Ersatz oder kongenialer Partner für Fabio Vieira? Hauptsache Spielmacher! So oder so ähnlich könnte der erste Eindruck zum 22-jährigen offensiven Mittelfeldspieler aus der französischen Kleinstadt Épernay lauten. Unabhängig von seine potenziellen Teamkollegen werfen wir jetzt erstmal einen genaueren Blick auf den Neuzugang des HSV.
Allgemein

Nationalität: Frankreich
Geburtsdatum: 02.12.2003
Position: Offensives Mittelfeld
Größe: 1,80m
Starker Fuß: Rechts
Marktwert: 10.000.000,00€
Geboren in Épernay, führte ihn sein Weg zunächst über Rodez und den RC Épernay in die Nachwuchsakademie von Paris Saint-Germain. Dort galt er als technisch hochveranlagt, entschied sich jedoch bewusst gegen den direkten Verbleib in Paris und kehrte zu Stade Reims in seine Heimatregion zurück.
In Reims sammelte Adeline bereits im Alter von gerade mal 18 Jahren seine ersten Erfahrungen im Profifußball, ehe ihn Leihstationen nach Rodez und Annecy führten. Parallel gehörte er regelmäßig den französischen U19- und U20-Nationalmannschaften an.
In der Ligue 2 entwickelte sich Adeline dann weg vom reinen Talent, über den Status des Rotationsspielers hin zum Leistungsträger von Troyes in der abgelaufenen Saison. Stolze 20 Torbeteiligungen als zentraler Mittelfeldspieler deuten bereits an wo seine größten Stärken liegen. Adelines Weg war also ein steter, ohne in den letzten Jahren als absoluter Überflieger gegolten zu haben. Nun aber der große Durchbruch, auch nachhaltig?
Analyse
Beobachtete Spiele:
- Troyes AC – Red Star Paris: 1:0 (03.01.2026, 80 Minuten)
- Troyes AC – Stade de Reims: 2:1 (17.01.2026, 77 Minuten)
Spielweise
Martin Adeline ist ein offensiver, zentraler Mittelfeldspieler, dessen größter Einflussbereich das gegnerische Drittel ist. Adeline beherrscht am gegnerischen Strafraum die Übersicht, um Chancen für sich und seine Mitspieler zu kreieren. Dabei lässt er sich im Spielaufbau eher selten tief fallen, sondern positionierte sich bei Troyes häufig sehr hoch, teils bis in die letzte Defensiv-Linie des Gegners, um dort auf Zuspiele oder Kopfball-Weiterleitung zu „warten“.
Schnelle Absetzbewegungen vom Gegner weg, um den Ball auf die Außen weiterleiten zu können gehörten genauso zu seinem Repertoire wie der Tiefenlauf über die Halbspur, die er sowohl im ruhigen Spielaufbau häufig anbot aber auch wenn der Ball beim Flügelspieler lag, um diesem eine Anspielstation im Rücken des Gegners zu ermöglichen.
Im letzten Drittel war er dann wie angedeutet häufig im linken Halbraum zu finden. Dabei kombinierte er die kurze Anspielmöglichkeit mit dem anschließenden Tiefenlauf, was ihn für die Gegner schwierig auszurechnen machte. Die Tiefenläufe kamen meist spontan als angebotener Laufweg, um Räume für seine Mitspieler aufzuziehen. Nur selten wurde Adeline hoch hinter die letzte Kette des Gegners geschickt. Adelines Fokus lag stets in der kurzen Kombination, dann mit einem Tiefenlauf folgend, der den Gegner zur Reaktion zwang. Diese Reaktion zog Räume für Troyes offen. Im eigenen Abschluss fühlt sich Adeline im gegnerischen Strafraum wohl, besetzt gerne den Rückraum, um seine(n) Stürmer zu unterstützen und Gegner von ihnen wegzuziehen.
Physisch und athletisch hat Adeline durchaus noch Verbesserungspotenzial. Zwar lässt er sich selten leicht abkochen im direkten Zweikampf, ein wenig mehr Kraft würde ihn im Zentrum des Feldes aber zu Gute kommen. Zudem habe ich in den Spielen den Eindruck bekommen, dass der Franzose ohne Ball einen durchaus guten Antritt in die Tiefe hatte. Mit Ball wirkte es manchmal ein wenig gehemmt, das mag aber auch nur ein subjektiver Eindruck sein. Nach meinem Empfinden konnte er die Dynamik ohne Ball mit Ball dann nicht mehr so richtig aufrechterhalten.
Der 22-Jährige ist auf dem Platz ein ausgeglichener Charakter. Fouls und negative Ereignisse bringen ihn selten aus der Fassung, von Fehlpässen lässt er sich nicht besonders negativ beeinflussen und spielt sein Spiel weiter herunter.
