Im Fußball ging es schon immer darum, die Schwächen seines Gegners zu erkennen und für sich zu nutzen. Zumeist ging es dabei um vor allem eine Frage: In welchen Räumen ist mein Gegner am verwundbarsten? Und zusätzlich: Welche Spieler sollte ich in diesen Räumen platzieren, beziehungsweise: Wie kommen meine Spieler in genau diese Räume?
Nun ist dies sehr vom Gegner her gedacht. Manche Trainer definieren Zielräume und lassen diese gegnerunabhängig attackieren. Manche Trainer definieren Prinzipien zum attackieren einzelner Zielräume, diese Räume passen sich allerdings den Schwächen des jeweiligen Gegners an, nur eben die eigene Art und Weise nicht.
Trainer und Mannschaften setzen (im Optimalfall) für sich klar fest, wie sie den Gegner bespielen wollen, der Gegner überlegt sich im Vorfeld eine eigene Idee und beide Mannschaften passen sich im Laufe der 90 Minuten mehrfach an neue Gegebenheiten an. So bekam man das Gefühl, dass der Fußball der letzten 10 aber ganz extrem der vergangenen 3-5 Jahre immer kleinteiliger wurde. Nicht umsonst ist wahrscheinlich das Hauptthema der Top5-Ligen eines, das eigentlich in der Historie des Fußballs eher als Randthema behandelt wurde: Standards. Der momentane Tabellenführer der englischen Premier League, FC Arsenal, legt großen Wert auf die eigene Gefahr nach Standards, auch in Deutschland hat man mit Borussia Dortmund eine Mannschaft, die dem ruhenden Ball eine besondere Bedeutung zuschreibt.
Verständlich, in einer Zeit, in der die landläufige Meinung herrscht, dass es durch
Faktor A: Analyse-Tools und -teams inzwischen bei jedem Verein der Normalfall
+
Faktor B: Bessere Vorbereitung auf jeweilige Spielweise des Gegners
zu einem Zustand im europäischen Fußball gekommen ist, in der defensivorientierte Mannschaften ihr eigenes Pressing- und Deckungsverhalten so weit entwickelt haben, dass es für ballbesitzorientierte Teams immer schwieriger wird große Offensivgefahr zu entwickeln, ohne den eigenen Defensivverbund zu entblößen.
Ein großer Trend der letzten Jahre im Spiel gegen den Ball war das mannorientierte Zustellen in sämtlichen Phasen des Spiels. Ob es die extreme Art und Weise Vincent Kompanys über das gesamte Spielfeld sein muss sei mal dahingestellt, es zeigt aber, dass sich auch die Trainer der europäischen Fußball-Elite dazu bewegt fühlen einen Ansatz zu wählen, der in den 2000er/2010er-Jahren fast auszusterben schien. Die Fußballwelt hatte sich eigentlich darauf geeinigt, dass das raumorientierte Verteidigen gegen den Ball gegen das klassische Positionsspiel vieler Mannschaften im Ballbesitz am effektivsten sei.
Nun aber seit einigen Jahren die Kehrtwende. Viele verschiedene Formen und Methoden, in aber eigentlich jeder Mannschaft gibt es im Spiel gegen den Ball inzwischen Phasen mannorientierten Verteidigens. Sei es im aggressiven Angriffspressing, sei es der extreme Ansatz über den gesamten Platz und selbst Teams, die im Mid- oder Deep-Block verteidigen haben meist eine klare Zuteilung welcher Spieler durch wen verteidigt werden soll.
Und wie es im Fußball immer so ist: Die eine Entwicklung stößt wieder eine andere an. In diesem Fall könnte es zur Reinkarnation einer ausgestorbenen Position führen: dem Libero. Oder gibt es ihn vielleicht längst schon wieder?
In diesem Beitrag möchte ich auf die Historie der „freien“ Spieler eingehen. Welche Arten gab es? Was machte sie so wertvoll für ihre Teams? Ich möchte aufzeigen, dass die Freiheit vieler Spieler bereits „liberoartig“ erscheint, auch wenn sie in das ursprüngliche Positionsraster nicht mehr hineinpassen. Und ich versuche aufzuzeigen, welche Möglichkeiten Mannschaften bereits nutzen der gegnerischen Mannorientierung zu entkommen und welche Auswege es in der Zukunft möglicherweise noch geben könnte.
Ein Beitrag über Beckenbauer, Hidegkuti und….Nicolas Capaldo?

