Auch ich war relativ stark davon überzeugt, dass man so etwas wie in der ersten Hälfte gegen den BVB so schnell nicht mehr sehen würde. Vor allem nach der ausgebrochenen Euphorie, die rund um den Deadline Day beim HSV erzeugt worden ist. Eigentlich war der Plan, dass diese Analyse unserem neuen Linksverteidiger David Möller Wolfe gewidmet wird, aber die Gründe, wieso dies nun doch nicht zustande kommt, sind ja, denke ich, mehr als offensichtlich.
Der HSV vermasselt den Saisonstart und gibt zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison kein sonderlich gutes Bild ab. Kein einziger Torschuss in den beiden ersten Hälften, sieben Gegentore – und damit an der Ligaspitze – sowie Platz 18 lassen früh die Hamburger Alarmglocken läuten. Was ist also nach dieser eigentlich soliden Vorbereitung mit dem HSV passiert, dass von heute auf morgen kein einziges Rad mehr ineinandergreift? Wir gehen auf Spurensuche.
Aktivitäts-Basics im Signal-Iduna Park
Vieles, was wir gestern im Volksparkstadion bestaunen durften, hatte sich eigentlich schon letzte Woche angedeutet. Man hat dem dann aber nicht mehr so viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil der HSV es durch seine Inkompetenz vor dem gegnerischen Tor vergeigte, aus dem Auftaktspiel in den letzten Minuten noch ein enges Spiel zu machen. Und der Fußballfan neigt ja doch zum Vergessen oder zur Kurzschlussreaktion.
Schauen wir uns doch das 1:0 von Guirassy noch einmal genauer an.

Nach einem Ballverlust des HSV fällt die Mannschaft von Trainer Polzin in ihr präferiertes 5-4-1 zurück. Jedoch in dieser Situation aus einer leichten positionsfremden Ausgangslage heraus, da Daka und Grönbaek zumindest kurzzeitig gezwungen waren, die Positionen zu tauschen.
Mit dem Ballbesitz beim BVB verlagern sie zunächst auf ihre linke Seite, wo Konstantelias breit in die Nähe der Außenlinie herauskippt. Martin Adeline schiebt daraufhin leicht auf den Griechen drauf, ohne dabei aber aggressiv zu sein. Sambi Lokonga kippt parallel dazu leicht in den Rücken von Adeline herab und ist mehr am horizontalen Durchsichern interessiert, anstatt am Mann zuzustellen. Dass er das Gefühl hat, dass in dieser Situation andere Spieler dafür zuständig sind, bringt er in der Folge auch klar zum Ausdruck, da er beim erneuten Vorschieben ein wenig in Richtung Grönbaek gestikuliert, der sich in der Situation zwischen Nmecha und Svensson aufhält.
Hinter dem Geschehen kippt Nicolai Remberg tief vor die Kette in die Nähe von Guirassy. Daka als linker Mittelfeldspieler ist auf Höhe der Mittelfeldkette irgendwo zwischen Zentrale und linkem Halbraum.
Was dann passiert, haben wir in Genüge letzte Woche gesehen. Der BVB spielt ohne Gegnerdruck durch die komplette Hintermannschaft des HSV und der HSV rennt wörtlich nur hinterher.

Konstantelias verlagert über Nmecha als Zwischenstation auf den freien Jobe Bellingham, der wiederum problemlos Karetsas im linken Halbraum finden kann. Remberg und Daka kriegen die Passspur hier nicht effektiv geschlossen und in letzter Linie verschläft Jordan Torunarigha das Verteidigen nach vorne. Am Ende kommt auch Bornauw nicht gut genug in die Aktion, wenn es darum geht, Guirassy beim erneuten Klatschen auf Karetsas effektiv unter Druck zu setzen, und es resultiert nach dem Doppeltunnel-Abschluss das 1:0 für den BVB.
