
Trainer: Alexander Blessin
Spielweise: Flügelüberladungen & Tiefenläufe
Stärken: Defensiv kompakt & Zweikämpfe
Player to watch: Fujita
Schlüsselduell: Doppel-6 vs. Vieira
xG Top-3: Lage (3,0) – Hountondji (2,0) – Sinani (1,8)
xA Top-3: Fujita (2,5) – Sinani (2,4) – Lage (1,1)
Fehlende Spieler: Metcalfe, Nemeth, Hountondji
Bilanz gegen HSV: 19 Siege – 12 Remis – 37 Niederlagen

Statistisches Profil

Spiel gegen den Ball
Ob man den Fußball zuerst mit oder gegen den Ball denkt, ist wohl hauptsächlich eine Frage der persönlichen Präferenzen. Die einen fangen mit dem Ballbesitz an und bestimmen danach, wie die Ordnung und Prinzipien gegen den Ball am besten aussehen sollten. Die anderen glauben, dass das Spiel gegen den Ball erst bestimmt, was eine Mannschaft mit dem Ball überhaupt machen kann. Letzteres muss auch beim FC St. Pauli hervorgehoben werden, weil sie ihren Fokus grundsätzlich zuerst darauf setzen defensiv möglichst stabil zu stehen. Und so schaffen sie es auch die ligaweit drittwenigsten box entries und die viertwenigsten Schüsse zuzulassen. Nur Bayern und Dortmund sind hierbei nochmal besser. Das scheint aber auch notwendig zu sein, denn die durchschnittliche Qualität der Chancen die aus dem Spiel heraus zugelassen werden, ist bei keiner Mannschaft in der Bundesliga höher (0,13 npxG).

Aber was bedeutet es für St. Pauli defensiv möglichst stabil zu stehen? Die Grundvoraussetzung ist dass das Zentrum konstant geschlossen bleiben soll. Gewährleistet wird das zunächst durch eine kompakte 5-2-3-Struktur. Tendenziell springen die Halbverteidiger darin auf die gegnerischen 10er. Die 6er orientiere sich zunächst räumlich und springen situativ auf den gegnerischen 6er wenn er angespielt wird. In der Regel ist das Sands und Fujita hält dann seine Position oder kippt teilweise sogar etwas ab, um die Doppel-6 im Zentrum zu erhalten. Mit dieser Grundidee das Zentrum dicht zu machen, wird der Gegner schnell ins U-förmige Ballrotieren gezwungen und muss versuchen möglichst entlang der Außenbahnen den Durchbruch zu finden. Geschieht das mit zu wenig Präzision und Geschwindigkeit, verschieben die Kiezkicker schnell auf die ballnahe Seite. So wird es auch dort schnell recht eng und sie können im kleineren Raum Druck machen. Das ist bestimmt auch einer der Gründe für ihre durchaus guten Zweikampfwerte. Besonders Fujita sticht hier immer wieder heraus als jemand der es gut versteht Druck auf den ballführenden Spieler zu machen, ihm die Passoptionen zu blockieren und im besten Fall den Ball abzunehmen. Gegen den Ball orientiert er sich hier überwiegend nach rechts, wobei er mit dem Ball so variabel in seiner Positionierung ist, dass er situativ alle drei Positionen in der ersten Defensivreihe einnehmen kann. Soviel zur These, dass das Spiel gegen den Ball die Möglichkeiten mit ihm bestimmen. Gegenteiliges stimmt natürlich auch.

Es ist also festzuhalten, dass St. Pauli kompakt stehen will und gut in ihre Zweikämpfe kommt. Ins Angriffspressing durchgeschoben wird dabei eigentlich nur in zwei Szenarien: Beim Torabstoß oder wenn der Gegner zu statisch agiert und sich in eine Sequenz von Rückpässen bringt, auf die St. Pauli mit sukzessivem Rausschieben reagiert. Können sie dem Gegner dabei einfache Verlagerungsoptionen nehmen, schieben sie entlang der ballnahen Außenbahn auch gerne weit nach vorne. Sie wollen es also grundsätzlich nicht auf 1-gegen-1 Duelle über den ganzen Platz ankommen lassen, sondern kleinere Gruppen von Spielern in situativer Unterzahl isolieren; z.B. die drei Spieler in der ersten Defensivreihe und Sands dahinter gegen Außen- und Innenverteidiger sowie den ballnahen 6er. Dann bleibt oft nur noch der lange Ball, der flache Pass entlang der Außenbahn oder risikoreich in den Druck spielen. Es ist also zu vermeiden sich isolieren zu lassen. Vielmehr sollten immer wiederkehrende Verschiebungsdynamiken in St. Paulis Defensivspiel für sich genutzt werden. Dabei sind besonders die Halbverteidiger und 6er zu erwähnen.