Die Anfänge „strukturierter Fußballtaktik“ lagen in der Idee der strikten Manndeckung. Spieler wurden ihren Positionen entsprechend mit Rückennummern versehen und ihre Gegenspieler konnten sich daran orientierend darauf verlassen immer gegen den ihrer Position entsprechenden „richtigen“ Gegner ins Duell zu gehen.
Eine erste „Revolution“ entwickelte sich im Ungarn der 1950er-Jahre. Aufgrund von immer schwieriger zu bespielenden Manndeckern entstand die Idee den Mittelstürmer sukzessive tiefer zu ziehen und den ihm zugeteilten Manndecker vor Entscheidungen zu stellen. Man war im damaligen Fußballzeitalter schlicht solche Entscheidungen nicht gewohnt.
Die Position des Mittelstürmers war zwar nicht mehr nur die des bulligen Strafraum-Dominators, sondern hatte sich auch schon damals in den Bereichen Technik und Dynamik weiterentwickelt. Trotzdem konnte sich der Manndecker mehr oder weniger auf eine Sache verlassen: Der Mittelstürmer befindet sich vorne und meist in der letzten Linie auf Höhe der Defensive.
Nun entschied sich der damalige ungarische Nationaltrainer Gusztáv Sebes dazu den damals 30-jährigen Nandor Hidegkuti aus der Position des Mittelstürmers zurückzuziehen und ihn zwar der Rückennummer als Mittelstürmer erkennbar aufzustellen, ihn aber eher im offensiven Mittelfeld auflaufen zu lassen. Diese Idee war zwar ursprünglich nicht Sebes Idee, wurde durch die Interpretation Hidegkutis allerdings so erfolgreich ausgefüllt, dass sich einer seiner damaligen Gegenspieler, Harry Johnston, in seiner Autobiografie über die Erfahrungen aus einem Länderspiel wie folgt erinnerte:
„Für mich lag die Tragödie in der totalen Hilflosigkeit…, darin, nichts an der schrecklichen Situation ändern zu können.“
Diese und mehr Anekdoten sind nachzulesen in dem inzwischen zum Standardwerk für Fußballtaktik-Begeisterte gehörenden Buch „Revolutionen auf dem Rasen“ von Jonathan Wilson.
Dieser Ansatz war ein erster Vorbote für das was später folgen sollte: Die Entwicklung des Liberos. Der Libero oder „Sweeper“ als letzter Verteidiger hinter der eigentlich letzten Kette und gleichzeitig der Spieler, der mit seiner Übersicht und Qualität am Ball auch das Spiel im eigenen Ballbesitz prägen sollte. Vor allem auch aus deutscher Sicht eine prägende Idee im Fußball, da man mit Franz Beckenbauer oder später auch Lothar Matthäus überragende Vertreter auf dieser Position hatte und das in ganz unterschiedlichen Epochen der Fußballgeschichte.
Franz Beckenbauer beschrieb in dem 1977 erschienen Buch „Franz Beckenbauer’s Soccer Power“ die Aufgaben eines Liberos wie folgt:
- To direct the defense and help your teammates do their job by calling instructions to them. As last man in front of your own goalkeeper, you have the opportunity to see the total field and are able to recognize soonest the opponents plan as well as the development of their attack. […]
- To intercept lead passes that the positioned attacker has his back to.
- To cover for teammates. If one of them is beaten by an opponent, you step in immediately. He, in turn, takes up your position.
- To cover any opposition player who is free near your goal and not covered. Thus you can prevent his scoring and, at the same time your teammates can continue playing their assigned man.
- When the sweeper has control of the ball, he immediately becomes an offensive player and participates in the attack. […]
Auch wenn man dem nun fast 50 Jahre alten Buch anmerkt, das es vor allem deshab geschrieben wurde, um einem us-amerikanischem Publikum dem ihm damals noch mehr als heute unbekannten Sport „Soccer“ nahezubringen, zeigt es trotzdem schön die Weiterentwicklung des „freien“ Spielers Hidegkuti, der zunächst nur für eine Spielfeldseite (Offensive) zuständig war hin zu einer weiteren Idee, die umfasste, dass ein und derselbe Spieler sowohl defensiv als auch offensiv Freiheiten genießen konnte ohne, dass dadurch eine gemeinsame Team-Idee auseinanderbrechen würde.
Die Position des Liberos wurde von vielen verschiedenen Spielern auf die unterschiedlichste Art und Weise ausgeführt. „Defense first“-Liberos, die ausnahmslos als Ausputzer hinter der Kette Pässe abfingen waren genauso Teil der Entwicklung wie eben jene Liberos, die mit ihrer Qualität im Ballbesitz gegnerische Zuteilungen im eigenen Dribbling oder durch kurze Doppelpässe aufbrechen konnten.
