Spieltagsvorschau: 24. Spieltag gegen RB Leipzig

Trainer: Ole Werner

Spielweise: flügelfokussierte Vertikalität, Mittelfeldpressing

Stärken: 1-gegen-1, Tiefenläufe, Gegenbewegungen im Zentrum

Player to watch: Diomande

Schlüsselduell: Baumgartner vs. Capaldo

xG Top-3: Baumgartner (9,7) – Rômulo (8,1) – Diomande (4,6)

xA Top-3: Raum (8,5) – Diomande (5,6) – Nusa (4,2)

Fehlende Spieler: Gulácsi, Nedeljkovic, Ouédraogo, Sani

Bilanz gegen HSV: 5 Siege – 1 Remis – 1 Niederlagen

Vorweg müssen ein paar Personalthemen geklärt werden, die für etwas Unsicherheit in Leipzigs Aufstellung sorgen. Das erste Thema fängt in der Innenverteidigung an, wo Castello Lukeba mehrere Wochen nicht zur Verfügung stand. Nun ist er rechtzeitig zum Duell gegen den HSV aber wieder fit und stand auch schon zwei Mal in der Startelf. Damit dürfte sein vorübergehender Ersatz, Seiwald, seine Position im Mittelfeld wieder einnehmen, womit die Frage aufkommt, wer dafür vom Platz gehen muss. Gegen die Bayern war es die Winterneuverpflichtung, Gruda, womit in Person von Schlager ein weiterer Spieler ins Mittelfeld durfte der gegen den Ball etwas mehr Qualität hat. Eine Sicherheitslösung gegen die stärkste Fußballmannschaft Deutschlands ist wenig überraschend, aber in diese Kategorie gehört der HSV natürlich noch lange nicht. Somit ist eher damit zu rechnen, dass Schlager zunächst auf der Bank platznehmen wird und Gruda die rechte Halbraumrolle übernimmt. Zwar durfte der junge Offensivspieler gegen Dortmund zumindest nominell auch mal auf dem Flügel ran, aber zum einen sieht ihn Ole Werner normalerweise eher in einer zentraleren Rolle und zum anderen ist Leipzig eine der wenigen Bundesligamannschaften mit einem wirklich guten Aufgebot von qualitativ hochwertigen offensiven Flügelspielern. In den allermeisten Fällen werden diese Positionen von Nusa und Diomande eingenommen. Letzterer wurde zu Beginn der Saison meistens noch eingewechselt, aber so ziemlich direkt nach dem Hinrundenspiel gegen den HSV gehörte er zur wöchentlichen Startelf. Nun ist es normalerweise so dass Nusa links und Diomande rechts spielt, aber beide sind diesbezüglich recht flexibel, womit es wenig überraschen würde wenn sie im Spiel auch mal die Seiten wechseln.

Spiel mit dem Ball

Im Aufbau positioniert sich ihre Abwehrkette immer wieder sehr flach und bildet dabei ein 4–1. Das deutet grundsätzlich eigentlich immer auf einen Lockansatz hin. Durch die flache Positionierung der Außenverteidiger kann der Gegner nur dann Druck machen, wenn er gewillt ist zumindest in Ballnähe sehr weit nach vorne zu schieben. Tut er das, entstehen auf der letzten Linie 1-zu-1 Duelle, die besonders die offensiven Flügel der Leipziger gut für sich nutzen können. Und auch der lange Ball auf Rômulo ist sicherlich ein Mittel was gegen den HSV immer mal wieder genutzt werden wird. Hier ist die Rückkehr von Luka Vušković ein wichtiger Faktor, wobei auch er im Hinspiel immer mal wieder Probleme hatte in den Entscheidungen, ob und wann er mit seinem Gegenspieler springen soll. Verliert er dieses Duell oder Leipzig schafft es mit ihren höher positionierten Achtern den zweiten Ball zu gewinnen, wäre der Raum in Lukas Rücken schnell mal sehr weit offen. Da sowohl Nusa als auch Diomande immer bereit sind sofort in die Tiefe zu laufen, ist es durchaus wichtig auf den Halbverteidigerpositionen Spieler zu haben die die Tiefe verteidigen können.

