Em Foco: Fabio Vieira #HSVFCH

Ihr habt wieder gewählt – und dieses Mal gibt es den Im Fokus-Beitrag in einem etwas anderen Format. Auch wenn es knapp war, hat sich letztlich der Fabio-Vieira-Watch durchgesetzt, und den bekommt ihr natürlich auch. Ich habe länger überlegt, welches Format sich dafür am besten eignet, und mich schließlich für einen kleinen Fließtext entschieden, in dem ich seinen gesamten Auftritt über knapp 80 Minuten gegen Heidenheim beleuchte. Leider habe ich es aus Zeitgründen nicht mehr geschafft, einzelne Screenshots einzubauen.

Da wir von Rautenball bisher keinen eigenen Artikel über unsere neue Nummer 20 veröffentlicht haben, erlaube ich mir, das Ganze auch als kleinen Scoutingbericht zu präsentieren – allerdings mit dem klaren Hinweis, dass es sich um eine Momentaufnahme aus 79 Minuten handelt.

Spiel mit Ball

Im eigenen Ballbesitzspiel agierte Fabio Vieira in seinem Heimdebüt neben Nicolai Remberg in einer zentralen Rolle. Häufig fand er sich in der linken oder rechten Halbspur innerhalb eines 3-2-Aufbaus wieder, suchte jedoch auch öfter höhere Zonen. Dadurch waren Remberg und Vieira meist leicht diagonal versetzt zueinander positioniert.

Ohne Ball am Fuß fällt Vieira sofort durch seine proaktive Kommunikation auf. Mit seiner ganzen Körpersprache ist er ständig am Gestikulieren und Dirigieren, insbesondere gegenüber der ersten Aufbaulinie. Ebenso markant ist sein Scanningverhalten: Sobald er nicht direkt in Ballnähe eingebunden ist, überprüft er regelmäßig seinen Rücken. Seine offene Körperhaltung im Zentrum erleichtert dies zusätzlich. Meist positioniert er sich so, dass er mit dem Rücken zum Tor dennoch Anschluss in den Halbraum hat. Wird er in solchen Situationen angespielt, zeigt sich seine gute Vorbereitung: Vieira verfügt über ein starkes Situationsbewusstsein sowie eine saubere Technik, auch unter gegnerischem Druck. Sein präziser erster Kontakt hilft ihm, sich schnell zu befreien und direkt Anschlussaktionen einzuleiten. Auffällig ist zudem, dass er sich in vielen Szenen eher rasch vom Ball trennt, anstatt ihn lange zu halten. Er ist kein Spieler, der im geordneten Ballbesitz durch Dribblings Linien aufbrechen will.

Im Passspiel zeigen sich bei Vieira in der Zentrale vor allem zwei Muster. Erstens sucht er unter Druck häufig die horizontale Entlastung und vermeidet dabei riskante Zuspiele durch die Linien. Das belegt auch seine Statistik vom vergangenen Samstag: Er leistete sich im gesamten Spiel lediglich einen einzigen Fehlpass. Zweitens wird er ohne Druck in seinem Spiel etwas vertikaler, jedoch ohne es zu erzwingen. Bietet sich eine Möglichkeit, den Gegner mit einem vertikalen Pass zu überspielen, nutzt er diese. Beispielhaft dafür ist die Szene vor dem 2:0: Vieira hätte den Ball am liebsten direkt auf den lauernden Philippe durchgesteckt, doch da der Passweg zugestellt war, entschied er sich für die Variante über Gocholeishvili – der Angriff führte schließlich zum Tor.

Seitenwechsel und Pässe beherrscht Vieira mit beiden Füßen. Auffällig ist zudem seine enge Ballführung, die er dank seines günstigen Körperschwerpunkts nur schwer vom Gegner trennen lässt. Technisch wirkt er wie der beste Fußballer, den man beim HSV seit langer Zeit gesehen hat.

Im zentralen Mittelfeld ist Vieira jedoch kein klassischer Dauermotor, der permanent durch Freilaufbewegungen auffällt und sich tief in den Spielaufbau einbindet. Unterstützt er in einzelnen Situationen, dann überzeugt er mit cleverem Freilaufverhalten und löst sich konsequent aus gegnerischen Deckungsschatten. Dennoch ist er nicht der Typ Mittelfeldspieler, der von Seitenlinie zu Seitenlinie pendelt und dauerhaft in der Tiefe aushilft.

Im letzten Drittel – insbesondere bei Flanken – fällt er nicht dadurch auf, dass er aggressiv in die Box startet. Befindet er sich im Strafraum, dann meist in Höhe des Elfmeterpunkts. Häufiger positioniert er sich etwas außerhalb, um auf den zweiten Ball zu lauern und dadurch in Abschlussposition zu kommen. Die Qualität für gefährliche Distanzschüsse bringt er auf jeden Fall mit.

Die entscheidende Qualität Vieiras im Spiel vom letzten Samstag ist allerdings noch mal eine andere. Sie liegt in seinem Raumverständnis.