In der Formation von Troyes besetzte Adeline in beiden Spielen im eigenen Ballbesitz die Position des linken Achters, ein wenig aufgerückt vor dem Sechser Diop, teilweise spielte er auch in letzter Linie neben Mittelstürmer Bentayeb als freier Offensiver, der sich seine Räume auf der linken Seite suchen durfte. Gegen den Ball spielte Troyes im Angriffs- und Mittelfeldpressing im 4-2-3-1 mit Adeline als Zehner in der zweiten Pressingebene. Im tiefen Verteidigen entstand teils eine Art Fünferkette, weil sich Diop sehr tief fallen ließ und Adeline verteidigte als einer der beiden ZM im verkappten 5-4-1/4-1-4-1.


Stärken
Offensiver Output
20 Torbeteiligungen kommen nicht von ungefähr. Im letzten Drittel ist Martin Adeline immer anspielbar. Das schafft er durch ein tolles Gefühl für Räume und Situationen. Sein Gespür, wann er sich kurz und wann er sich tief anbietet ist sehr stark und hilft seinen Teamkollegen enorm. Zudem ist er mit Ball am Fuß sehr kreativ, schafft immer wieder den überraschenden Pass oder taucht, für die gegnerische Defensive, unvorbereitet im Strafraum auf.
Vor allem seine Strafraumbesetzung ist für einen Mittelfeldspieler positiv hervorzuheben und könnte ein Element sein, das dem HSV enorm helfen könnte. In der vergangenen Saison war der Ballbesitz des HSV häufig gefällig anzuschauen, bis man sich dem gegnerischen Strafraum näherte. Dann fehlte einem im Zentrum die Durchschlagskraft und häufig die Manpower in der Box.
Adeline erzielte 9 seiner 10 Tore aus dem Strafraum heraus, der 10. war auf der Strafraumkante. 3 der 10 Abschlüsse waren sogar im Fünfmeterraum. Nur 37 Schüsse brauche der Franzose für seine 10 Saisontore, holte aus 7,24xG starke 9,10 xGOT heraus und könnte dem HSV im letzten Drittel benötigte Offensiv-Power verleihen.
Troyes agierte in den beiden Spielen wenig mit Halbfeldflanken, sondern mit hohem Fokus in die Tiefe bis an die Grundlinie zu kommen. Adeline agierte tendenziell um den Elfer-Punkt herum, reagierte situativ und ließ dem Mittelstürmer genügend Raum, um keine Gegenspieler auf seinen Teamkollegen zu ziehen.

Spielübersicht
Gute Übersicht und schnelles Erkennen von Situationen. Wie oben angedeutet zeichnet sich Adeline auch durch eine schnelle Auffassungsgabe und gute Vororientierung aus. In den meisten Situationen weiß er die Positionierung sowohl seiner Gegen- als auch seiner Mitspieler gut einzuschätzen. Das hilft ihm in der Entscheidungsfindung aber auch Ausführung seiner Aktionen.
Ballverarbeitung
Ballannahme mit links, Ballweitergabe mit rechts. Mehr als zwei Kontakte braucht er selten. Seine Handlungsschnelligkeit kombiniert mit der technischen Sicherheit machen Adeline sowohl zum guten Verbindungsspieler von Defensive und Offensive aber vor allem zum gefährlichen Spielgestalter im letzten Drittel. Gegen eng gestaffelte Mannschaften kann ein Spieler, der das Tempo so verschärfen kann Gold wert sein.
Intensität gegen den Ball
Kein Balljäger aber trotzdem sehr fleißig. So kann man Adelines Einsatz im gegnerischen Ballbesitz warscheinlich am besten zusammenfassen. Der technisch versierte Mittelfeldspieler ist dabei vor allem darauf bedacht Passwege zu schließen und gegnerische Zuspiele abzufangen. Vor allem im hohen Pressing hat er dabei immer wieder gute Timings, die ihm das Blocken von Pässen oder langen Bällen ermöglichen.
Schwächen
Tempokontrolle
Klingt erstmal ein wenig abstrakt, ist aber recht einfach erklärt. Dadurch, dass Martin Adeline sehr stark daran ist Konter der eigenen Mannschaft mit seinen Zuspielen einzuleiten, neigt er ab und zu dazu jede sich bietende Möglichkeit dafür zu nutzen einen neuen High-Speed-Konter zu beginnen. Manchmal täte ihm der Fuß auf dem Ball ganz gut, nochmal schauen, ob nicht auch ein Rück- oder Querpass wieder Räume öffnen könnten.
Durch den hohen Intensitäts- und Umschalt-Fokus des HSV wird Adelines Spielweise aber eingepreist sein. Er soll nicht als tiefer Spielmacher, sondern als hochstehender Offensiv-Spezialist eingebunden sein. Von daher sind Ballverluste und riskante Zuspiele sicherlich zu einem gewissen Grad eingepreist. Ein ähnliches Problem gab es bei Fabio Vieira auch, der in der gegnerischen Hälfte kaum zu stoppen war aber in der eigenen für den einen oder anderen Leichtsinns-Ballverlust sorgte.