Aber natürlich wird der Tabellenfünfte auch nicht ständig lang spielen. Vielmehr ist wahrscheinlich, dass sie das flache 4–1 dazu nutzen, um das Spiel immer wieder über die Außenverteidiger zu öffnen. Auf beiden Seiten spielen sie regelmäßig linear entlang der Außenlinie auf Diomande und Nusa, die dabei häufiger etwas tiefer kommen. In der Folgeaktion wird es dann unterschiedlich gelöst. Das Spielen-und-Gehen ist besonders für Baku ein Ansatz, der aber nicht unbedingt dazu führt, dass er im Lauf direkt wieder angespielt wird. Vielmehr zieht er dabei häufig einen Spieler mit sich und ermöglicht damit den Rückpass auf Orbán. Progression wird damit zwar nicht direkt erreicht, aber zumindest hat man durch den Lauf von Baku den ersten Druck aus dem Spiel genommen und kann nun etwas höher gestaffelt aufbauen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die offensiven Flügel den linearen Ball annehmen und dann entweder nach innen aufdrehen oder auf den ballnahen Achter klatschen lassen. In beiden Fällen wird in der Regel schnell eine direkte Option in die Tiefe gesucht. Auf der linken Seite ist noch anzumerken, dass Raum durchaus mal dazu neigen kann den Pass zu spät zu spielen, wenn er in den Druck genommen wird und dann auch nicht unbedingt individuelle Lösungen anbietet. So können hier Möglichkeiten entstehen den Ball im Angriffspressing zu gewinnen und so gefährlich zu werden oder zumindest den Rückpass zu provozieren. Leipzig ist dann zwar recht sicher darin den Ball flach über den Torwart und die Innenverteidiger auf die andere Seite zu zirkulieren, aber mit einem aufmerksamen und aktiven Pressingverhalten, ist es dennoch möglich hier Unsicherheiten zu bewirken.

Und potenzielle Ballverluste im Zentrum sind wohl auch ein wichtiger Grund für die Spieleröffnung über außen. Denn wenn man den Ball verliert, dann zumindest möglichst weit entfernt vom Tor. Somit ist es wenig überraschend, dass eigentlich nur Lukeba in der Spieleröffnung den Weg durch das Zentrum sucht. Und selbst er tut es für seine Möglichkeiten nur relativ selten. So richtig interessant wird diese Facette seines Spiels wohl erst, wenn Leipzig höher aufbauen kann. Dann ist seine Fähigkeit den Ball scharf in den Block zu spielen und einen Kollegen zwischen den gegnerischen Linien zu finden nicht zu unterschätzen. Deshalb ist es wichtig, dass sein direkter Gegenspieler eine gute Wahrnehmung für den eigenen Deckungsschatten hat, zumindest wenn er Druck auf ihn macht. Natürlich ist es auch möglich überwiegend im tieferen Block stehenzubleiben, was über Phasen des Spiels auch sicher so sein wird. Aber das birgt dennoch Risiken, die dann in den Entscheidungen der Abwehrketten entstehen können.

Gerade in der vordersten Reihe hat Leipzig dann aber jede Menge Qualität aufzuweisen. Während Gruda im Zwischenlinienraum individuelle Lösungen anbieten kann, ist über die Saison gesehen besonders das Zusammenspiel zwischen Baumgartner und Rômulo hervorzuheben. Ihre Gegenbewegungen zueinander sind immer wieder sehr gut aufeinander abgestimmt, wodurch gefährliche Durchbrüche schnell entstehen können. Dabei hat Baumgartner ein exzellentes Verständnis dafür den freien Raum vor der Abwehrkette so zu besetzten, dass sein Gegenspieler in die Entscheidung gezwungen wird, ob er nun frühzeitig aus der Kette schieben soll und wann er springen soll. Je nach dem wer hier beim HSV aufläuft, werden Capaldo oder Omari hier sicherlich herausgefordert werden. Ähnlich sieht es für Luka Vušković aus, für den es auch im tiefen Block darauf ankommen wird gute Entscheidungen gegen Rômulo zu treffen und ihn beim Abkippen nicht zu verlieren.

