Bestandsaufnahme: Bundesliga

14 Spiele, 15 Punkte und (nur?) noch 4 Punkte Abstand auf einen direkten Abstiegsplatz. Zumindest bis zum Jahreswechsel hat der HSV das Minimalziel Platz 16 sicher, trotzdem herrscht rund um den Verein eine notorische Nervosität und latente Unzufriedenheit. Wieso das so ist, was besser werden muss und was man am Spiel der Hamburger zurecht spannend finden kann: hier ein paar Gedanken zur aktuellen Situation.

Tabellensituation

Der aktuelle Tabellenplatz 14 sieht auf den ersten Blick nicht ganz so komfortabel aus. Nur 4 Punkte Abstand auf Relegations- und Abstiegsplatz, insgesamt nur noch ein Platz Puffer, der einem von den unangenehmen Zusatzspielen im Mai fernhält. Schaut man sich die letzten 5 Bundesliga-Jahre an, sieht die aktuelle HSV-Saison allerdings ganz in Ordnung aus.

PlatzierungVereinSaisonPunkteTordifferenz
1.Werder Bremen2022/202321-1 (24:25)
2.VfL Bochum2021/202219-7 (15:22)
3.1. FC Köln2025/202616-1 (22:23)
4.HSV2025/202615-9 (15:24)
5.Heidenheim2023/202414-9 (21:30)
6.St. Pauli2024/202511-8 (11:19)
7.Schalke 042022/20239-17 (13:30)
8.SV Darmstadt 982023/20249-20 (17:37)
9.Holstein Kiel2024/20255-23 (14:37)
10.Greuter Fürth2021/20221-34 (12:46)

In den letzten 5 Bundesliga-Saisons holte der jeweilige Tabellen-15. durchschnittlich 33,4 Punkte. Momentan befindet sich der HSV auf die gesamte Saison gerechnet on pace für 36,4 Punkte. Im Vergleich zu den letzten Jahren steht der HSV als Aufsteiger solide da, auch wenn der Vergleich zu finanzschwächeren Vereinen sicherlich nicht 1:1 machbar ist darf man trotzdem festhalten, dass man nach 7 Jahren 2. Liga eine Mannschaft aufs Feld schickt, die im bisherigen Saisonverlauf immer wieder ihre Konkurrenzfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Man kann zumindest attestieren, dass der HSV im Moment keine Überflieger-Saison als Aufsteiger spielt, zumindest aber eine, die es zum aktuellen Zeitpunkt realistisch erscheinen lässt, dass man die Klasse halten kann und das trotz so manchem Fragezeichen, die wir uns jetzt angucken.

Offensive mit Ladehemmung

Das offensichtlichste Problem zuerst: Die Stürmer schießen zu wenige Tore. 7 Tore von 4 verschiedenen Spielern und Robert Glatzel und Yussuf Poulsen brauchten für ihr jeweiliges Tor sogar nur 116 bzw. 202 Einsatzminuten in der Bundesliga. Die vermehrten Rufe nach einem „klassischen Mittelstürmer“ sind auf den ersten Blick also durchaus berechtigt. Die erfahrenen Mittelstürmer, die ihre Stärke vor allem in und direkt um der Box herum haben, liefern bei entsprechender Unterstützung eben auch mit Toren als Gegenwert. Nach meinem Eindruck war es allerdings auch nie die festgelegte Idee Merlin Polzins mit 2 beweglichen Mittelstürmern und ohne großen Zielspieler aufzulaufen. Eher machten Verletzungen oder Anpassungszeit an Bundesliga-Verhältnisse eine Anpassung der eigenen Spielidee nötig.