Diese Art zu spielen wurde in ihrer ursprünglichen Form immer seltener, doch der Grundgedanke, Spieler „positionsunabhängig“ einzusetzen blieb im Fußball fest verankert.
Ob es nun Barcelonas „falsche 9“ war, das Zurückziehen eines defensiven Mittelfeldspielers zwischen die Innenverteidiger (beim HSV beispielsweise in Form von Milan Badelj unter Thorsten Fink) oder in den letzten Jahren das Einrücken von Außenverteidigern als zusätzliche zentrale Anspielstationen im Aufbau. Alle Protagonisten waren sich unabgesprochen einig: Für den Erfolg einer Mannschaft braucht es einen gewissen Grad an positioneller Freiheit. Dieser Trend könnte sich jetzt nochmal so richtig verschärfen.

Beim HSV hat sich vor allem ein Spieler in den vergangenen Wochen und Monaten einen Namen als positionsungebundener Spieler gemacht: Nicolas Capaldo. Der 27 Jahre alte Argentinier wurde vom HSV bewusst in seinen Stärken betont, indem er im Spiel mit dem Ball die Freiheit genießt viele Tiefenläufe anzubieten und damit Gegner im Aufbau aus ihren Positionen zu ziehen und im Angriffsdrittel als weitere Anspielstation zu dienen.
Capaldo zeigt dabei vor allem eine Sache: Die heutige Interpretation eines „Liberos“ muss nicht aus einer per se zentralen Position starten. Waren viele bisherige Ideen immer daran gebunden, dass die jeweils auserkorenen Spieler entweder zentral offensiv (Hidegkuti) oder zentral defensiv (Beckenbauer) aufgestellt wurden scheint man beim HSV den Ansatz zu wählen, die Halbspuren mehr betonen zu wollen. Ein Ansatz, der angesichts vieler dicht besiedelter Verteidigungszentren nachvollziehbar, allerdings gar nicht so weit verbreitet scheint.




Overlapping centre backs
Ein Team, das für das Herausziehen von Halbverteidigern berühmt war, war Sheffield United unter Chris Wilder in der Premier League. Wilder und vor allem sein Co-Trainer Alan Knill, brachten den Ansatz auf dem Platz die äußeren Innenverteidiger als sogenannte „overlapping centre backs“ einzusetzen. So entstand aus einem defensiv kompakten 5-3-2 gegen den Ball ein äußerst ambitioniertes 1-2-5-2 mit dem Ball, wenn man es so ausdrücken möchte.


Die Vorteile waren klar: Gegner mussten sich an die extreme Veränderung der Innenverteidiger-Positionierung irgendwie anpassen, zudem hatte man in hohen Zonen des Spielfeldes viele Überzahlen, egal ob auf der Außenbahn, in der Halbspur oder im Zentrum. Der Nachteil ist offensichtlich: Bei Ballverlust ist der feste „Sweeper“ in der letzten Linie mehr oder weniger alleine damit vertraut vertikale Bälle abzufangen und Sheffield war darauf angewiesen, dass das eigene Gegenpressing so gut funktioniert, dass solche Vertikalbälle vom Gegner überhaupt gar nicht erst gespielt werden können.
Give and Go
Unter Tim Walter war es der große Fokus auf das „Give and Go“, ständige Bewegung nach eigener Ballkontrolle. Seinem Mitspieler direkte Anspielstationen schaffen, statt sich in auswendig gelernten und leicht ausrechenbaren Abläufen zu verlieren. Ein Ansatz, der nun in den Niederlanden beim NEC Nijmegen sehr erfolgreich umgesetzt wird.
Dick Schreuder, Trainer des NEC Nijmegen, scheint sich dabei nicht in vordefinierte Positionsschemata zu verlieren, sondern nutzt das Zusammenspiel seiner eigenen Spieler, um regelmäßig neue Strukturen herzustellen und dem Gegner dabei über 90 Minuten in Zuteilungsprobleme zu bringen.
So scheint das Spiel des NEC Nijmegen weniger darauf ausgelegt Sicherheit ins eigene Spiel zu bekommen, sondern auch selbst über die gesamte Spielzeit nicht so ganz zu wissen wie das Spiel aussehen wird. Spontanität, Kreativität aber auch eine enorme Athletik wird den Spielern dafür abverlangt.