Auch nicht zu vernachlässigen ist Leipzigs Fähigkeit nach Verlagerungen auf die linke Seite, entweder über den ballfernen Achter oder direkt auf den Flügel, eine Überzahl auf der letzten Linie zu schaffen. Das kann sowohl dynamisch als auf statisch geschehen. Dynamisch verläuft es wenn Nusa (oder auch mal Diomande) den Außenverteidiger im 1–gegen–1 bindet und Raum sie im letzten Drittel hinterläuft, womit er schnell zum Vorlagengeber an der Grundlinie werden kann.

Stellt sich Raum schon in der tiefer gestaffelten Statik in die letzte Linie, entsteht die Überzahl auch, womit er wieder zum freien Mann wird, was nach der Verlagerung auf ihn dann aber eher dazu führt, dass er den offensiven Flügel in minimaler Breite von außen tief schicken kann. Auch so kann Leipzig gegen den HSV immer mal wieder hinter die Abwehrkette kommen und zugleich stellt es die Hamburger Abwehrkette vor die Entscheidung ob sie auf Raum durchschieben sollen.

Spiel gegen den Ball

Grob betrachtet verteidigt Leipzig viel aus einem 4–1–3–2–Mittelfeldpressing. Rômulo löst dabei normalerweise immer das Pressing aus und bleibt im tieferen Block auch eigentlich immer im Restangriff als direkte Anspieloption nach Ballgewinn, die den Ball gut fest macht und weiterleitet. In diesem strukturellen Ansatz ist zu erkennen, dass sie weniger daran interessiert sind den direkten Gegenspieler mannorientiert zu verfolgen und dafür eher kompakt verschieben und wenn notwendig übergeben wollen. Das hat zunächst zwei für den HSV relevante Konsequenzen.

Die erste ist, dass je nach Situation die Abstände entweder zu den Halb- oder Außenverteidigern recht groß sein können. Schiebt Leipzig zentral raus, könnte es also immer wieder dazu kommen, dass besonders Muheim und Capaldo zum freien Mann werden, weil die äußeren Spieler in der zweiten Abwehrreihe tiefer positioniert sind. Und wenn sie dann durch den Abstand mit einem zeitlichen Nachteil herausschieben, würde sich Seiwald gegen Königsdörffer und Vieira im 2–gegen–1 wiederfinden.

Bei der zweiten Konsequenz geht es um die HSV-Spieler mit flexiblen Positionen, die je nach dem um welchen Spieler es geht die Freiheit haben bewusst bestimmte Räume zu besetzten. Besonders wenn Spieler wie Elfadli oder Muheim von ihren nominellen Positionen auf der linken Seite horizontal das Mittelfeld durchqueren, fällt auf dass die Leipziger Spieler lieber ihre Positionen halten und dem HSV damit erlauben die Überzahlsituation zu erzeugen. Soweit man dieses Mittel nutzt, wird es spannend zu beobachten sein, wie es ausgespielt wird. Schafft man es hier durch die Überladung sich durch das Zentrum zu kombinieren, wäre auch Capaldos Vorderlauf wieder ein potentieller Ansatz mit dem man den Durchbruch schaffen könnte.

Ähnlich kann auch Heuer Fernandes wieder ein effektives Mittel in der Torwartkette sein, um mit einem der Innenverteidiger oder Muheim im Mittelfeld eine Überzahl zu schaffen. Das würde dann die Spieleröffnung auf Remberg ermöglichen, weil im Zentrum ein 2–gegen–1 entsteht. In der Folgeaktion ist es dann ggf. auch möglich Vieira in einer höheren Position zu finden oder Remberg kann diagonal auf den linken Flügel öffnen.

