Spieltagsvorschau: 22. Spieltag gegen den 1. FC Union Berlin

Trainer: Steffen Baumgart

Spielweise: Direkt, Umschaltfokus und Standardlastig

Stärken: Zweite Bälle, Physis, Kompaktheit

Player to watch: Querfeld

Schlüsselduell: Khedira vs. Vieira

xG Top-3: Ilic (6,5) – Doekhi (2,9) – Burke (2,9)

xA Top-3: Trimmel (3,7) – Köhn (2,1) – Haberer (2,0)

Fehlende Spieler: Leite, Rothe, Juranović, Skov, ggf. Burke

Bilanz gegen HSV: 1 Siege – 2 Remis – 0 Niederlagen

Statistisches Profil

Spiel gegen den Ball

Laut Opta hat Union Berlin diese Saison den im Schnitt fünfthöchsten PPDA-Wert der Bundesliga. Damit stehen sie sicherlich nicht für permanentes Angriffspressing und lassen sich stattdessen doch gerne für längere Phasen tiefer fallen. Das tun sie über die Saison gesehen aus einer immer wieder sehr konstanten Struktur. Ob sie nun mit drei Offensivspielern und zwei Mittelfeldspielern auflaufen oder mit nur zwei Offensivspielern und einem zusätzlichen Mittelfeldspieler, die Grundstruktur gegen den Ball ist eigentlich immer ein 5–3–2. Darin bewegt sich der rechte Mittelfeld- oder Offensivspieler aber immer wieder flexibel zwischen der ersten und zweiten Defensivreihe. Die Orientierung ist hier tendenziell am gegnerischen Außenverteidiger, wodurch es auch immer wieder dazu kommen kann, dass er eine eher breite Position einnimmt und damit den Halbraum auf der Seite auf geht und dynamisch bespielt werden kann. Zum Beispiel könnte Otele aus einer zunächst breiten Position diagonal in den Raum abkippen.

Ähnliches zu beobachten ist in Unions Angriffspressing, das hauptsächlich bei tiefen Frei- oder Torabstößen stattfindet. Auch hierbei würde Muheim vom rechten Offensiv- bzw. Mittelfeldspieler belaufen werden. Strukturell geschieht das aus einem 5–2–3 mit höhenversetzten Sechsern. Überspielen lässt sich das besonders im Spielen-und-Gehen mit Elfadli, der dann auf der Seite dynamisch mit Ball in den Raum laufen könnte.

Anders sieht es auf der linken Seite aus, wo meistens Kemlein eine zentralere Rolle einnimmt und recht konstant in tieferer Position verteidigt, während der Gegner im Aufbau hauptsächlich vom linken Offensivspieler gestört wird. Gegen diese Struktur sollte beim HSV Omari immer wieder der freie Mann im Aufbau sein. Besonders wenn vom HSV wie so häufig zunächst von links begonnen wird, ist bei Union auffällig, dass sie zunächst nur auf der ballnahen Seite hoch ins Angriffspressing gehen. Omari hätte also den gesamten rechten Korridor vor sich frei. Und auch wenn man höher gestaffelt die linke Seite überlädt, würde sich Omari eigentlich immer mit viel Raum und Zeit auf ballferner Seite auffinden. Durch einigermaßen schnelle Seitenwechsel, sollte es hier für den HSV möglich sein, Warmed in Situationen zu bekommen wo er nicht nur viel Raum allein überbrücken, sondern im besten Fall auch den diagonalen Pass ins Zentrum spielen kann. Durch den Ausfall von Sambi Lokonga könnte eine interessante Variante sein, dass Capaldo seine Position übernimmt, aber mit einer Rolle, die mit Ball seinen Aufgaben aus der Dreierkette ähnelt. So könnte er aus dem Mittelfeld die mittlerweile bekannten Laufwege in die Tiefe anbieten, um damit je nach Ausgangsposition entweder seinen Gegenspieler im Mittelfeld oder in der Abwehrkette mitzunehmen bzw. zu pinnen. Das würde dann den diagonalen Passweg für Omari öffnen, wo Vieira gefunden werden kann, um den Ball mit seinem linken Fuß nach vorne orientiert anzunehmen und somit direkt mehrere Optionen in die Tiefe zu haben. Eine Möglichkeit könnte hierbei sogar sein, dass er Capaldo in seinem Halbraumlauf direkt anspielt, damit er auf Königsdörffer oder Otele ballfern vorlegen kann. Eine Alternative dazu wäre es, dass Vieira seinen Körper in der Ballannahme nach links öffnet, um Otele zwischen Außen- und Halbverteidiger in die Tiefe zu schicken. Von hier könnte Otele dann entweder selbst zum Abschluss kommen oder wieder ins Zentrum auf Königsdörffer vorlegen. Dazu nur so viel, um ein paar Angriffssequenzen auch mal bis zum Abschluss durchdacht zu haben. Aber natürlich entscheiden letztlich die Spieler beider Mannschaften in den dynamischen Situationen über die Lösungen im letzten Drittel.