Die ursprüngliche Idee war es, mit einem großen Zielspieler (Poulsen) und einem beweglichen 2. Stürmer (Königsdörffer / Philippe) als inversen rechten Halbspurstürmer die letzte Linie des Gegners zu bespielen. Ein großer Zielspieler, der Bälle halten und/oder auf seinen in die Tiefe startenden Teamkollegen verlängern kann. Die Unkenrufe wie „Polzin brauchte X Monate, um zu verstehen, dass Glatzel sein bester Stürmer ist“ erscheinen nach jenem Premierentor diese Saison als befriedigend, allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass die Hauptidee nie darin bestand, Königsdörffer und Philippe gleichzeitig aufs Feld zu schicken, da diese Kombination zwar interessante Ballbesitz-Dynamiken erzeugen kann, die Verpflichtung Poulsens aber schon als größtes Zeichen dagegen spricht.

Der nicht zustande gekommene Wechsel Königsdörffers erscheint in der Retrospektive für Verein und Spieler als Lose-Lose-Situation. Der Verein erhielt keine Ablöse für seinen im kommenden Sommer ablösefreien Stürmer. Königsdörffer wirkt seit Saisonbeginn gehemmt, scheint sich die fehlenden Torbeteiligungen von Woche zu Woche mehr zu Herzen zu nehmen und zunehmend zu verkrampfen.

An Königsdörffers Shot Map gut zu erkennen ist seine Ungefährlichkeit im 5-Meter-Raum des Gegners, also dem Raum, der als Mittelstürmer der Klischee-Raum für Abstauber und „Instinkttore“ ist. Insgesamt nur 4 Abschlüsse in 14 Spielen dort, wo man auf den Querpass des Mitspielers und die einfachen Tore hofft.

Königsdörffer zugutehalten kann man definitiv, dass er in viele Abschlussaktionen kommt. Als Indikator für diese Qualität ist lustigerweise die häufig sehr negative Fan-Reaktion auf Königsdörffers Leistung zu nehmen. Dort wird sich nicht darüber aufgeregt, dass er 90 Minuten nicht zu sehen gewesen sei, sondern dass er zu viele Ballaktionen mit zu niedriger Qualität gehabt hätte. Sein Gefühl für die richtigen Räume, für den richtigen Zeitpunkt des Zusammenspiels mit seinen Teamkollegen ist für mich weiterhin ein Pluspunkt in seinem Spiel und ein Punkt, den wir bei Rautenball in der Vergangenheit ja auch versucht haben positiv hervorzuheben.

Abstraktion ist dann aber nötig, da beides wahr sein kann: Anerkennen, dass Königsdörffer durchaus positiven Einfluss auf das Offensivspiel des HSV haben kann und zugeben, dass sein Abschluss in dieser Saison leider weit entfernt von bundesligatauglich ist. Platz 11 ligaweit in expected goals (bringt sich regelmäßig in Abschlusssituationen) und eine conversion rate von 3,33 %, ein Tor aus 30 Schüssen. Natürlich kann damit niemand beim HSV zufrieden sein. Der Spieler nicht, der Trainer nicht und die Fans natürlich erst recht nicht.

Bei Rayan Philippe sieht es statistisch besser aus, seine theoretischen Zahlen gleichen sich dem tatsächlichen Wert deutlich mehr an als bei seinem Sturmkollegen Königsdörffer. Mit Philippes Skillset eignet er sich aber nochmal deutlich besser als 2. Stürmer, vor allem sein Tempo ist eine Waffe, die ihm durch eine statische eher „wandernde“ Mittelstürmer-Rolle nicht genommen werden darf.

Durch die nur schwierige Planbarkeit der Einsatzzeiten von Poulsen und Glatzel wird es die Prio Nr. 1 sein müssen für einen klaren Qualitätsanstieg auf der Mittelstürmer-Position zu sorgen oder zumindest für einen Transfer, der das Profil des Zielspielers konstant für die Rückrunde ausfüllen kann. Mit der bisherigen Besetzung ist aus verschiedenen Gründen leider nicht verlässlich zu planen, umso erfreulicher, dass man trotzdem tabellarisch bisher solide mithalten konnte.