Direkte Duelle & Ballbesitzsicherung
Auch die Ballbesitzsicherung könnte ein Aspekt sein in dem sich der Neuzugang des HSV noch verbessern könnte. Er ist nicht schmal gebaut aber in direkten Duellen bei Körperkontakt lässt er sich durchaus auch mal zu leicht vom Ball trennen. Dies mit seinem Offensiv-Drang gepaart könnte zu mancher frustrierenden Umschaltaktion führen. Kann er dies noch verbessern, also seine Stabilität im direkten Duell zusammen mit dem richtigen Gefühl für das Tempo des Spiels, dann würde er noch mehr Kontrolle über das Spiel erlangen.
Kopfballspiel
Es ist ein wenig der Klassiker bei technisch hochveranlagten Mittelfeldspielern, sie gehen nur ungerne zum Kopfball und wenn, dann verlieren sie ihn meistens. Adeline fehlt die Balance und Kraft, um vernünftig gegen den Gegner arbeiten zu können, seine Sprungkraft reicht im Mittelfeld bei den wenigsten Gegnern für ein gewonnenes Kopfball-Duell.
Einbindung beim HSV
Passt das Spielerprofil von Martin Adeline in die spielerische Herangehensweise des HSV? Ja. Mit seiner Dynamik ohne Ball und seinem Mut zum Risiko passt er gut in die Umschalt-Philosophie des HSV und kann gleichzeitig durch seine technische Qualität dazu beitragen, dass man im letzten Drittel häufiger in aussichtsreiche Situationen kommen kann.
Wie könnte das in einer Formation aussehen? Das ist momentan noch sehr schwierig abzuschätzen. Gehen wir von den Grundformationen der vergangenen Saison aus ergibt sich ein noch unvollständiges Bild, da sowohl Martin Adeline, als auch Albert Gronbaek in ihrer Karriere vorrangig über die linke Seite gekommen sind. Albert Gronbaek hat von den beiden mit Ball den höheren Speed, er könnte auch außen auf den Flügel ausweichen. Gegen den Ball müsste man sich allerdings überlegen, ob aus der Übergangslösung „Gronbaek-Schiene“ eine Dauerlösung in dieser Saison werden könnte.


Eine logische Alternative wäre sicherlich, bei Ausbleiben eines Vieira-Transfers, dass Adeline oder Gronbaek den rechten Halbraum besetzen. Zwar wäre es für beide eine ungewohnte Position, einen Versuch wäre es in den Testspielen aber definitiv wert.
Dadurch, dass Spieler wie Gronbaek und allen voran Sambi Lokonga ihre Pausen (Belastungssteuerung) bekommen werden wird die große Frage nach der perfekten Formation für die Offensivspieler sich wahrscheinlich eh relativ selten stellen. In erster Linie sollte man sich über neu dazugewonnene Offensiv-Stärke freuen, die dringend benötigt wird. Adeline wird sich dann im Laufe der Saison beweisen müssen und wenn er so sehr in die Startaufstellung drängt wird er entsprechend spielen und Polzin eine passende Position finden (müssen).
Fazit
Alle wollen einen echten 10er bis sie einen echten 10er bekommen. Mit Adeline bekommt der HSV einen technisch starken Mittelfeldspieler, der mit seiner Spielweise sehr viel Spaß machen aber hier und da auch zu frustrierenden Momenten führen kann. (Zu) einfache Ballverluste durch zu „kreative“ Ideen können beim Hamburger Publikum hier und da sicherlich auch mal zu Verstimmungen führen.
Mit seinem offensiven Mut konnte der Franzose als zentraler Mittelfeldspier starke Scorer-Werte aufweisen, die aber vor allem im Assist-Bereich (10 Assists aus 5,43 erwarteten Assists) durchaus zur Kontrolle auf dem Prüfstand stehen.
Adeline wird im gegnerischen Drittel auch in der Bundesliga seine Momente haben. Dafür ist er technisch und gedanklich stark genug, zudem versteht er die taktischen Vorgaben, wann er tief geht, wann er kurz kommt eigenständig umzusetzen und braucht wenig Leitlinien an denen er sich orientieren müsste.
Trotzdem wird abzuwarten bleiben wie schnell er sich an das höhere Niveau gewöhnen kann. Physisch ist das solide, sein Zweikampfverhalten teilweise aber noch zu lasch. Zudem in der Risikoabwägung mit zu großer Streuung.
Der HSV hat sich mit dem Transfer definitiv in der Breite, im Optimalfall auch direkt in der Spitze verstärkt. Dies wird auch davon abhängen welche 10 Spieler um ihn herumspielen werden. Kann er mit seinen Zuspielen Offensivspieler in Szene setzen, könnte dies von Beginn an direkt sehr genug funktionieren. Soll Adeline direkt selber der Ankerpunkt der Offensive sein bliebe es abzuwarten, wie positiv der erste Eindruck ist. Nicht, weil Adeline nicht nötige Qualität oder das nötige Potenzial mitbringt. Sondern weil der Sprung aus Ligue-2-Aufstiegskampf zu Bundesliga-Abstiegskampf durchaus anspruchsvoll ist. Dem 22-jährigen Franzosen ist aber voll und ganz zuzutrauen, dass er auch diesen nächsten Schritt erfolgreich meistern kann.