Schafft der HSV es über solche Mittel Vieira zentral regelmäßig mit offenem Körper anzuspielen, sollte es jedoch möglich sein sich gute Chancen gegen Union zu erspielen. Durch die Verletzung von Sambi Lokonga wird Vieira aber wohl auch wieder mehr Verantwortung in tieferen Positionen übernehmen müssen. Das mag situativ ein Verlust in Zone 14 und den Halbräumen sein, aber genau diese lassen sich dann theoretisch auch wieder dynamisch bespielen. Das liegt auch daran, dass Khedira solche Abkippbewegungen teilweise mitgeht und sein Rücken frei wird.

Spiel mit dem Ball

Es wird keinen aufmerksamen Fußballfan überraschen, dass Union Berlin nur sehr wenig Interesse an Ballbesitz hat. Mit einem durchschnittlichen Ballbesitzanteil von weniger als 40% gibt es keine Mannschaft in Europas Top-5-Ligen mit einem niedrigeren Wert. Ein geordneter Spielaufbau ist somit auch eher gar nicht vorhanden. Dennoch gibt es strukturelle Eigenschaften und spielerprofilbedingte Dynamiken die hervorzuheben sind.

Unabhängig von der personellen Besetzung gilt: Nach Ballgewinnen oder sogar schon aus der ersten Linie heraus wird der lange Ball gesucht. Grundsätzlich agiert Union meist aus einem 3–4–3, wobei die beiden Sechser oft höhenversetzt sind, womit das ganze einer Raute ähnelt. Khedira nimmt dabei in der Regel die höhere Rolle ein und positioniert sich bewusst um zweite Bälle zu gewinnen. Sein Wert liegt weniger im Spielaufbau als vielmehr im sofortigen Zugriff nach langen Bällen und abgewehrten Flanken. Die vorderste Reihe positioniert sich dabei relativ eng und auch die Schienenspieler bleiben zunächst in begrenzter Breite. Ziel ist horizontale Nähe rund um den ersten Kontakt beizubehalten, um Luft- und Bodenduelle zu erzwingen und zweite Bälle zu gewinnen. Union fühlt sich am wohlsten, wenn der Ball nicht zirkuliert, sondern umkämpft ist.

In der Offensive entstehen asymmetrische Muster, die stark durch die Profile auf den Schienen und in der vordersten Linie geprägt sind. Auf der linken Seite interpretiert Köhn die Schienenposition deutlich offensiver als sein Pendant rechts. Er wird regelmäßig ins 1-gegen-1 gebracht, um außen durchzubrechen und anschließend flach in die Box zu spielen. Auf der rechten Seite spielen Trimmel oder Jungspund Haberer hingegen immer wieder linear in die Tiefe, was besonders mit Burke auf der rechten Offensivposition zu beobachten ist. Alternativ flanken sie auch häufiger aus tieferer Position und bringen den Ball dabei auf die ballferne Seite in den Strafraum, wo Ansah und der besagte Köhn in die Box einbrechen. Und natürlich sind nach den Flanken auch Ablagen und zweite Bälle immer wieder ein Ansatz um zum Abschluss zu kommen.