Fehlende Kadertiefe im letzten Drittel

0 Vorlagen. Das ist die bisher magere Ausbeute für Jean-Luc Dompé in der laufenden Bundesliga-Saison. Ein Blick auf das Spiel des HSV und die Saisonstatistiken zeichnen allerdings ein komplett anderes Bild, ein deutlich einflussreicheres Bild. Mit 3,32 expected assists liegt der Franzose im Liga-Vergleich auf Platz 5, die nächsten Hamburger liegen auf Rang 44 (Fabio Vieira, 2,04) und 46 (Miro Muheim, 2,02). Allein an den nächsten Platzierungen kann man ein gewisses Kreativitäts-Vakuum im Offensivspiel des HSV abseits des dribbbelstarken Dompés erkennen.

Selbstverständlich sind Vieira und Muheim auch integrale Bestandteile des Hamburger Offensivspiels, allerdings ist der Qualitätsverlust bei einem Ausfall Dompés für den HSV aktuell nur sehr schwierig zu kompensieren. Mit seinem Dribbling und seinem Flankenvolumen ist Dompé der unangefochtene Zielspieler im letzten Drittel, die mangelhafte Chancenverwertung ließ seine Offensivleistung noch nicht in erfasste Scorer umwandeln.

Vor allem das Ungleichgewicht im Vergleich zur rechten Außenbahn ist frappierend, wenn es nach meiner Ansicht das Spiel aber nicht unbedingt ausrechenbarer macht. Dompé wird häufig genug von seinen Mitspielern gefunden, dessen Dribbling wird auch von Bundesliga-Verteidigern nur selten erfolgreich verteidigt. Der grundsätzliche Ansatz mit Dompé als Hauptfokus ist durchaus logisch, seine Qualität so häufig wie möglich einsetzen zu wollen.

Schwierig wird es bei Ausfällen Dompés (auch wenn es gegen den VfB Stuttgart gut gelang) oder ganz allgemein, wenn man sich unabhängig vom Franzosen einen Spieler wünscht, der Offensiv-Aktionen selbst kreieren kann. Mit Rayan Philippe, Giorgi Gocholeishvili, Bakery Jatta, Fabio Baldé oder auch William Mikelbrencis hat man auf der rechten Halbspur oder Außenbahn vornehmlich Spieler, die von ihren Mitspielern eingesetzt werden müssen. Sie kreieren Offensiv-Aktionen mit ihrem hohen Tempo, schnellen Richtungswechseln oder guten athletischen Attributen. Keiner von ihnen ist regelmäßig in der Lage 1vs1-Situationen für sich zu entscheiden, was das Spiel des HSV in die Situation bringt auf dem linken Flügel 2 dribbelstärkere Spieler (Dompé/Røssing-Lelesiit) und auf dem rechten Flügel eher geradlinige Schienen-Läufer zu haben. Exakt das entspricht auch der Profil-Beschreibung beider Positionen, kann aber eben im Spiel des HSV dazu führen, dass man auf der rechten Seite zu statisch wird, sobald dort kein Platz für Umschaltsituationen entsteht.

Neben einem Mittelstürmer könnte der HSV dadurch vielleicht nochmal ins Überlegen kommen, ob es Sinn ergibt

a) die Herangehensweise des klaren rechten Schienenspielers als Offensivspieler aufzuheben

b) einen Offensivallrounder mit Stärken im Kreieren von eigenen Chancen zu verpflichten (Leihe/fester Transfer eines Talents)

um die offensive Durchschlagskraft abseits des linken Flügels zu erhöhen. Natürlich sind auch da finanziell für einen Aufsteiger irgendwann Grenzen gesetzt.

Ballbesitzmechanismen

Überladungen einzelner Räume

Was hat sich der HSV im eigenen Spiel überlegt, um den Fokus auf den linken Flügel nicht zu groß werden zu lassen? Eine häufige Überladung der eigenen rechten Angriffsseite, um dort aus der Überzahlsituation Durchbrüche in die Tiefe zu erspielen oder sich ins Zentrum zu lösen und auf Dompé zu verlagern, der ins 1vs1 gehen kann.