Anchors & Floaters
Ein noch relativ neues Prinzip, wie man Aufstellungen und Positionsstrukturen denken kann, ist das der „Anchors & Floaters“, das ich auf Plattform X (ehem. Twitter) von dem User @saundzo zum ersten Mal gesehen habe:
Heruntergebrochen bedeutet diese Idee: Eine Mannschaft aus 11 Spielern wird in 2 Kategorien aufgeteilt, „Anchors & Floaters“, zu deutsch von den Kollegen von Spielverlagerung als „Anker & Schwimmer“ übersetzt.
Die Anker setzen den Rahmen und die Referenzpunkte für die Schwimmer auf dem Platz. Anker haben die Aufgabe zur Stabilisierung und Solidität auf dem Platz, sie geben Sicherheit damit sich die freibewegenden Schwimmer auf dem Platz nach Lösungen umschauen können.
Schwimmer, wie bereits angedeutet, sind immer auf der Suche nach freien Räumen. Sie dürfen sich in dem, von den Ankern als Rahmen gesetzten Konstrukt, frei bewegen und kreativ den Gegner bespielen.
Diese Art von Lösung gegen Mannorientierung aber generell auch erstmal gegen gut gestaffelte Gegner sah man beim HSV in Form von Daniel Elfadli und in den letzten Monaten eben prominent von Nicolas Capaldo aber auch von den Spielern in der Angriffsreihe des HSV. Während die anderen beiden Innenverteidiger, sowie die Außenbahnspieler ein äußeres Skelett vorgaben hatten der dritte Innverteidiger, sowie die zentralen Mittelfeldspieler und Stürmer Freiheiten um Überzahlsituationen zu schaffen.
Zu Saisonbeginn habe ich versucht diese Spielidee auf den HSV zu übertragen, bei Interesse ist der Beitrag hier zu finden:
Spiel über den Dritten / Wall Pass
Über die letzten Jahre wurde das Spiel über den Dritten immer populärer. Im Aufbau- und Übergangsspiel inzwischen fast nicht mehr wegzudenken, dieser Ablauf:
Torwart -> Innenverteidiger -> Torwart -> Sechser -> Innenverteidiger
Gehört inzwischen zum Standard-Repertoire eines jeden halbwegs ambitionierten Teams, das den Ball nicht bereits beim kleinsten Gegnerdruck lang in die gegnerische Hälfte schlagen will. Timing ist dabei alles, natürlich neben der technisch sauberen Ausführung aber das sollte die Grundlage einer jeden Fußballaktion sein.
Passt das Timing nicht, ist es für den Gegner zu einfach die Passwege zuzustellen oder den Gegenspieler beim Abspiel entscheidend zu stören. Da der eigene Spieler immer mit dem Rücken zum Gegner platziert ist sind zudem die Anspielstationen begrenzt und man ist darauf angewiesen, dass die erfolgreiche Ablage im Nachgang zum Vertikalball führt.
Eine früher noch häufiger genutzte Variante war die des „Wall Pass“. Franz Beckenbauer beschrieb die Vorgehensweise in seinem Buch wie folgt:
While I am moving on the attack, with the ball on my foot, my teammate Gerd Müller watches both the opposition and his teammates from outside the penalty area. He may be closely marked, but suddenly he goes into action, running away from his opponent, changing directions several times, but moving toward me. At exactly the right moment I play the ball to him and continue my forward rush. Gerd just directs the ball – without dribbling – off his foot and into the open area into which I have run.
„Franz Beckenbauer’s Soccer Power“
Hier wird das Prinzip des Give and Go auf eine einzelne Aktion heruntergebrochen und dabei das Spiel über den Dritten insofern angepasst, dass der „Dritte“ den Ball nicht nach hinten, sondern horizontal im Optimalfall sogar diagonal in die Tiefe klatschen lässt und sich dadurch die Möglichkeit ergibt den Ball mit Tempo in die Tiefe zu tragen.
Das hier eingebettete Video zeigt einen kurzen Ausschnitt aus dem Finale des Europapokals der Landermeister aus der Saison 1972/1973. Dort trafen Ajax Amsterdam und Juventus Turin aufeinander und als Libero für die Niederländer spielte der spätere HSV-Verteidiger Horst Blankenburg. Jener Blankenburg ist in dem Video mit der Rückennummer 12 zu sehen wie er als „Wandspieler“ fungiert. Es gibt also nicht nur die Option einen offensiv postierten Spieler fallenzulassen, sondern auch die Möglichkeit sich mit begleitenden Läufen eine dritte Anspielstation zu schaffen, die bei Bedarf durch kurze Zuspiele neue Räume öffnen/Teamkollegen freispielen kann. Aus dem horizontal gedachten Spiel über den Dritten wird dadurch so etwas wie der Forward Wall Pass.