Ein zentrales Fragezeichen bleibt die Besetzung der drei Offensivpositionen, da Baumgart hier regelmäßig rotiert. In der Hinrunde gegen den HSV starteten Ansah, Ilic und Burke, zuletzt stand jedoch häufig Woo-yeong von Beginn an auf dem Platz. Zudem hat sich Burke vor dem letzten Ligaspiel im Training verletzt und könnte auch gegen den HSV ausfallen. Sollte Woo-yeong die rechte offensive Position übernehmen, würde das Union-Spiel auf der linken Seite des HSV weniger linear und technisch sauberer werden. Anders als Burke, findet Woo-yeong auch häufiger Lösungen diagonal vor die Abwehrkette zu spielen, besonders wenn er den Ball in den Raum tragen kann.

Ansonsten ist auffällig, dass ein relativ großer Anteil von Unions Torchancen aus Standardsituationen entsteht, inklusive Einwürfe die sogar vergleichsweise häufig direkt in den Strafraum geworfen werden. Ein wichtiger Faktor bei Standards ist auch Innenverteidiger Querfeld, der in der Luft recht stark ist und damit auch schnell zum Vorlagengeber werden kann.

Unser HSV

Was die Aufstellung des  HSV angeht, gibt es grundsätzlich wenig Anlass für Veränderungen. Jatta scheint aktuell gesetzt zu sein, was in diesem Spiel auch durchaus Sinn ergibt. Die sehr offensive Schiene Köhn kann man so besser tief pinnen und somit seine potentielle Gefahr in der Spielhälfte des HSV eindämmen. Bei einem sicheren Einsatz von Burke wäre Torunarigha im Tausch für Elfadli eine Überlegung wert gewesen, um die Absicherung in Muheims Rücken zu gewährleisten, aber da Burke wohl zumindest nicht von Beginn dabei sein wird, ist Elfadli die passendere Wahl, besonders im eigenen Ballbesitz. Die zentrale Frage wird für alle sein, wie Sambi Lokonga ersetzt wird und manche werden sich Sorgen machen, dass eine Doppel-6 bestehend aus Remberg und Capaldo zu zerstörerisch ist. Dabei müssen jedoch ein paar Themen bedacht werden. Erstens, ist anders als in den ersten Hinrunden Spielen nun Vieira im Kader und wird in einem Spiel ohne Sambi Lokonga sicherlich noch etwas mehr tief kommen als er es ohnehin schon tut. Zweitens, hat sich zumindest gegen Heidenheim die Statik des HSV mit Neuzugang Otele etwas verändert: eine Mischung aus Doppelspitze die sich viel im Zentrum aufgehalten haben und situativ die linke Seite überladen. Sieht das gegen Union Berlin wieder ähnlich aus, ist es unwahrscheinlich das ein weiterer Stürmer aufgestellt wird. Drittens, gibt es durchaus auch spielerische Argumente Capaldos Laufwege aus dem Mittelfeld statt aus der Dreierkette auf das Feld zu bringen. Und zu guter Letzt, darf nicht vergessen werden, dass Union besonders in Umschaltsituationen und Duellen um den Ball ihre offensiven Möglichkeiten bekommt, wobei Capaldo ebenso seinen Wert hätte. Sicherlich werden auch andere Alternativen in Erwägung gezogen, wie Muheim ins Mittelfeld zu stellen, aber das würde bedeuten entweder Omari oder Capaldo müssten für Mikelbrencis aus der Startelf genommen werden.

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Benedikt
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