Wie der HSV einer Top 3 Mannschaft der Welt einen Punkt abknöpfen konnte #HSVFCB Analyse

Es hätte wohl kaum ein besseres Spiel geben können um mich hier zurückzumelden. Für den HSV ist dieses Spiel mehr als nur eine Punkteteilung. Es ist ein klarer Punktgewinn. Ein Gefühl, was zuletzt dann doch etwas verloren gegangen ist, da man in den Wochen nach dem Werder-Sieg eher das Gefühl hatte, dass man zu wenig aus den Spielen mitgenommen hätte.

Umso wichtiger ist wohl dieses 2:2 gegen eine der besten Mannschaften der Welt. Ein Ergebnis, was wohl keiner dem HSV zugetraut hat, nachdem die Bayern in der Vorwoche schon Punkte gegen ein Team aus dem unteren Tabellendrittel gelassen haben. Das Chaos, welches neben dem Platz beim HSV aktuell stattfindet, ist hier sicher auch alles andere als hilfreich. Es war dann für viele Fans oder Neutrale nur eine Frage der Höhe am Samstagabend.

Es gibt aber natürlich auch die andere Seite der Krawatte. Nämlich, die dass die Bayern eine Woche zuvor Punkte gelassen haben. Wieso sollte dies also nicht noch einmal passieren? Aber was muss passieren, dass man diese Mannschaft in einen Punktverlust zwingt? Oder genauer ausgedrückt: Was muss passieren, was man selber beeinflussen kann, dass man etwas mitnehmen kann, ohne sich dabei 90 Minuten lang in einem Low-Block durchzumogeln?

Um es stark vereinfacht auszudrücken: Mit dem Ball muss man über Bayerns Mannorientierungen in Aktionen kommen. Gegen den Ball wird es da schon etwas komplizierter. Man kriegt vielleicht Teile der Bayern-Offensive weggematchplanned, aber sicher nicht alle wenn deine Gegner Diaz, Olise, Karl und Musiala heißen könnten.

„Die Bayern mit auf die Reise nehmen“

Das waren die Worte von Co-Trainer Favé über den Matchplan gegen die Bayern. So berichtete es zumindest Merlin Polzin bei Sky nach dem Spiel. Nach den gespielten 90 Minuten weiß man nun doch ordentlich etwas mit dem Satz anzufangen. Es war für jeden Feldspieler eine Reise kreuz und quer über den Rasen, aber mit einer klaren Idee.

Wohl auch wegen der Idee mit Ball entschied sich das Trainerteam des HSV für Elfadli und gegen Torunarigha auf der linken Innenverteidigerposition, da dieser nachweislich etwas mehr Dynamik am Ball mit ins Spiel der Hamburger bringt. Aber nur Profile auf dem Feld gewinnen dir noch keine Punkte, vor allem nicht gegen den großen FC Bayern, es brauchte noch die „Reise“. Eine Reise, die in meinen Augen aus effektiv 3 Teilen bestand.

Teil 1: Das Plus 1 im Mann gegen Mann verteidigen der Bayern

Auch im Samstagabend-Topspiel fand man den FC Bayern wieder in einer mannorientierten 1-gegen-1 Verteidigung über die gesamte Länge des Feldes wieder. Jedoch ging es für die Bayern am Samstag auch gegen etwas, was sie nicht jede Woche zu Gesicht bekommen. Sie spielten gegen einen Gegner, welcher die ersten Balstaffetten flach vor dem eigenen 16 Meter Raum ausspielte. Dies war möglich, weil der HSV ein „Profil“ auf dem Feld hat, was in der Bundesliga nicht unbedingt Gang und Gebe ist. Sie haben einen Torwart, der Fußball spielen kann.

Und so schaffte es der HSV sicher immer wieder zu befreien und den freien Mann im Aufbau zu finden. Selbst bei Durchschieben mit guten Anlaufwinkeln der Bayern, schaffte es der HSV über kleinere Umwege den freien Mann im eigenen Aufbaudrittel zu finden. Auch deswegen schaffte es der HSV die Zuordnungen der Bayern tief in ihrer Hälfte situativ etwas verschwimmen zu lassen. Aber zu den Rotationen später noch mehr.

