Spielerprofil: Zakaria El Ouahdi

Der HSV ist fündig geworden. Nach vielen Saisons ohne die Top-Option auf der Rechtsverteidigerposition, soll nun Zakaria El Ouahdi die Lücke auf der rechten Schiene des HSVs füllen. Der marokkanische Nationalspieler kommt aus Genk und wurde in der Vergangenheit bereits mit dem VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen in Verbindung gebracht.

Statt einer BVB-Analyse, in der ich euch über die Passivität im 5-4-1 und die Probleme im mannschaftlichen Durchschieben erzählt hätte, müsst ihr nun leider mit einer Mini-Analyse zu unserem neuen Flügelspieler Vorlieb nehmen. Aufgrund der Kurzfristigkeit (und meines Terminplans) war leider keine Analyse in dem Umfang möglich, den ich euch sonst hier auf dem Portal präsentieren darf. Es reichte an diesem Montagnachmittag für zweimal 60 Minuten von El Ouahdi in den Europa-League-Spielen gegen Dynamo Zagreb.

El Ouahdi spielte in diesen beiden Spielen und generell in der Saison den rechten Part in der belgischen Viererkette. Physisch bringt er laut Transfermarkt 1,71 m auf das Maßband und fällt auch in seiner ganzen Körperlichkeit in dieses Regal.

Auf dem Feld fällt El Ouahdi über alle Spielphasen hinweg durch eine hohe taktische Disziplin auf. Er ist selten am Gestikulieren oder gar am Aus-der-Haut-Fahren und spielt, einfach gesagt, trocken sein Spiel herunter. Aber was ist das genau?

Das, was ihn definiert oder auch zu einem interessanten Spieler macht, ist sein Offensivspiel. Zakaria El Ouahdi verfügt über ein technisch sehr hohes Level auf beiden Füßen. Seine Technik erlaubt ihm immer wieder, konstruktiv etwas für das Spiel seiner Mannschaft beizutragen. Das fällt bei schwierigen Bällen auf, die er konstant problemlos verarbeiten kann, und auch in seinem Passspiel glänzt er. Mit seinem linken und seinem rechten Fuß findet er regelmäßig die gesuchten flachen Lösungen und kann seine Mitspieler auch häufig gut in Szene setzen, da Passdosierung und Temperierung konstant gut gewählt sind. El Ouahdi spielt schwierigere Bälle mit derselben Leichtigkeit wie einen Querpass in letzter Linie – und das alles auch unter Gegnerdruck. Jeder Pass wirkt überlegt und er forciert selten Pässe in aussichtslose Situationen. Nach dem Abspiel fällt El Ouahdi dann sofort durch seine Dynamik auf und sucht nach seinem nächsten Impact im Offensivspiel. Er ist kein Athlet der Megaklasse, ist aber in Dynamik und Tempo sicherlich auf gutem Bundesliganiveau auf der Außenbahn.

Wo findet man El Ouahdi im eigenen Ballbesitzspiel? Meistens parkte ihn Genk in der letzten Linie, wenn man hoch im Ballbesitz war. Das ermöglichte seinen Mitspielern oft, tief an der Kette aufzufüllen, während er sich in der Folge ins flache Kurzpassspiel anbietet. Hier kann er, wie gesagt, kurz auflösen, um danach sofort eine Option für die Tiefe zu sein. Tiefe generieren kann er auch über ballferne lange Bälle, die sich durch seine hohe Positionierung immer wieder als valide Optionen anbieten.

El Ouahdis Dribblingstärke und auch seine Abschlussqualität komplettieren ihn als Offensivspieler. Über kurze Haken schafft er es immer wieder, sich kleine Räume zu generieren. Sei es erst im Kombinationsspiel oder sogar im gegnerischen Strafraum. Nach den Haken bringt der Marokkaner auf beiden Füßen einen guten Abschluss für einen Außenverteidiger mit. Wer sehen will, wie das aussehen kann, sollte sich dringend das Tor gegen den SC Freiburg anschauen.

Wenn man sich das alles so durchliest, fragt man sich, wie man so einen Spieler an Land ziehen konnte. Da müsste man ja meinen, dass El Ouahdi durchaus Themen in der Defensive haben sollte. Zum einen stimmt es, dass er sicher gegen den Ball schwächer ist als mit dem Ball, aber El Ouahdi macht vieles auf immer noch hohem Niveau.

Zuerst zum Offensichtlichen. Seine Physis gepaart mit der Körpergröße. Es ist hier schon fast natürlich, dass er bei hohen Bällen an den zweiten Pfosten nicht immer die beste Figur abgibt. Auch in seinem 1-gegen-1-Defensivzweikampf fällt dies immer mal wieder ins Gewicht. Das führt dazu, dass er in seinem Verteidigen auch nicht auf das physische Duell setzt, so wie es zum Beispiel ein Julian Ryerson immer wieder tut. El Ouahdi ist in diesen Szenen immer stark ballorientiert und geht in der Defensivaktion fast ausschließlich auf den Ball. Das kann in manchen Situationen gut klappen, aber es kann auch mal nicht so gut für ihn ausgehen. Auch gegen flinkere Spieler ist er oft beim ersten Schritt etwas zu spät dran und kriegt manche Situationen nicht verhindert. Das gilt auch für das finale Verhindern von Flanken. El Ouahdi ist in den Szenen nicht immer gut platziert im Defensivduell und lässt so den ein oder anderen Ball zu viel im tiefen Verteidigen zu. Das Verteidigen in der Box hatten beide Spiele leider nicht so drin, dass ich mir hier ein finales Assessment zutraue.

Im hohen Verteidigen fällt er nicht durch eine hohe Aggressivität auf und ist in vielen Szenen sogar etwas risikoavers. Im hohen Pressing fällt so immer mal wieder ein Schritt rückwärts auf, wenn sich andeutet, dass der Gegner sich aus dem Pressing befreien kann. Auch in seinem Sprungverhalten ist er immer wieder durch eine gewisse Vorsicht auffällig, das ist in vielen Szenen aber auch systembedingt.

Das System des HSV sollte ihm dort mehr Defensivwege nach vorne geben. Wieso ist das so? Ganz einfach: Der Unterschied zwischen einer defensiven Vierer- oder Fünferkette. Mit Capaldo oder Omari neben ihm ist er hier automatisch nach hinten besser durchgesichert, und ich tippe, dass er weitaus aggressiver nach vorne verteidigen wird, als es noch in Genk der Fall war. Es ist definitiv eine Systemumstellung, die ihm sicherlich sehr entgegenkommt. Was ihm auch entgegenkommen wird, ist der Transfer von Fabio Vieira. Die Qualität am Fuß, die der HSV auf der rechten Seite hier an den Tag legt, ist mit Rückblick auf die letzten 15 bis 20 Jahre wohl mit die beste, die man seit langer Zeit in roten Hosen im Volksparkstadion sehen durfte.

El Ouahdi macht den HSV vor allem mit dem Ball sofort ein paar Klassen besser. Die Symbiose aus ihm und Fabio Vieira könnte eine der spannenderen der ganzen Liga werden, aber es darf dabei nicht vergessen gehen, dass sich beide auch auf das Verteidigen konzentrieren müssen. Weitere Passivitätsanfälle wie in Dortmund kann sich der HSV dennoch nicht erlauben.

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