Was ist hier also genau schiefgelaufen, dass der BVB nach zehn Minuten Bundesliga so problemlos zum Torerfolg kommen kann? Die Antwort ist lang, da der HSV hier auf individueller und mannschaftlicher Ebene erhebliche Defizite im Verteidigen vorweist.
Es ist auch schwer zu sagen, welcher Dominostein der erste ist, der in dieser Situation umfällt. Vielleicht ist es auch besser erklärt, wenn ich hier behaupte, dass wahrscheinlich nicht nur ein Stein zu Beginn dieser Sequenz umgefallen ist. Dennoch beginnt die gesamte Sequenz im breiten Defensivverlagern, nachdem der Ball auf Konstantelias gespielt wird. Martins Adelines leichtes Zulaufen ist für die Situation sicherlich mehr als ausreichend. Das kann man leider nicht für die Entscheidungen von Grönbaek und Sambi Lokonga behaupten.

Sambis Aktion zum Durchsichern des Rückens von Martin Adeline ist wahrscheinlich dem Matchplan geschuldet und hat den Hintergrund, dass man in zweiter Ebene den Dortmunder Halbzehnern den Raum so eng wie nur möglich machen und dem jeweiligen Vordermann genügend Absicherung für sämtliche Defensivaktionen zur Verfügung stellen wollte. Das Problem ist nur, dass in dieser Szene der Halbzehner Konstantelias als vermeintlicher linker Außenverteidiger auftaucht. Sambi Lokonga fällt also in der Konsequenz in einen Raum, der in der Szene gar nicht aktiv verteidigt werden muss. Zudem hat Halbverteidiger Capaldo in dieser Szene ohnehin keinen Gegenspieler und kann den Raum vor sich sowie die Tiefe hinter Bakery Jatta absichern.
Nimmt man nun auch noch Albert Grönbaek mit in die Gleichung, so wird die Situation für den HSV nicht einfacher. Zur Wiederholung: Mit dem Zuspiel auf Konstantelias bleibt Grönbaek in seiner Position zwischen Nmecha und Svensson. Während Sambi wohl erwartet, dass der Däne tief auf Nmecha fällt, passt er seine Position gar nicht an und bleibt im defensiven Niemandsland. Ich sehe aufgrund des großen Ganzen auch nicht unbedingt, dass er tief auf Nmecha fallen sollte, da der BVB dies dann über einen Rückpass auf den freien Svensson einfach verlagern könnte. Es wäre aber immer noch besser gewesen als das, was er in der Situation tut.
Im Idealfall kippt Sambi gar nicht erst tief ab, sondern schiebt horizontal mit, hält die Abstände und hat in der Folge eine Chance, bei Nmecha zuzugreifen. In der ersten Defensivlinie muss dann Grönbaek den Weg auf Svensson zustellen. Tut der HSV das, hat man in Ballnähe eine Überzahl, die durch Capaldo in der Tiefe abgesichert bleibt. Der HSV hätte zusätzlich mit dem Verteidiger an der Seitenlinie eine durchaus gute Chance auf einen Ballgewinn in der Situation.

Schauen wir uns noch einmal an, was danach passiert – oder eher dahinter passiert. Remberg steht mit dem Rücken zu Guirassy und Daka hängt, wie erwähnt, zwischen Zentrale und Halbspur. Auch das wird in der Folge zum Problem für den HSV. Durch Sambis tiefe Position verteidigt Remberg zumindest zunächst einen theoretischen Ball in die letzte Linie auf Guirassy. Das Problem ist aber offensichtlich, dass er dies in letzter Instanz doch nicht verteidigen kann, da Guirassy über Karetsas gefunden wird.