Ganz extrem beispielsweise an der Pass Map aus dem Liga-Spiel gegen den FC Augsburg zu erkennen:

Rechter Innenverteidiger, rechter Außenverteidiger, zweiter Stürmer, ein zentraler Mittelfeldspieler. Sie alle überladen die rechte Seite des Spielfeldes und formen nicht selten eine Raute für möglichst kleine Abstände in den Kombinationen. Bekommt man die Zuordnungen des Gegners gesprengt bietet das in der Theorie dann eben Räume, um entweder Spieler in der Tiefe zu finden oder auf die andere Seite zu verlagern.

Positionelle Freiheiten

Im Spiel des HSV hat sich über die 14 Ligaspiele doch ein wenig was getan. In der Sommervorbereitung testete man die Hybrid-Rolle des zentralen Innenverteidigers, der sich im Ballbesitz eine Reihe höher positionierte. Dann zog man den Innenverteidiger zurück, ließ Nicolai Remberg sehr tief fallen, der sich teilweise in der Innenverteidigung positionierte. Inzwischen baut man viel mit 2 Innenverteidigern auf, während Nicolas Capaldo (vorher Daniel Elfadli) viel auf der Suche nach freien Räumen ist. Dies ist ein beherrschendes Element im Spiel des HSV, immer auf der Suche nach Überzahlsituationen und zu attackierenden Räumen zu sein.

Im Spiel gegen die TSG Hoffenheim war es immer wieder Capaldo, der mit seiner Positionierung im zentralen Mittelfeld und dynamischen Läufen in die Tiefe für Zuordnungsprobleme bei den Sinsheimern sorgen konnte.

Bei der mannorientierten Verteidigung der TSG stellte sich nun die Frage wie hier übernommen werden kann. Luka Vuskovic erhielt nach einem Spiel über Meffert den Ball und hatte durch das freilaufen Capaldos einen größeren Raum vor sich, zudem zog Capaldo

a) mit seiner zentralen Positionierung

b) mit seinem anschließendem Vertikallauf

die Außenbahn zu Gocholeishvili frei. Die Hoffenheimer mussten nun schauen, wie sie sowohl die Außenbahn als auch den Tiefenlauf Capaldos verteidigen wollten. Rückt der tiefstehende Linksverteidiger hoch auf Gocholeishvili macht er den Raum für den Tiefenlauf Capaldos auf, bleibt er tief kann Gocholeishvili den Ball relativ unbedrängt weiter verarbeiten.

Und auch in einer weiteren Szene der Anfangsphase gab es dieses Bild. Capaldo, der sich nicht in der ersten Aufbaulinie, sondern zentral nach vorne versetzt befand, zog mit seiner Positionierung Bazoumana Touré von der Außenbahn ins Zentrum, womit wieder die Möglichkeit für den HSV bestand den Weg auf die Außen zu suchen. Beim anschließenden langen Ball zog Capaldo seinen Sprint bis in die letzte Linie durch, auch dies als Verdeutlichung der Freiheit im Spiel mit dem Ball.

Vor einiger Zeit hatte ich die Idee hinter dem Konzept von „Anchors & Floaters“ vorgestellt, die heruntergebrochen erstmal nur besagt, dass es Spieler innerhalb einer Formation gibt, die dafür zuständig sind, das Grundgerüst der Formation zu halten (Anchors) und es gibt Spieler, die sich freier auf dem Spielfeld bewegen dürfen, um gegnerische Mannorientierungen zu sprengen und Überzahlsituationen zu kreieren (Floaters).