Teil 2: Rotationen, Rotationen, Rotationen

Dass der HSV über ein fluides Positionsspiel verfügt, ist für viele sicherlich keine Überraschung. Das Prinzip von „Anchor“ und „Floater“ wird im Positionsspiel des HSV gelebt. Dieses Mal nur noch in extremer. Ankerspieler gab es am Samstagabend eigentlich nur in Person von Luka Vuskovic und noch Bakery Jatta. Für alle anderen 8 Feldspieler gab es viel Freiheiten in vertikaler und diagonaler Form. Der HSV lebte dies in Form von permanenten Gegenbewegungen in den ersten Aufbaulinien und Tiefenläufen aus einer großen Anzahl von Zonen.

Ein paar Beispiele:

Auf der rechten Seite startete Capaldo mit Gegenspieler Kane aus der ersten Aufbaulinie in die Tiefe hinein. Durch die freiziehenden Läufe von Königsdörffer in letzter Linie, zwang er Harry Kane weite Wege zu gehen. Zwar wurde er noch vom Sky-Team gelobt, dass er am eigenen Strafraum auftaucht, dies hatte aber nur damit zu tun, dass Capaldo ihn erst in solche Zonen gezwungen hat. Guter Nebeneffekt: Kane ist bei Ballgewinn Bayern somit auch nicht unmittelbar in den gefährlichen Zonen um seinen Stempel auf das Bayern Spiel aufdrücken zu können.

Auf der linken Seite sah man immer wieder Wechselbewegungen mit Muheim, Elfadli und Sambi Lokonga, Mikelbrencis pinnte teils in letzter Linie und setzte aus der Position für diagonale Läufe an um Exitbälle von Heuer Fernandes zu belaufen. Vieira und Elfadli pendelten immer wieder in ihrer Höhe und Königsdörffer tat sein Bestes daran entweder Kim oder Upamecano aus dem Zentrum herauszuziehen und Räume für seine Mitspieler aufzumachen.

Diese Variabilität zeigte sich dann auch in der Statik des Hamburger Ballbesitzspiels. So zeigten sich mit Mikelbrencis, Capaldo und Jatta 3 aus der Fünferkette in Bayerns letzter Linie. Je nach Seite des Ballbesitzes, attackierten die ballfernen Schienen den Raum hinter der Kette für einen möglichen Ball hinter diese. Der HSV versuchte aus vielen Lagen Tiefe in ihr Spiel zu bekommen…

Teil 3: Raum, Timing und Matchups

und die beiden Bayern-Defensivblöcke damit auch außeinanderzuziehen. Das ist der dritte wichtige Schritt im HSV-Offensivspiel. Das Timing für die langen Bälle, in die richtigen Räume gegen die am wenigsten geeigneten Gegenspieler. Durch die hohe Positionierung der letzten Linie (meist Mittellinie) und dem Aufbau um den eigenen Strafraum herum, entstand zwischen den Bayernblöcken ein rechter Raum, den der HSV immer wieder suchte. Schaffte man es nun durch die Rotationen Karl gegen Sambi in den Aufbau zu stellen und durch Abkippbewegungen einen der kopfballstarken Innenverteidiger aus der letzten Linie herauszuziehen, so ergaben sich für den HSV plötzlich Chancen.

Genau dies passierte nämlich nach ungefähr 25 Minuten. Sambi konnte tief auf der linken Seite receiven und war somit Karl gegenüber gestellt. Nach einem Ball zu Heuer Fernandes wechselt er mit Muheim die Position und zieht somit Olise aus dem Raum hinaus, den dann Lokonga beläuft. Zentral schafft es Vieira Kim etwas aus der letzten Linie zu locken. Heuer Fernandes spielt dann einen langen Ball auf Lokonga, der sofort auf Capaldo verlängern kann, der relativ frei das Zuspiel bekommt, weil Gnabry in letzter Linie mehr mit dem hohen Ball beschäftigt ist.

Vor dem Elfmeter sieht es ähnlich aus. Gnabry und Kane wechseln nach Vorschieben Gnabrys die Zuordnung, was dazu führt, dass Capaldo plötzlich im Rücken von Kane einen großen Raum vorfindet. Sambi Lokonga bespielt diesen und der HSV ist sofort in der Dynamik, was am Ende mit einem Elfmeter belohnt wird.

Wurde es für den HSV gefährlich, so konnte man immer wieder die gleichen Muster vor einem Angriff sehen.

1.) Die Bayern die durch die Unterzahl nie in ihr Pressing gekommen sind.

2.) Rotationen, die die Bayern vor Probleme gestellt haben. Vor allem auf einer Matchup-Basis.

3.) Das richtige mannschaftstaktische Timing für Raum und Aktion.

