eine davon hätte einen Cheatcode entdeckt. Nur, dass der Cheatcode keine 100 % Erfolgsgarantie hatte. Anders lässt sich der extreme Fokus des VfL Wolfsburg auf ihre eigene linke Seite im Ballbesitz nicht erklären. Quasi jeder Angriff hatte denselben Aufbau: Ball zirkulierend über die Innenverteidigerinnen und die 6, dann der Ball auf die linke Außenbahn wo Zicai auf den Halbraum-Tiefenlauf von Janou Levels wartete.

Der HSV in Person von Jobina Lahr bekam das meist recht gut verteidigt, weil es dem Zusammenspiel von Zicai und Levels teils an Timing und Präzision mangelte. Zudem konnte sich Lahr zu häufig auf den Tiefenlauf von Levels fokussieren, da Zicai zu selten das eigene Dribbling suchte und selbst zu wenig Gefahr ausstrahlte. In manchen Situationen dribbelte die 20-jährige Angreiferin mal selbst an und konnte dann im Zusammenspiel mit beispielsweise Beerensteyn die Abwehrreihe des HSV in Bewegung bringen.


In solchen Situation wurde es direkt unübersichtlicher, konnte aber meist noch durch die sehr aufmerksame Svea Stoldt gerettet werden. Solche Überraschungsmomente hatte Wolfsburg aber zu selten und so blieb es größtenteils an dem sehr eindimensionalen Spiel auf der linken Außenbahn.
Trotzdem führte genau jener Spielzug zur zwischenzeitlichen 1:3-Führung. Wieder versuchte Zicai ihre Teamkollegin Levels tief zu schicken, was Lahr gut verteidigte aber im eigenen Ballbesitz zu langsam schaltete und direkt wieder den Ball verlor. Levels setzte das Spiel mit einer klasse Flanke fort und Alexandra Popp machte das, was sie immer macht, wenn sie im Strafraum eine tolle Flanke serviert bekommt: Sie verwandelt.
In der Phase fehlte es den Hamburgerinnen nochmal mehr an Ruhe am Ball. Sicherlich wird die Vorgabe von Neu-Trainerin Liese Brancao gewesen sein den direkten Weg in die Tiefe suchen zu sollen, trotzdem hat man sich von außen ab und zu mal den Blick nach oben gewünscht, die Suche nach der kurz postierten Teamkollegin. So waren viele Bälle zu schnell wieder weg, auch die offensiven Umschaltaktionen waren zu schnell verpufft. Die defensive Staffelung der Wolfsburgerinnen war allerdings auch gut und so kamen die Hamburger Stürmerinnen nur selten in die Situationen, wie sie sich dann in der 81. Minute ergab.
Die zwischenzeitlich eingewechselte Christin Meyer behauptete einen langen Ball sehr stark, anscheinend eine Stärke der Offensiv-Reihe des HSV und gab den Ball an Brunnthaler weiter, die aus einer 1:2-Unterzahl-Situation das absolute Maximum herausholte. Mit ihrem Distanzschuss in den rechten Winkel zündete sie nochmal das gesamte Volksparkstadion an und so ergab sich aus Wolfsburger Sicht eine völlig unnötig spannende Schlussphase.
Zuvor gab es nur wenige Torchancen und wenn, dann für die Wolfsburgerinnen. In der 60. Minute lässt sich Alexandra Popp für ein Zuspiel fallen und leitet mit nur einem Kontakt in die Tiefe weiter. Der Ball kommt ein wenig glücklich zu Huth, die in die Mitte legt und Zicai eigentlich das 1:4 machen muss aber an einem starken Reflex von HSV-Torhüterin Sieger scheitert. Zudem gab es noch in der 73. Minute eine Chance der Wolfsburgerinnen nach einer scharf auf den ersten Pfosten getretenen Ecke, die Brunnthaler fast im eigenen Tor versenkt.
Aber es kam wie es nun mal im Fußball kommen muss. Auf der einen Seite wird das Spiel nicht beendet, auf der anderen richtet man sich nach dem Traumtor Brunnthalers nochmal richtig auf und so trudelt der von Svea Stoldt geschossene Freistoß durch den Strafraum des VfL Wolfsburg und schlussendlich mutmaßlich noch bis hinter die Torlinie.



Am Ende steht ein für unparteiische und HSV-Fans begeisternder Spielverlauf mit vielen chaotischen Momenten, vielen Emotionen und teils unfassbar schönen Toren.
Für den HSV wird es in den kommenden Monaten darauf ankommen das eigene Ballbesitz-Spiel weiter zu forcieren. Das muss nicht bedeuten, dass sauber von hinten heraus gespielt werden soll, sondern auch, dass die langen Bälle besser vorbereitet werden und die Abstimmung in Umschaltaktionen noch besser funktionieren.
Defensiv sah das trotz drei Gegentreffern schon solide aus, wurde immer dann wackelig, sobald der erste Druck im Anlaufen abnahm und man den Gegner mehr kommen ließ. Tiefes Verteidigen wird die Hamburgerinnen viel über die Saison begleiten, deswegen sollte hier noch ein weiterer Fokus gesetzt werden.
Trotzdem macht dieser Auftritt sehr viel Mut für die anstehende Saison. Leidensfähigkeit, Teamgeist und individuell geniale Momente durch Wrede oder Brunnthaler. All das lässt als HSV-Fan hoffen, dass diese Mannschaft einen berechtigten Wunsch auf den Klassenerhalt auch in die Realität umsetzen kann. Auch wenn es „nur“ der 1. Spieltag war.