Rotationen
Der us-amerikanische Videoanalyst James Wilcox hat in seinem 2021 erschienen Buch „Rotations“ sehr gut beschrieben wieso die Mannorientierungen einer Mannschaft von Nachteil sein können:
First, the defensive players will always be playing in a reactive way. The attacking players will be able to move and hopefully take advantage of the opposing defender’s delayed response. Next, the defensive players will have the disadvantage of using split attention. This is a psychological occurrence that a person can not focus on two things at once. What ends up happening is they end up having poor attention in two places or full attention on one of the two cues. This will slow down their reactions even more. Lastly, it is key to understand more space will be open between defensive players and their defensive structure is stretched vertically and horizontally because of it.
James Wilcox – „Rotations – Advanced tactical guide to understanding movement among players at the highest level“
Rotationen im Zusammenhang beim HSV gab es vor allem im Rückrunden-Spiel gegen den FC Bayern München zu sehen. Durch den sehr konsequenten aber auch riskanten Ansatz jeden Spieler des Gegners zu spiegeln und überall auf dem Feld hinzubegleiten nahm sich der HSV und vor allem seine 10 Feldspieler ein Herz und spielten die von Wilcox oben angesprochenen Nachteile zu ihrem eigenen Vorteil aus.



In dieser Szene verlagert der HSV den Ball von der eigenen rechten auf die linke Seite. Muheim (Nr. 28) und Lokonga (Nr. 6) ziehen aus dem Zentrum auf die linke Seite, öffnen damit wieder die rechte Seite. Elfadli (Nr. 8) zieht mit seinem Lauf den Ball auf den Torwart offen, der dann wieder auf die rechte Seite verlagern könnte, was allerdings an einem unsauberen Zuspiel Muheims scheitert. Die Spieler des HSV rotieren in ihren Positionen. Lokonga wird zum hochgeschobenen Linksverteidiger, Elfadli postiert sich im zentralen Mittelfeld und Muheim zieht zentral und wird positionell zum Innenverteidiger.
Solche Rotationen, wenn sie konsequent durchgezogen werden, sind für den Gegner nach meiner Ansicht eigentlich nicht zu verteidigen und das offensichtlich unabhängig davon wie die jeweilige Kaderstärke verteilt ist.
Was aber natürlich gegeben sein muss als ballführende Mannschaft: Konsequente Umsetzung von allen Spielern inklusive Torwart. Die Szene oben bringt nichts, wenn Elfadli nicht den Rückpass öffnet und der Torwart sollte darauf vorbereitet sein den Ball verlagern zu müssen.
Bei gutem Timing wird die verteidigende Mannschaft irgendwann vorsichtiger, die eigene Mannschaft selbstbewusster. Das ganze Spiel basiert dann ein wenig auf dem Gefühl der jeweils „besseren“ Mannschaft nicht verteidigt/angegriffen werden zu können. Diese Art zu spielen (auf beiden Seiten) fußt zu einem großen Teil auf Selbstbewusstsein, und vermutlich auch einer gewissen Portion Arroganz tun zu können was man will, der Gegner kann nicht eingreifen.
Shadow Play
Konsequente Mannorientierungen drängen die eigene Mannschaft zu steten Freilaufbewegungen. Wenn diese Bewegungen vom Gegner nicht durchgängig mitgegangen werden können öffnet das natürlich das Zeitfenster, damit der Spieler eigenständig mit dem Ball gehen kann, es eröffnet aber auch die Möglichkeit mit einer Antäuschbewegung noch mehr Raum zu kreieren als vorher vorgesehen.
Diagonalität wird immer mehr zu einem großen Thema im Fußball. Mehrere Spieler eines Teams, die sich auf einer Diagonale „versammeln“, um die Möglichkeit von „Shadow Plays“ herzustellen. Also solche Spielzüge bei denen sich Spieler im Schatten des eigenen Mitspielers aufhalten, um entweder eine direkte Ablage zu erhalten oder eben durch „Dummy-Läufe“ den Ball durchgelassen zu bekommen.
In einzelnen Fällen kann das auch in einer vertikalen Linie funktionieren, vor allem dann wenn der Gegner zu weit weg ist (s. Beispiel unten), im Normalfall werden aber diagonale Verbindungen gesucht, damit u.a. der Gegner nicht direkt im Rücken des eigenen Spielers stehen kann und sich zudem der Vorteil besserer Passwinkel ergibt.