In Summe steht Remberg in der Situation zu tief. Der HSV fällt dadurch auch, resultierend aus den Szenen vorne, in der Kompaktheit auseinander. Oder, um es einfacher auszudrücken: Kapitän Remberg verteidigt durch seine tiefe Positionierung nur eine von vielen Optionen gegen das Dortmunder Spiel. Er ist praktisch zu sehr auf den Ball zu Guirassy (oder den Raum um ihn herum) committed und gibt dadurch alles andere auf. Er hat keine Chance, irgendwie Druck auf Bellingham zu generieren, was theoretisch möglich wäre, hätte er vorher die Verbindung zur Kette gehalten und wäre höher positioniert gewesen. Gleichzeitig hat er auch keine Chance, den Ball auf Karetsas zu verteidigen, da der Weg auf die Passspur für ihn zu weit ist. Er passt seine Position zu wenig proaktiv an, um überhaupt eine Chance auf den Ball zu haben.
Das Gleiche gilt schlussendlich auch für Patson Daka, der vor dem Pass von Jobe Bellingham Karetsas im Halbraum sogar wahrnimmt, aber ebenfalls in vielerlei Hinsicht schlecht platziert ist. Er verteidigt durch seine Positionierung am Ende des Tages weder Raum noch Gegner – oder eher einen Raum, der für die Situation komplett nebensächlich ist.
Jordan Torunarigha antizipiert die Situation dann ebenfalls zu schläfrig und trifft bei Karetsas ein, als der Ball schon wieder gespielt ist. Während er noch in der Vorwärtsbewegung ist, ist der Ball bereits konträr zu seinem Bewegungsbild unterwegs. Das ist logischerweise alles andere als ideal, um so eine Situation zu verteidigen.
Am Ende passt auch Bornauw seine Position zu spät an die Situation an und ist schließlich zu weit weg, um Druck auf einen der besten Wandspieler der Liga auszuüben. Dortmund kann den HSV in ihrem Hinterrennen nun simpel ausspielen und das 1:0 resultiert.
Im Gesamtkontext verpennt der HSV hier die gesamte Situation. Man schafft es praktisch nicht, von Verhindern auf Ballgewinn zu switchen. Man bekommt in der Situation den Eindruck, dass man nicht ganz überzeugt davon ist, wann man gegen den BVB Ballgewinne erzielen will, wenn man in Situationen, die Pressing zulassen, keinerlei Aggressivität oder Schärfe im Zulaufen zeigt.
Den Ball an der Seitenlinie mit theoretischer Überzahl und nicht idealer Dortmunder Staffelung ist durchaus etwas, woraus man Kapital schlagen sollte – und nicht etwas, woraus am Ende ein Gegentor resultiert. Es ist sicherlich noch früh in der Saison, aber am Ende steht hier, bis auf Bornauw, eine Mannschaft auf dem Platz, die viel Zeit in der Vorbereitung zusammen verbracht hat. So ist ein solcher gesamtmannschaftlicher Zusammenbruch auch schwer zu entschuldigen.
Defensiv-Basics im Volksparkstadion
Gegen Urs Fischers Mainzer lief der HSV dann mit zwei neuen Schienenspielern auf und machte es sogar noch schlechter als in der Vorwoche. Das hatte aber auch dieses Mal mehr als einen Grund. Fangen wir doch bei dem Ansatz an, über welchen der HSV am Ende dieses Spiels schlichtweg gekillt wurde: über die langen Bälle der Mainzer, die man über die gesamten 90 Minuten nicht in den Griff bekommen sollte.
Bei Abstößen von Schwolow oder nach einem Rückpass auf den Mainzer Keeper ist man dann mit der gesamten Mannschaft aggressiv vorneweg gegangen. Moffi nutzte meistens einen diagonalen Anlaufwinkel, um Schwolow unter Druck zu setzen und die nominelle Unterzahl mit seinem Deckungsschatten zu egalisieren. Den Mainzern hätte es nicht egaler sein können.
Nach einem Einwurf und Gegenpressingelementen verlagert Mainz erneut das Spiel nach hinten auf den Torwart. Adeline und Grönbaek schieben (nicht wie unten im Bild) auf die Mainzer Defensivkette nach und der HSV wechselt vorübergehend in sein Mann-gegen-Mann-Pressing, allerdings mit etwas Chaos durch die Statik des Einwurfs.