Wie schon erwähnt springen die Halbverteidiger normalerweise auf die gegnerischen 10er. Das ist grundsätzlich nichts Besonderes, bietet aber Möglichkeiten den Raum in der Abwehrkette zu öffnen und Entscheidungen zu erzwingen. Was den Raum angeht, sollte hervorgehoben werden, dass die Halbverteidiger durchaus gewillt sind ihrem Gegenspieler im Abkippen sehr weit zu folgen. Das heißt es gibt hier die Option das Springen ballnah zu provozieren und den Raum von einem Dritten in die Tiefe zu belaufen. Besonders über St. Paulis rechte Seite sollte das eine Option sein, wo Dźwigała recht aggressiv agieren und in seinen Entscheidungen sowohl überhastet als auch unentschlossen sein kann. Aus der HSV-Perspektive wäre aber auch St. Paulis linke Seite eine Option sein, weil Vieira seinen Gegenspieler hier sicherlich gut aus der Abwehrkette ziehen kann.

Außerdem können Probleme in der Zuordnung des Außen- und Halbverteidigers zum gegnerischen 10er und Flügel provoziert werden. Auffällig ist hier, dass St. Paulis 5er-Kette kompakt stehen will und somit ballfern auch etwas Raum zur Außenlinie lässt, wo der Gegner dann einen Spieler frei stehen hat. Wenn nun mit ausreichend Klarheit und Geschwindigkeit der Ball auf die Seite verlagert wird und der 10er abkippt, ist der St. Paulis Außenverteidiger meistens der am besten positionierte um zu springen. Damit muss die verbleibende 4er-Kette rüberschieben und der gegnerische Flügelspieler hat zunächst einen räumlichen aber auch einen zeitlichen Vorteil. Es kristallisiert sich heraus, dass Dompé in diesem Spiel etwas Spaß haben könnte. Zu erwähnen ist aber auch, dass das Verschieben der Abwehrkette größere Abstände zwischen den Spielern verursacht die somit Tiefe im Zentrum anbieten könnte.

Eine weitere Verschiebungsdynamik die der HSV für sich ausnutzen könnte, ist das Springen von Sands auf den angespielten 6er. Hier könnte man Viera in der Doppel-6 zum Beispiel als Dritten mit offenem linken Fuß ins Zentrum anspielen, damit er direkt die Möglichkeit hat diagonal in den Zwischenlinienraum vor der Abwehrkette zu passen. Die erste Abwehrreihe verhält sich aber auch meistens sehr abwartend und ist eher darauf bedacht kompakt zu stehen als früh rauszuschieben. Das bedeutet, man muss sich trauen Spieler in dem 2-3-Block vor der 5er-Kette anzuspielen, um diesen in Bewegung zu bringen. Dafür benötigt es Klarheit und vor allem Dynamik. Remberg könnte dabei auch immer wieder aus dem Block rauskippen, um mit dem Spiel vor sich zu agieren und eher mit Dynamik in den Raum zu gehen oder zumindest Sands aus dem Block zu ziehen.

Spiel mit dem Ball
Im Übergang zu St. Paulis Spiel mit dem Ball fällt nun aber tatsächlich schnell auf, das vieles durch die defensive Ausrichtung bestimmt wird. Der einfachste Hinweis hierfür sind die aufgestellten Spieler: 5 Verteidiger, 3 Mittelfeldspieler und nur 2 Offensivspieler. Manch ein HSV-Fan würde beim eigenen Verein von Angsthasenfußball sprechen. Und anders als noch in der Hinrunde, ließ Blessin zuletzt sogar ohne den verletzten Hountondji und mit nur Lage und Kaars oder Jones spielen. Denn Sinani wird nach einer Verletzung wohl höchstens im Kader stehen und hat seit Mitte der Hinrunde keinen Stammplatz mehr. Seine Rolle als falsche 9 wurde abgeschafft und mit dem zweikampfstarken und ballsicheren 8er Fujita ersetzt. Seine Aufgabe mit dem Ball ist dabei aber ähnlich, weil er auch immer wieder aus der vordersten Reihe ballnah ins Mittelfeld abkippt. Damit ist häufig eigentlich auch gleich klar wo der Ball wahrscheinlich hin soll; auf die Seite des Japaners. Meistens ist das die linke Seite, aber gegen den HSV ist natürlich auch die rechte Seite gut vorstellbar. Fehlender Druck in der ersten Reihe und Anfälligkeit in der Tiefe sind hier sicherlich zwei Themen die ausgenutzt werden könnten.