Solche Dummy-Läufe, angedeuteten Spielzüge wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, um der eigenen Mannschaft den Vorteil zu geben selbst das Spiel und das Tempo zu bestimmen und nicht zu sehr von der „Jagd“ des Gegners abhängig zu sein.

Im dritten Kapitel soll es um ergänzende Gedanken von mir gehen, wie sich die heutigen Konzepte und die Herangehensweisen vieler Teams auf den Fußball von Morgen auswirken könnten. Manches ist dabei sehr mit dem Blick in die Glaskugel und soll zunächst erstmal nur als offene Idee verstanden werden, nicht als Vorhersage.
Positionsrotationen
Mannschaften im eigenen Ballbesitz, das sollte das Thema dieses Beitrages sein. Für Ideen gegen den Ball könnte es nochmal einen ganz eigenen Beitrag benötigen. Was ich aber für interessant halten würde sind Positionsrotationen in einzelnen Spielphasen, mit und ohne Ball.
Der Innenverteidiger und zentrale Mittelfeldspieler werden sich über die nächsten Jahre immer mehr angleichen, sodass es völlig egal werden könnte, wer in welcher Zone agiert. Im Gegensatz zu „Raumrotationen“ (oben als „Rotationen“ bezeichnet), die spontan während des Spiels eingesetzt und schnell wieder korrigiert werden, könnten „Positionsrotationen“ langfristiger für längere Zeitabschnitte genutzt werden.
Scheint es heute noch eine kleine Revolution zu sein, wenn Nicolas Capaldo auf einmal per Vollsprint in den gegnerischen Strafraum einläuft oder Luka Vuskovic im eigenen Ballbesitz sich im gegnerischen Strafraum aufhält, um seine Kopfballstärke auszuspielen. So normal könnte es in der Zukunft sein, weil sich die Eigenschaften von Innenverteidigern, 6ern oder 8ern nicht mehr groß unterscheiden lassen. Alle Positionsgruppen benötigen für das Ausspielen gegnerischer Zuordnungen ein Mindestmaß an Antritt, Ballkontrolle, Übersicht, Antizipation und weiteren Eigenschaften, um nicht zu sehr in der eigenen Statik gefangen zu sein. Ob man dann bei Ballverlust mit dem nominellen Innenverteidiger in der ersten Angriffsreihe verteidigt und der beim Anstoß als Mittelfeldspieler aufgestellte Mitspieler in der Viererkette verteidigt könnte zukünftig keine allzu große Rolle mehr spielen.
Um es auf die Spitze zu treiben: Nur noch der Torwart könnte mit seinen Eigenschaften und positionellen Sonderrechten klar an eine Position und Rolle gebunden sein. Für alle anderen dürfte ein Zeitalter anbrechen in dem es darum geht den Gegner unter größtmöglichen Druck zu bringen, unabhängig davon welcher Spieler am Ende welchen Raum verteidigt oder eben angreift.
Zuletzt konnte man unter anderem bei Manchester City beobachten, dass sie bei eigenen Abstößen ihre zentralen Mittelfeldspieler (und vielleicht technisch besten Spieler) in der Box platzierten und die Innenverteidiger nach außen zogen. Hier sehr schön zu sehen bei einem X-Beitrag vom Spielanalysten des ungarischen Fußballverbandes, István Beregi:
Ob diese Form von Abstoß-Idee von konstantem Erfolg gekrönt ist hängt natürlich von der jeweiligen Ausführung ab. Wozu es aber führt: Der Gegner muss reagieren. Und wenn der Gegner in seiner strikten Mannorientierung bleiben möchte führt die oben gezeigte Anstoß-Idee zu etwas, auch im heutigen Fußball, Unbezahlbarem: Raum.
Der zukünftige Fußball wird sich noch viel mehr daran orientieren, wie es möglich sein wird Räume offen zu ziehen, ohne dabei selbst bereits in Überzahl zu sein, sondern die freien Räume dann konsequent „einzulaufen“.
Bisher war die Herangehensweise in einem Positionsspiel-geprägten Fußball klar: Schaffe Überzahl in dem du mutig „immer einen mehr“ gegen deinen Gegner ziehst. So entstanden teilweise 6vs5-Duelle in der letzten Linie, die aber häufig zu Stagnation führten, weil zwar das angreifende Team einen Mann mehr im Angriff hatte aber halt keinen Raum dorthin zu spielen.
Der neue Fokus liegt auf dem genauen Gegenteil: Habe so wenig Spieler wie möglich in deinem Zielraum und lasse diesen dann konsequent attackieren. Suche dir Mismatches beim Gegner und bespiele dieses Mismatch, dann können deine Mitspieler folgen.