Mehr Informationen dazu in dem eingebetteten Tweet, als Grundinformation reicht erstmal: Der HSV probiert häufig mit einem seiner Innenverteidiger (Elfadli/Capaldo) gegnerangepasst Zuordnungen zu knacken und Dynamik herzustellen. Zudem waren es häufig die zentralen Spieler, die untereinander in den Räumen rotierten, sodass es bei Sambi Lokonga beispielsweise sehr schwierig zuzuordnen war ob er in alten Positionsmustern nun 6, 8 oder 10 spielen würde. Einfach gesagt: Er spielt im Zentrum.

Statistiken von Albert Sambi Lokonga aus dem Nordderby vom 13. Spieltag – Ballberührungen auf dem gesamten Spielfeld

Diagonalität

Ein selten aber auch immer wieder genutztes Stilmittel ist das der Diagonalität im Spiel des HSV. Was hat es damit auf sich? Die Autoren von spielverlagerung.de fassen es wie folgt zusammen:

On a fundamental level, diagonality aims to connect two aspects: The (assumed) progression of a vertical pass and the (assumed) safety of a horizontal pass. Why did we add the word “assumed” in brackets? First of all, a horizontal pass can sometimes either prepare or directly progress more than a vertical pass. A vertical pass on the wing wins less amount of spaces than a horizontal pass from the wing to the center does. Secondly, while most teams do try to get “behind the ball” defensively, so a horizontal pass might be safer usually, it still has the risk of being intercepted or being a passing trigger. Also, because of the horizontal connection of two players, carrying the additional risk of receiver and passer to be exposed, whereas the vertical pass has the advantage of the team losing the ball usually being able to defend forwards in the transition.

https://spielverlagerung.com/2025/06/12/tactical-theory-diagonality/

Also: sicherer als ein vertikaler Pass, mehr Tiefgang als ein horizontaler. Der HSV spielt diesen Ball häufig von der Außenbahn ins Zentrum vor die letzte gegnerische Defensiv-Kette.

Daran anschließend die Idee, dass mehrere Spieler auf einer diagonalen Linie versetzt zueinander positioniert werden, um mehrere Ebenen im Zuspiel zu haben und schnelle Ablagen und Kombinationen zu ermöglichen.

Diese Diagonalität wird vom HSV noch zu häufig zu unsauber ausgespielt, meist sind die Abstände im Zuspiel zu hoch und die Reaktionszeit für den Verteidiger lang genug, um auf den Pass reagieren zu können. Trotzdem ist es ein interessanter Gedanke das eigene Spiel „von außen nach innen“ zu denken, um in der Offensive den Ball zentral und nicht nur isoliert auf außen zu erhalten.

Mentale Belastung der Defensive

Der HSV besitzt also durchaus spannende Ideen im eigenen Ballbesitz, um den Gegner vor Herausforderungen zu stellen. Problem hierbei: Entscheidungsfindung der Spieler ist häufig nicht schnell genug oder fehlerhaft, die Ausführung der Aktionen ist qualitativ nicht gut genug. Sprich: Auf Bundesliga-Niveau muss die Qualität der einzelnen Aktionen erhöht werden.

Durch diese Fehlerquote und die häufig fehlende Sicherheit in der Ballzirkulation in der gegnerischen Hälfte ist der HSV in vielen Spielen dazu gezwungen viel zu verteidigen. Dies hat nicht nur den Nachteil nicht selbstständig kreieren zu können, sondern kann, wie bei der Auswärtsniederlage gegen die TSG Hoffenheim, durchaus auch dazu führen, dass die eigenen Spieler mental nicht mehr so auf der Höhe sind wie sie es in manch anderen Partien noch zu Saisonbeginn waren. Ein Abfall an Konzentration und Gedankenschnelligkeit ist durchaus zu bemerken.

In der National Football League in den USA, der Profi-Liga des American Footballs, gibt es den häufigen Kommentar während des Spiels, dass die Defense einer Mannschaft, umso länger sie auf dem Spielfeld sein muss, desto müder wird sie im Laufe des gegnerischen Drives. Andersherum hat die eigene Defense umso mehr Zeit zu regenerieren, weil die Offense ihr auf dem Spielfeld Zeit verschafft zu verschnaufen.