Schwolow wählt erneut seinen langen Ball auf Zielspieler Tietz, der erneut das Duell gegen Jordan Torunarigha gewinnen kann. Dieses Mal verlängert er nicht sofort auf Becker, sondern nutzt mit dem zentral stehenden Amiri die Option, Becker im Rücken von Tietz zu finden. Becker stürmt dann auf den HSV-Strafraum zu und die Situation ist schlussendlich nicht mehr zu verteidigen für den HSV. Wie so viele an diesem Nachmittag.
Bornauw und Torunarigha sehen gegen die Mainzer Stürmer kein Land. Tietz gewinnt an diesem Tag acht seiner zwölf Duelle in der Luft. Beckers herumschwimmende Art ist dann das nächste Problem für die Hamburger Innenverteidiger. Auch die Athletik bekommt der HSV nicht unter Kontrolle.
Man kann den Ansatz des HSV sicherlich aufgrund der Tatsache kritisieren, dass es eben komplett in die Hose gegangen ist. Allerdings ist der Ansatz, situativ ins hohe Pressing zu springen, bei Weitem noch kein Grund, seinen Heimspielauftakt 0:5 zu verlieren.

So hat der HSV zumindest im Detail den Ansatz verändert, wie man gegen diese langen Bälle operieren möchte. Kurz nach Wiederanpfiff läuft der HSV wieder hoch an, aber dieses Mal in leicht angepasster Struktur. Man hat darauf reagiert, dass man wohl nicht weiter mit dem 2-gegen-2 in letzter Linie ins offene Messer laufen kann, und hat infolgedessen El-Ouahdi in eine Doppelbesetzung zwischen Lee und Mwene gezwungen. Das hatte zur Folge, dass Nicolas Capaldo nun mehr in letzter Linie eingebunden war, sodass der HSV in der Theorie mit Nandja immer mit einem Plus-eins verteidigen konnte.
Das zeigte sich auch im Detail in dieser Szene. Während Bornauw das Duell gegen Tietz sucht, verteidigt Nandja die Tiefe hinter dem Belgier. Capaldo schiebt zumindest zunächst mit dem diagonal startenden Becker mit. Tietz gewinnt zwar das Duell, aber Mainz ist auf den Ballgewinn in zweiter Instanz angewiesen. Möller Wolfe, der eigentlich auch gut positioniert ist, um die Tiefe zu verteidigen, verpasst aber den entscheidenden Moment, um auf den zweiten Ball hinauszuspringen, sodass Caci den Ball verarbeiten und in die Tiefe weiterleiten kann.

Danach versagt der HSV auch individuell. Nandja und Capaldo verpassen beide den Lauf von Becker, sodass Becker erneut wenige Meter Vorsprung in seinem Duell hat. Dies ist auf den ersten Metern aber weniger dramatisch, da Nandja eigentlich wieder in eine gute Position kommt. Problematisch ist dann, dass Remberg den Lauf von Tietz einen Bruchteil einer Sekunde zu spät wahrnimmt und nicht proaktiv, sondern reaktiv den Lauf des Stürmers verteidigt. Becker findet dann genau die Lücke, in die der Pass gespielt werden kann, und Remberg kann Tietz nicht mehr entscheidend am Abschluss hindern. Es steht 0:3.
Ein wahnsinniger Dämpfer, der das Spiel schlussendlich entscheidet. Beim vierten und auch fünften Gegentor fehlt es dann auch individuell am nötigen Bundesliga-Niveau der zuständigen Hamburger Defensivprotagonisten.
Wäre aber sicherlich alles nicht passiert, wenn der HSV von vornherein einen tieferen und passiveren Ansatz gewählt hätte. Ich kann euch schon mal eines sagen: Auch da war der HSV an diesem zweiten Bundesligaspieltag wirklich schlecht. Die Probleme aus dem Dortmund-Spiel waren hier eindeutig wiederzuerkennen.