Heidenheim stand in dieser Szene mit beiden Innenverteidigern eng am Hamburger Sturmduo Königsdörffer–Philippe, während Dorsch Vieira in Manndeckung nahm. Dadurch öffnete sich in der Heidenheimer Kette ein großer Raum, den Vieira sofort erkannte und mit seinem starken Antritt dynamisch attackierte. Zwar bringt er nicht den konstanten Tiefgang wie andere Rothosen mit, doch in solchen Momenten, in denen er durch seine Explosivität Gefahr erzeugt, ist er enorm wertvoll. Am Ende spielt Vuskovic den Chipball, Vieira holt eher glücklich den Freistoß heraus – der schließlich zum 1:0 führt. Eine ähnliche Ausgangslage war auch beim 2:0 zu beobachten.

Beim zweiten Treffer verschlief Heidenheim die schnelle Spielfortführung. Vieira scannte in die Tiefe und suchte Rayan Philippe, doch Heidenheim formierte schnell ein Abwehrdreieck, sodass der Passweg nur mit großem Risiko zu bespielen gewesen wäre. Stattdessen brach Vieira ab, verlagerte auf Gocholeishvili und erkannte sofort den freien Rücken von Mainka als potenzielle Gefahrenzone. Wieder war sein Antritt entscheidend: Ohne großen Gegnerdruck bereitete er schließlich das 2:0 vor.

Auch in offensiven Umschaltmomenten zeigt sich ein ähnliches Muster. Wie bereits beschrieben, kommt Vieira vor allem über seine ersten fünf bis zehn Meter. Ist er ballnah eingebunden, versucht er, sich vertikal-dynamisch nach vorne einzuschalten, ohne dabei jedoch große Endgeschwindigkeiten im Dribbling zu erreichen. Ist er nicht direkt beteiligt, bietet er sich eher als Option für eine Verlagerung oder zum Herausnehmen des Tempos an.

Spiel gegen den Ball

Gegen den Ball war Vieira in rund 90 % der Spielzeit der zentrale Part im 5-4-1-Block. Der HSV agierte dabei mit den beiden zentralen Mittelfeldspielern eher raum- als mannorientiert. Schnell fällt auch hier auf: Vieira ist defensiv – vor allem mit der Kette hinter sich – sehr kommunikativ.

Eine Schwäche in dieser Rolle liegt im weiträumigen Verteidigen. Zwar scannt er häufig seinen Rücken, besonders wenn er dort Gegenspieler wahrnimmt, doch gelingt es ihm nur selten, Passspuren effektiv zu schließen. Dadurch ist er stark auf ein sauberes Vorwärtsverteidigen seiner Hinterleute angewiesen. Sein generelles Defensivverhalten ist weniger aggressiv als vielmehr abwartend und verhindernd – situativ sogar zögerlich. Das zeigt sich insbesondere, wenn ein Gegenspieler in seiner Nähe überspielt wird und eine direkte, aggressive Anschlussaktion möglich wäre. In solchen Szenen entscheidet sich Vieira meist für die konservative Variante: er stellt zu, anstatt aktiv auf den Ballgewinn zu gehen.

Gerät er doch einmal in einen Defensivzweikampf, nutzt er seinen Körperbau klug. Er arbeitet viel mit gezielten Fußaktionen, ohne übermäßig körperlich in den Zweikampf zu gehen. So gelangen ihm in der ersten Halbzeit zwei vielversprechende Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte.

Wird Vieira jedoch überspielt, findet er defensiv kaum noch zurück ins Geschehen. Sein Tracking und die Umschaltbewegung nach hinten wirken oft schleppend und wenig intensiv.

Wo geht es hin für Vieira und den HSV?

Für Fabio Vieira zeichnen sich aktuell zwei realistische Optionen beim HSV ab: entweder die Rolle als „falscher“ Flügelspieler oder ein erneutes Einsetzen auf der zentralen Mittelfeldposition, wie gegen Heidenheim.

Am sinnvollsten erscheint seine Positionierung im Grundschema auf dem rechten Flügel – allerdings ohne ihn permanent an der Außenlinie zu binden. Vielmehr würde der Rechtsverteidiger die Breite halten, während Vieira ins Zentrum einrücken könnte. Seine Qualitäten kommen klar im letzten Drittel am besten zur Geltung, wie er gegen Heidenheim eindrucksvoll unter Beweis stellte. Gegenargumente gibt es jedoch: allen voran seine fehlende Boxpräsenz im Flankenspiel des HSV.

Auch gegen den Ball könnte eine rechte Position im 5-4-1-Mittelfeldblock mehr Stabilität bringen. Gleichzeitig bleibt seine fehlende Weiträumigkeit ein potenzielles Problem – insbesondere gegen ballstarke Gegner mit hoher Qualität.

In welchem Mittelfeldverbund Vieira letztlich am stärksten aufblühen wird, lässt sich derzeit schwer prognostizieren. Vielleicht liefert bereits das Auswärtsspiel am Sonntag in Berlin erste Antworten.

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