Dieses Phänomen ist eben auch beim HSV zu beobachten bzw. nicht zu beobachten: Durch fehlende Beruhigung und ständige Belagerung durch den Gegner steht die HSV-Abwehr unter Dauerdruck. Vielleicht nicht unter wirklichem Druck, dass der Gegner permanent am Strafraum anklopft und man nur noch damit beschäftigt ist die Bälle verzweifelt rauszuschlagen aber unter dem Druck, dass du als Verteidiger im tiefen Verteidigen konstant am scannen bist.

Wo sind deine Mitspieler, wie groß sind die Abstände, wo ist dein direkter Gegner, wie hoch steht die eigene Abwehrlinie? Das sind alles kognitive Prozesse, die, wenn sie über weite Strecken des Spiels ablaufen, dazu führen können, dass ein Spieler mehr Fehler macht, als wenn man durch eigene ruhige Phasen auch in die „kognitive Entlastung“ kommt.

Dem HSV fehlen für diese Entlastung meines Erachtens 2 Dinge:

  1. Spieler, die in der Lage sind über längere Strecken hoch anzulaufen
  2. mehr Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte

Da die Bedingungen für Punkt 1 leichter „nachzuverpflichten“ sind sollte dies auch etwas sein was für das Wintertransferfenster bedacht werden sollte. Schafft man es, mehr Phasen im eigenen Spiel gegen den Ball zu haben, in denen man nicht in den Low Block fallen muss, dann wird man auch weniger individuelle Fehler in der letzten Abwehrkette erwarten können.

Momentan besteht beim hohen Anlaufen noch zu sehr die Gefahr des „in die Leere laufens“ und einer hochstehenden letzten Kette, die dann kalt erwischt wird.

Positiv lässt einen dabei das verteidigen im tiefen Block stimmen. Diese Art zu verteidigen beherrscht der HSV inzwischen sehr gut, auch wenn der Eindruck aus dem Hoffenheim-Spiel ein anderer gewesen sein mag. Nur selten wird der HSV vom Gegner strukturell überrumpelt, häufig sind es eben individuelle Aussetzer durch die sehr hohe Anzahl an Verteidigungsaktionen. Dass bei den Spielern dann einzelne Aktionen daneben gehen ist allein aufgrund von Wahrscheinlichkeiten abzusehen.

Kriegt der HSV eine funktionierende Defensiv-Strategie außerhalb des Low Blocks auf den Rasen würde das das Defensivspiel in der letzten Kette entlasten und hätte zudem den Nebeneffekt mit höheren Ballgewinnen auch mehr Gefahr für die eigene Offensive erzeugen zu können.

Fazit

Was bleibt also: Eine Mannschaft, die tabellarisch als Aufsteiger trotz Auf und Ab im Soll ist. Deren Offensive im Abschluss qualitativ unterperformt und das Problem hat, das nicht immer die Profile auf dem Platz sind, die man sich ursprünglich idealtypisch vorgestellt hatte. Die Defensive ist gut aufgestellt aber könnte Gefahr laufen bei anhaltendem Druck zu individuellen Fehlern zu neigen.

Das Spiel mit Ball ist flexibel aufgebaut, hat hier und da das Problem der übermäßigen Abhängigkeit von einzelnen Spielern. Im Winter könnte man dies anpassen und so für positive Effekte für das Spiel mit und gegen den Ball sorgen.

Insgesamt wird man auch bei einer Niederlage gegen Eintracht Frankfurt beim HSV nicht in panischen Aktionismus geraten, trotzdem hat man auch jetzt schon vor dem letzten Spiel in 2025 ein paar Punkte, die umgesetzt und verbessert werden sollten, damit der knappe Vorsprung und der momentan noch theoretisch errechnete Punkteschnitt am Ende auch in Wirklichkeit für den Klassenerhalt reichen.

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