Dieser Logik folgend kann es eigentlich nur dazu führen, dass wir zukünftig sehr häufig solche Bilder wie oben zu sehen bekommen, mit Innenverteidigern, die in der Defensivlinie sich „den Kleinsten“ herauspicken und der passsichere Mitspieler beispielsweise einen langen Ball auf den kopfballstarken Mitspieler zur Verlängerung schlägt.
On-Ball-Libero / Off-Ball-Libero
Der Begriff des Libero könnte in Zukunft deutlich freier (zum Kontext passend) verwendet werden als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Der klassische Libero-Begriff war auf die Defensiv-Position beschränkt. Ein Libero ist nur dann ein Libero, wenn sein natürliches Habitat die Defensive ist.
Was aber, wenn man die Freiheit des Liberos auf Heute überträgt und dabei den nötigen Realismus mit einbezieht?
Vielleicht gäbe es dann die Unterscheidung zwischen On-Ball- und Off-Ball-Liberos?
Der Libero von früher war meist ein Ausnahmespieler, der mit und gegen den Ball einer der besten Spieler seiner Mannschaft war oder aber er war ein reiner Defensiv-Spezialist. Im modernen Fußball könnten diese Ausnahmespieler als On-Ball-Libero spielen. Spieler, die mit Ball am Fuß alle Freiheiten auf dem Feld genießen.
Da das Spiel aber mit immer weniger Restriktionen klarzukommen scheint, könnten zukünftige Mitspieler eben auch Liberos sein. Nur eben Off-Ball. Das Spiel von Morgen könnte von Teams bestehend aus 10 Libero + Torwart gespielt werden. Manche dieser Liberos mit der Freiheit größtes Risiko mit Ball am Fuß zu gehen (Carries, Dribbling) und manche mit der Freiheit sämtliche Räume besetzen zu können (im Ballbesitz aber auch bei Ballverlust), dann aber mit der Einschränkung durch diese Bewegungen mannschaftsdienliche „Strukturen“ herzustellen.
Chaos + Ordnung, hergestellt von 10 Liberos, die aber im Zusammenspiel immer noch eine zusammenhängende Struktur ergeben können.
Für manche Teams könnte es genauso interessant werden 1-2 Spieler für In-Game-Anpassungen zu wählen. Der normale Ablauf ist momentan folgender:
Eine Mannschaft startet in einer gewissen Struktur und ändert diese nach längeren Zeitabschnitten oder auf den äußeren Positionen (5-2-3 -> 5-4-1) und sind eher auf den Referenzpunkt „Spielfelddrittel“ fokussiert. Für Mannschaften könnten spontane Anpassungen auch im Zentrum spannender werden.



Wenn sich die Spielerprofile zentraler Spieler immer mehr angleichen ergibt es eigentlich keinen Sinn die positionellen Freiheiten und „Spontanitäten“ nur auf das Spiel mit dem Ball zu reduzieren, außer man denkt das Spiel ohne Ball sehr streng und begreift das Verteidigen als Etwas, das klarer Ordnung ohne Anpassung bedarf.
Ebenso könnten „freie Verteidiger“, wenn sie die nötige Athletik und das Spielverständnis mitbringen, auch interessant für das eigene Pressingverhalten werden. Je nach Höhe der eigenen Verteidigungslinie könnten einzelne Spieler sich nach vorne oder hinten orientieren und damit neue Strukturen gegen den Ball herstellen und den Gegner laufend neu herausfordern.
Intensitätsproblem?
Momentan steuert der Fußball auf eine Zeit hin in der gefühlt keine Pause gestattet ist. Weder mit noch gegen den Ball. Im Ballbesitz werden Freilaufbewegungen und Rotationen benötigt, um den Gegner ins laufen zu bekommen. Und bei Ballverlust muss das Gegenpressing in höchster Intensität erfolgen, damit die vorher möglicherweise etwas gelockerte Defensivstruktur (durch hochschiebende Verteidiger) nicht komplett im Umschalten entblößt wird.
Führt das zu immer höher werdenden High-Intensity-Läufen? Oder kehrt sich der Trend irgendwann um, weil Mannschaften durch immer besser werdende Ballbesitz-Konzepte merken, dass ihre Mannorientierungen nur einen Effekt haben: Sich selbst müde laufen. Eine Zeit mit vielen tiefen Blocks, um bloß nicht auseinandergezogen werden zu können könnte das Ergebnis sein.