Die grundsätzliche Spielidee von St. Pauli lässt sich am besten als kontrolliert direkt verstehen. Man will flach aufbauen, ohne dabei ein besonderes Risiko einzugehen. Normalerweise geschieht das im 3-2 während die zwei Offensivspieler und die Außenverteidiger hoch stehen. Fujita agiert zwischen dem Mittelfeld und dem Angriff mit viel Freiraum. Beim Torabstoß geht der rechte Halbverteidiger eine Reihe nach vorne, weil der Torwart sich zwischen den anderen beiden Innenverteidigern positioniert, die dann sehr breit stehen. In dieser Statik stehen sie dann immer mit ziemlich großen Abständen zwischen den eigenen Spielern. Damit gibt es eigentlich immer 1-2 Spieler die etwas mehr Platz haben. Häufig ist es zum einen der rechte (höhenversetzte) Halbverteidiger und der linke Außenverteidiger der situativ aus der vordersten Reihe abkippt. Ein langer Ball zu ihnen um ihn anschließend vor die Abwehrkette klatschen zu lassen, sind hier ein Mittel um zunächst sicher Raum zu überbrücken. Lange Bälle in die linke Halbspur kommen auch häufiger vor, wobei St. Pauli hier keine wirklichen Stärken in der Luft aufzuweisen hat und somit eher auf zweite Bälle gehen muss. Letztlich dient beides als Mittel etwas mehr Raum zu überbrücken und dann aus der Staffelung mit großen Abständen auf einer Seite enger zusammenzukommen.
Denn St. Pauli verfolgt mit dem Ball sehr einfache strukturelle Prinzipien. Zunächst geht es im Aufbau darum eine Seite stark zu überladen. Häufig wird dabei ein Diamant gebildet mit den zwei ballnahen Innenverteidigern einem 6er und Fujita an der Spitze. Alternativ gibt es auch die Möglichkeit, dass die Schiene tiefer kommt, um damit den gegnerischen Außenverteidiger höher zu binden und Raum dahinter zu öffnen. Dann kann sich der Diamand auch ohne den zentralen Innenverteidiger bilden. Im Passspiel suchen sie immer wieder recht schnell linienbrechende Lösungen. Fujita ist hierbei oft die erste Anspielstation. Entweder wird er beim Abkippen aus der Innenverteidigung verfolgt und öffnet so Raum in die Tiefe oder er hat selbst den Raum um aufzudrehen. Ist letzteres nicht möglich lässt er den Ball gerne zu einem der zwei tiefer positionierten Spieler klatschen. Allerdings ist Fujita durchaus gewillt sich aus dem Druck im Rücken durch den gegnerischen Halbverteidiger zu befreien. Egal ob er aufdrehen kann oder klatschen lässt die Idee in der Folgeaktion ist es normalerweise die zwei Offensivspieler Kaars und Lange in die Tiefe zu schicken. Häufig wird das auch gewährleistet in dem sie ebenfalls in die vertikale Wechselbewegung gehen und damit zusätzlich Bewegung und Unordnung in die gegnerische Abwehrkette bringen. Ein Problem ist dabei allerdings immer wieder das der übrigbleibende Stürmer schnell in Unterzahl gerät und damit nicht an den Ball kommt.

Unser HSV
Der HSV dürfte gegen St. Paulis zentrumsorientierte und verschiebestarke 5-2-3-Struktur vor allem auf Kontrolle, Dynamik zwischen den Linien und saubere Anschlussaktionen setzen. Sollte Sambi Lokoga wieder fit sein, dürfte er im Normalfall auch wieder in der Startelf stehen. Damit würde Vieira in der Grundformation wieder die offensive Halbraumposition einnehmen. Trotzdem kann er von dort natürlich in tiefere Räume abkippen und wahrscheinlich ist es sogar ratsam. Zum einen könnte das zu Zuordnungsproblemen bei St. Pauli führen. Zum Beispiel das Springen des Halbverteidigers würde durch dynamisches Abkippen Vieiras provoziert werden. Zum anderen könnte man mit Vieira und Sambi Lokonga zwei technisch starke Mittelfeldspieler zwischen den ersten 2 Abwehrketten von St. Pauli positionieren, um genau in diesen kompakten Bereich Bewegung zu bringen. Remberg würde dann wohl tiefer kippen, was wieder dynamische Vorstöße von Capaldo ermöglicht. Auf der rechten Schiene wäre Gocholeishvili die logischere Wahl als Jatta, da St. Pauli den Gegner bewusst in enge Zonen lenkt und dort isolieren will – hier sind Kombinationsstärke und Pressingresistenz wichtiger als reine Tiefenläufe. Auf der linken Innenverteidigerposition gibt es ein offenes Duell. Torunarigha hat zuletzt gut gespielt und er spielt eher mal einen linienbrechenden Pass als Elfadli, der in seinem Passspiel sehr konservativ ist. Allerdings steht St. Pauli räumlich immer wieder so kompakt, dass Pässe in statische Situationen eher weniger erfolgversprechend sind. Elfadli könnte hier mit seinen dynamischen Läufen ins Mittelfeld unterstützt durch Abkippbewegungen aus dem Rücken von St. Paulis ersten zwei Abwehrreihen, Raum für sich entdecken oder zumindest Übergabeentscheidungen erzwingen.