Man ist fast hingerissen zu sagen, dass der HSV in gewissen Szenen fast planlos in das Mainzer Messer gesprungen ist. Wir schreiben in diesem Beispiel die dritte Spielminute. Der HSV agiert tief in seinem 5-4-1. Im rechten Halbraum sticht zunächst Martin Adeline auf den linken Mainzer Halbverteidiger Potulski hervor, und der junge Pole überspielt ZIV Gruber und sucht die direkte Verlagerung auf Posch, bei dem man eine ziemlich gute Idee bekommt, wieso der HSV ihn letzten Sommer haben wollte.
Daraufhin schiebt der Däne Grönbaek aus seiner tieferen Position in der Vierer-Mittelfeldreihe auf den Österreicher hervor. Etwas, was der HSV eigentlich gar nicht wirklich auffangen kann in dieser Szene. Das hat folgende Gründe: Im Rücken Grönbaeks löst sich nun Amiri in den freien Raum in der Halbspur, während Sano weiterhin als Anker im Zentrum agiert. In letzter Linie schwimmen Tietz und Becker um das Duo Bornauw-Torunarigha herum. Rechts außen hält weiterhin Caci die Breite. Es sind am Ende einfach zu viele Mainzer Gegenspieler, die der HSV mit einem Mann weniger verteidigen muss. Eine Situation, die aus dem Überspielen einer Station entsteht.
Remberg entscheidet sich für den Weg zu Kaishu Sano und Jordan Torunarigha löst sich aus der letzten Linie, um auf Amiri im linken Halbraum draufzuschieben. Während das passiert, startet Tietz in den offenen Rücken von Torunarigha und der HSV läuft erneut nur hinterher. Es braucht bei den Mainzern eine Station, um Tiefe zu generieren, da auch der HSV hier nur reaktiv hinterherrennt, was aber sicherlich auch zu den guten Mainzer Abläufen gehört. Aber es ist die Bundesliga. Da muss man nun mal auch an einem zweiten Spieltag die Fähigkeit mitbringen, gute Abläufe effektiv zu verteidigen.
Man kann hier sicherlich wieder diskutieren, welchen Ansatz man in welcher Formation nehmen möchte. Es sind dann aber wieder andere Themen, wie im BVB-Spiel, welche dem HSV Probleme bereiten. Erneut kriegt der HSV es nicht hin, zwischen passivem und aktivem Verteidigen zu switchen. Grönbaeks Pressingversuch stürzt seine Hintermannschaft nur ins Chaos. Man merkt Remberg sichtlich an, dass er ein wenig nach der Lösung sucht, welche jetzt für ihn die beste ist. Ist es nun Amiri, der frei im Rücken ist, oder doch Sano, über welchen man einfach auflösen kann?

Selbst ohne Unterzahl rennt der HSV in diesen Szenen ins offene Messer. Erneut aus denselben Gründen. Wieder ist der Ball bei Posch, der zumindest kurz in einer 2-gegen-1-Überzahl gegen den Dänen steht, da Amiri tief auffüllt. Remberg reagiert zwar darauf, aber zunächst kriegt der HSV wieder keinen Druck auf den Ball. Der Rückpass von Caci auf Posch ist wohl der eigentliche Pressingtrigger in der Situation, aber Grönbaek wird nun von seiner Mannschaft im Stich gelassen. Er nimmt also folglich Dynamik aus seiner Vorwärtsbewegung. Es fehlt erneut die Überzeugung und auch die Intensität in der Hamburger Mannschaft.
Am Ende spielt Posch einen simplen Chip in den Raum hinter Torunarigha, den Tietz dann erlaufen und verwerten kann. Der HSV bringt sich durch wenig Druck und eine hohe Kette automatisch selbst in die Bredouille und verteidigt die Szene dann am Ende mit Not im Strafraum weg.