Der HSV hat sich auch durch diesen Mut ihr 2:2 mehr als verdient und es zeigt umso mehr auf, welche Entwicklung Mannschaft und Trainerteam seit der Saison durchlaufen sind.

Gute Grundstruktur mit leichten Anpassungen

Dass die Defensive nicht das Problem ist, sollte uns ja bewusst sein. Nach Gegentoren Top-6 Defensive der Liga, zuhause sogar Top 3. Aber so ähnlich sah es auch in Leipzig aus, bis dann die Bayern in Halbzeit 2 den Turbo zündeten. Wie also den Einfluss von den Bayern-Spielern stoppen, die nur durch individuelle Klasse das ganze Spiel im Sekundentakt in eine andere Richtung kippen lassen können? Die Antwort lag in einem im Doppeln von Michael Olise.

Der HSV passte sein in der Grundstruktur hierfür leicht an. Auf der linken Seite agierte Muheim in diesem 5-4-1 weitaus tiefer als sein gegenüber Königsdörffer auf der rechten Seite. Vieira blieb zentral und orientierte sich viel an Kimmich und zog es teilweise auf die linke Abwehrseite. Im Idealfall hatte der HSV die gezeichnete Ausgangsposition. Mikelbrencis in oldschool Manndeckung auf Olise, was teils soweit ging, dass der junge Franzose seinen Landsmann so auf den Füßen stand, dass er sämtliche Kettenanbindung und Raumverteidigung komplett vernachlässigte. Das Wort ist impliziert wohl etwas negatives, ist aber ganz und gar nicht so gemeint. Der HSV zog es wohl vor lieber mit Stanisic am Ball und Raum vor ihn zu verteidigen, als in irgendeiner Form Olise mit mehr Aktionsradius als unbedingt nötig.

Mit dem rüberziehenden Vieira oder vorverteidigenden Remberg, konnte nun Muheim bei Pass auf Olise auch auf den Franzosen herausschießen. Der HSV spielte in vielen Szenen auf ihrer linken Seite in Überzahl. Das Springen der Halbverteidiger erledigte den letzten Teil der Aufgabe die linke Seite der Bayern so gut wie es ging in Schach zu halten. Durchbrüche der Bayern gab es dann, wenn Olise doch gegen Mikelbrencis ins 1-gegen-1 vor sich kam. Mit zusätzlichem Raum in der Tiefe des Feldes.

Das Defensivüberladen bedeutete aber auch, dass die Bayern auf ihrer linken Seite in Gleichzahl spielen konnten. Genau das passierte beim zwischenzeitlichen Ausgleich zum 1:1.

Die Bayern lösen zentral auf und verlagern ihr Spiel zunächst in ihren linken Halbraum. Dies zwingt Capaldo aus der Kette zu springen. Der HSV ist in diesen Szenen nicht immer sauber genug, sodass sich für die Bayern Passspuren in die Tiefe ergeben. In diesem konkreten Beispiel schließt Jatta das Abwehrdreieck nicht konsequent und kommt somit nicht mehr in die Aktion.

Szenen, wie diese, mit einem 1-gegen-1 aus Gnabry und Jatta haben die Bayern häufiger. Die Bayern schaffen es aber selten zwingend in diesen Aktionen zu werden. Der Wechsel zu Diaz ist für Kompany dann folgerichtig.

Mit zunehmenden Krämpfen wird für viele dann auch klar, dass es die letzten Minuten nur darum geht gewisse Druckphasen der Bayern zu überleben. Der HSV meistert es aber mit Bravour. Aus dem Spiel heraus haben die Bayern nach ihrem Führungstreffer keinen (!!!) Abschluss mehr in der Box. Wirklich gefährlich wird es nur nach Standards, wo die Bayern wohl gezielt auf DHFs Schwäche in der Raumverteidigung zielen.

Der HSV hat sich diesen Punkt mehr als verdient. Und man schaffte dies über eine leidenschaftliche und fast aufopfernde Leistung und einem mutigen Plan, welcher am Ende des Tages voll aufging. Dieses Spiel kann und sollte viel Selbstvertrauen in den Köpfen der Hamburger freisetzen, man wird es brauchen bei den nächsten Spielen gegen direkte Konkurrenten. Auch hier wird es wieder auf den Plan, die Umsetzung und auch die nötige Leidenschaft ankommen. Wenn diese wieder stimmen sollten, werden wir in Heidenheim oder in Mainz den ersten Auswärtsdreier feiern können, da bin ich mir sicher.

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