Gerade diese linke Seite könnte sich gegen Leipzig anbieten, um Orbán und Baku zunächst breit zu binden. Es fällt nämlich auf, dass die Abwehrkette dann nicht auf die ballnahe Seite durchschiebt und damit viel Raum zwischen den Innenverteidigern öffnet. Auch die zusätzliche Variabilität, die der HSV mit Otele gewonnen hat und die es ihm ermöglicht, immer wieder aus zentraleren Positionen die Tiefe anzugreifen, könnte hier zum Faktor werden.

Zuguterletzt ist anzumerken, dass Leipzig anfällig für Konter sein kann. Das ist besonders auf ihrer linken Seite zu beobachten, was auch damit zusammenhängt, dass Raum wie beschrieben immer mal wieder in die vorderste Linie geht. Dabei kann es schnell mal dazu kommen, dass in der Restverteidigung nur noch die zwei Innenverteidiger zu finden sind.

Unser HSV

Omari war gegen Mainz mit Ball mehrmals unsicher. Wobei man ihm zugute schreiben muss, dass diese Fehler ja auch entstehen weil er Dinge versucht. Und dass er nach der langen Verletzung vielleicht doch mal ein wenig mehr Zeit braucht sollte kaum überraschen und ist letztlich eher ein Argument dafür ihm möglichst schnell Spielzeit zu geben. Dennoch ist gerade im Duell mit Baumgartner vielleicht doch eher ein Spieler wie Capaldo gefragt, der seine Stärken im aggressiven Vorwärtsverteidigen hat. Natürlich muss dass in den Entscheidungen dann besser laufen als beim zweiten Gegentor gegen Leipzig in der Hinrunde, wo aber auch Vušković einen großen Anteil hatte.

Auf der linken Halbverteidigerposition gibt es sicher ein paar Argumente für Elfadli, der besonders in den horizontalen Bewegungen eine noch wesentlich flexiblere Rolle einnimmt als Torunarigha. Dennoch ist es nach der Leistung des letzteren im Spiel gegen Mainz schwer vorstellbar dass er aus der Startelf genommen wird. Zudem ist er zur Absicherung im Rücken von Muheim mit Diomande auf der Seite sicherlich auch kein schlechter Kandidat.

Ansonsten bleibt für das Spiel wohl nur das Fragezeichen der Stürmerposition. Soll wieder ein eher klassischer und großgebauter Neuner spielen, damit Königsdörffer noch besser im Zwischenlinienraum variabel agieren kann? Grundsätzlich muss man sagen: Dass das nicht schon früher regelmäßig umgesetzt wurde, liegt wohl hauptsächlich daran, dass besonders Poulsen aber auch Glatzel in der Hinrunde verletzungsbedingte Ausfälle hatten. Zudem wissen alle um die Notwendigkeit, dass der HSV gegen den Ball einigermaßen intensiv und intelligent agiert, was in der vordersten Reihe anfängt. Und dabei ist der Unterschied zwischen dem Wunschkandidaten Poulsen und Glatzel leider recht groß. Besonders Poulsens Qualitäten in der Wahrnehmung beim Verteidigen über seinen Deckungsschatten, sucht im HSV-Kader seines gleichen. Und mit Lukebas Qualitäten in der Spieleröffnung wäre es sicherlich nicht verkehrt ihn in der Startelf zu haben, wenn er dafür schon bereit ist. Bei Glatzel muss man sagen, er hat zuletzt zwar zwei Mal von Beginn gespielt, aber in beiden Fällen gegen Mannschaften die ihren eigenen Aufbau auch mal gerne mit langen Bällen ersetzten. Das heißt, wenn es bei Poulsen noch nicht für mehr als einen 30+ minütigen Einsatz reicht, dann wäre Downs der passendere Ersatzkandidat.

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Benedikt
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