Der HSV gibt in fast allen Phasen des Spiels ein schlechtes Bild gegen den Ball ab. Nimmt man das BVB-Spiel mit rein, hat man nicht immer das Gefühl, als würde der HSV mit Überzeugung gegen den Ball arbeiten, sondern vielmehr in Verwirrung darüber, was ich oder mein Mitspieler gerade zu tun hat. Es wird dann auch ab einem gewissen Punkt psychologisch schwierig, wenn man das gesamte Spiel keinen Zugriff auf die Mainzer bekommt – in welcher Spielphase auch immer.
Der Unterschied zwischen Ansätzen und Ideen
Leider war man auch mit dem Ball nicht auf der Höhe, auf der man zu einem Bundesligaauftakt sein sollte. Die Idee des HSV ist da aber doch klar erkennbar. Über Überladungen im rechten Halbraum wollte man Verbindungen herstellen und schlussendlich kombinativ in die Tiefe kommen. Der HSV hat mit Adeline, Nadir, El Ouahdi und auch Grönbaek mehr als genug Technik auf dem Platz, um sich in den Szenen durchaus zu behaupten. Nur an diesem Sonntag soll es nicht so recht klappen. Der HSV ist, wie in Dortmund auch, enorm unsauber. Edeltechniker El Ouahdi, der in meinem „Scouting Tape“ auch durch fehlerfreie Technik aufgefallen ist, hat sich nahtlos in die Unsauberkeiten seiner Mitspieler eingefügt. Aber bevor wir ins Detail gehen, schauen wir vielleicht einmal, wieso der HSV diesen Ansatz wählt.
Sucht der HSV die Eröffnung über den jeweiligen Halbraum oder vielmehr in den Halbraum mit viel Personal drumherum, hat man auch im Falle eines Ballverlustes einen theoretischen, sofortigen Zugriff im Gegenpressing. Zudem ist man in diesen Zonen und durch das viele Personal etwas weniger anfällig für Konter des Gegners. Die Idee hat also durchaus Hand und Fuß.
Nur weil die Idee gut ist, heißt es ja noch lange nicht, dass man damit automatisch Erfolg hat. Das Problem, das flacher Ballbesitz nun mal leider mit sich bringt, ist, dass er auch brutal abhängig von vielen Faktoren ist, um erfolgreich zu sein.
Das zeigt sich ganz gut nach sieben Minuten im Hamburger Offensivspiel. Remberg ist im Ballbesitz und gibt in der Szene den tiefen Teil einer Raute, die von Nadir und Adeline flankiert wird und von Grönbaek etwas höher komplettiert wird. Mainz steht in der Szene für ihre Verhältnisse etwas ungeordnet. Im Speziellen ist es Sano, der eigentlich auf der falschen Seite von Grönbaek agiert. Remberg kann ohne Druck dann durch das Mainzer Zentrum auf Grönbaek spielen, es bringt dem HSV nur einfach nichts. Moffi befindet sich nach dem Anspiel im Rücken Grönbaeks und El Ouahdi ist zu tief positioniert, um dynamisch weiterzuleiten. Der Rest der HSV-Offensive findet hinter ihm statt. Mit Lee und Potulski steht Grönbaek schnell einem 1-gegen-3 gegenüber und holt in der Szene durch den Freistoß noch das Beste heraus.

Den Ansatz durch die Schnittstellen wird dem HSV dann beim 0:1 zum Verhängnis. Es ist allerdings auch ziemlich spannend, was vor dem Remberg-Fehlpass passiert. Die gesamte Ballbesitzsequenz beginnt damit, dass der HSV das Mainzer Pressing flach auflösen kann, indem man im Rücken Beckers, welcher auf DHF durchschiebt, Bornauw findet. Bornauw kann dann ohne Gegnerdruck vorschieben, braucht aber für seinen Lauf vom 16er bis zur Mittellinie fast sieben Sekunden. Also genügend Zeit für die Mainzer, wieder in die Ordnung zu fallen.