Das Spiel wird bereits unabhängig von taktischen Trends immer athletischer. Spieler auf dem höchsten Level absolvieren durch neugeschaffene oder aufgeblähte Wettbewerbe immer mehr Spiele, sollen in diesen dann noch am besten 90 Minuten durchsprinten. Es wird interessant zu sehen sein, ob Vereine es schaffen ihre Idee vom Fußball mit dem passenden Personal zu kombinieren. Der Spieler mit Ausdauer für 90 Minuten maximaler Intensität + starkem Spielverständnis + technisch guter Ausführung ist nicht unmöglich zu finden, die Frage ist in welcher Häufigkeit findet man diese und wenn man sie auf dem Transfermarkt nicht findet (oder sie zu teuer sind), kriegt man sie selber ausgebildet?
Carrier > Passer
Spätestens seitdem der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft vor allem den europäischen Fußball so sehr geprägt haben, dass selbst die vorher noch so ambitionslosesten Mannschaften angefangen haben verschnörkelten Ballbesitz-Fußball zu spielen, war es allgemeiner Konsens, dass erfolgreiche Mannschaften nur über sauberes Passspiel und vor allem viele Kombinationen zum Erfolg kommen können.
Der Trend sieht anders aus: Wenn der Fußball auf Rotationen, frei gezogenen Räumen, kurzen Pässen basiert, dann brauche ich nicht mehr die 150-Pass-Maschinen, die mir progressive Pässe am Fließband liefern. Ich brauche physisch und athletisch top ausgebildete Spieler, die sauber kurze Kombinationen spielen aber vor allem mit Ball am Fuß Meter machen können. Die 1vs-Situationen auflösen können, nicht (nur) als Flügelspieler isoliert auf der Außenbahn, sondern auch als zentraler Mittelfeldspieler, der sich auf einmal auch, durch die vielen Mann-gegen-Mann-Verteidigungen, in vielen Direktduellen wiederfindet.
War das ball carrying bisher in der Fußball-Analyse immer ein nettes Gimmick, fast ein wenig das vernachlässigte Spielzeug unter dem frisch gemachtem Bett von Tiki-Taka-Connaisseuren, wird es jetzt auf einmal zum distinktiven Merkmal zwischen einem guten und einem besonderen, spielentscheidenden Fußballer. Kann dir dein Spieler „im Alleingang“ Räume aufziehen, Gegner abschütteln, Bälle übers Feld tragen? Oder ist er darauf angewiesen, dass seine Mitspieler ihn in Position bringen? Zurzeit wirkt der Trend eben noch ein wenig rein auf athletische Merkmale fokussiert. Die schnellsten, stärksten Spieler sind logischerweise (bei sauberer Technik) am schwierigsten zu greifen. Möglicherweise hat die aktuelle Entwicklung aber eben auch zur Folge, dass kreativere Spieler auch kreativere Dinge auf dem Platz machen dürfen. Auch wenn Guardiola beim Anblick von Cherkis Kunststücken keine Herz-Augen, sondern ungesund hohen Blutdruck bekommt.

Der Fußball, wie er jetzt ist, steuert auf einen nur schwierig zu bändigen Schlagabtausch aus immer flexibler werdenden Ballbesitz-Konzepten und strikteren High-Intensity-Manndeckungs-Maschinen zu.
Umso besser die ballführende Mannschaften in ihrer Lösungsfindung ist, desto gefährlicher wird für die verteidigende Mannschaft der Ansatz 11 Spieler „einzeln“ zu verteidigen.
Für die nächsten Monate und Jahre könnte aber ein Fußball-Zeitalter entstehen in den Konzepte mit freien Spielern immer weiter verfeinert werden und dies das beherrschende Thema dieser Fußball-Generation wird. Spannend, ob sich dann wieder der eine große Libero herauskristalliert, der mit seinen Fähigkeiten alle Facetten des Spiels in sich vereint oder man rückblickend resümmiert, dass diese Fußball-Jahre trotz immer stärker werdender Individualisierung für einen ganzheitlichen Ansatz standen in denen alle Spieler gewisse Freiheiten genossen und sich dadurch ein einheitliches Team-Gerüst bildete.
Es deutet sich aber ein Fußball an, der vor allem wieder mehr und mehr von „Spielern gespielt“ und weniger von „Trainer gecoacht“ wird. In dem Kreativität benötigt und nicht verschmäht wird. Das kann für Fans nur gut sein und für Spieler wieder mehr Freude auf dem Platz bedeuten. Hoffen wir, dass sich diese Ansätze und Ideen auch wirklich fest in der Zukunft verankern.