Der eröffnende Ball geht dann vom breitstehenden Bornauw auf El Ouahdi. Der hat in der krassesten Theorie sofort den Ball auf Adeline in die Tiefe, allerdings sind Körperposition und erster Kontakt etwas, was dem sehr entgegensteht. Der Winkel, in dem Bornauw viele seiner Eröffnungen wählt, ist oft nicht gut. Er agiert hier in vielen Szenen oft zu breit, sodass El Ouahdi oft auch gar nicht viel mit einem Ball von ihm anfangen kann, da er so spitz angespielt wird.
Es folgt also nur der berühmte unnütze Ballbesitz, nachdem man sich doch zunächst mal lösen konnte. In der nächsten Szene, bevor es zur Statik vor dem 0:1 kommt, fällt Nadir breit heraus und der HSV steht zumindest kurz im Zentrum, rund um Kaishu Sano, in einer Überzahl. Der HSV macht es dann auch vom Bewegungsablauf ziemlich solide. Während Adeline tief startet, kippt Remberg konträr dazu in den Rücken des Japaners. Nadir wählt dann einen härteren Pass auf Remberg, den er nicht sauber kontrolliert, und durch den gewollten Kontakt am rechten Fuß dreht er sich weg vom Mainzer Tor, sodass es Sano in der Folge wieder ziemlich leicht hat, diese Szene im Keim ersticken zu lassen.
Erneut fängt der HSV von vorne an. Dieses Mal über Adeline und am Ende resultiert wieder ein Pass in eine tote und abgeschlossene Bewegung, aus der man nicht weiter nach vorne spielen kann. Im nächsten Anlauf passiert es dann. Remberg spielt ohne Absicherung einen Risikoball in die Schnittstelle, der dann bestraft wird. Nicht nur ist der Pass offensichtlich Mist, auch die Entscheidung, so viel Risiko zu gehen, während Bornauw und Torunarigha keinerlei Restverteidigung stellen, ist absolut verheerend.
Selbst wenn der Ball ankommen sollte, hilft es dem HSV eigentlich nicht weiter. Nadir steht aufgrund seiner Bewegung geschlossen zur Situation, Capi und El Ouahdi befinden sich beide im Rücken von Adeline. Auch jede theoretische Spur auf die linke Seite ist eigentlich geschlossen. Der HSV geht hier letztendlich ein Risiko ein, welches er aufgrund der Situation in der zweiten Ebene gar nicht suchen muss.

Die Statik, die fehlenden Bewegungsabläufe und die entstehende Eindimensionalität machen es für Mainz 05 sogar relativ einfach. Es ist in den Abläufen am Ende immer ein wiederkehrendes Muster: Einer aus Adeline und Nadir fällt aus dem Block heraus. Dahinter glänzt der Rest durch Bewegungsarmut. Der herauskippende zentrale Mittelfeldspieler steht außerhalb des Blocks ohne Idee über die Spielfortführung. Und Sequenzen wie diese gibt es leider zu Genüge beim HSV an diesem Sonntag.
Teils wird El Ouahdi breit angespielt und um ihn herum ist ein riesiges Loch. Dann braucht es zwei, drei Kontakte und der Ball wird zurück in die erste Linie gespielt. Ein immer wieder aktiver und raumsuchender Adeline verpasst immer den richtigen Moment für den Lauf – oder seine Mitspieler verpassen ihn. Dem HSV geht sämtliche Bewegung ab, welche ihn in den guten Heimspielen in der Polzin-Ära so stark gemacht hat. Am Sonntag herrscht nur Statik, ohne jede Überzeugung, dass einer mal effektive Tiefe erzeugen oder hinter die Kette kommen kann. Null effektive Torschüsse aus dem Spiel heraus sind hier dann doch alles andere als Zufall.


Nehmen wir nun die fehlenden Bewegungsmuster sowie die technischen Anfälligkeiten und Unfähigkeiten zusammen, haben wir am Ende eine schwierige Mischung, um mit Ball erfolgreich zu sein. Die Liste an Szenen, bei denen man sich selbst im Relive noch blau ärgert, ist dann doch länger, als man denken mag. Es gibt hier Szenen in der Raumaufteilung, in denen Remberg, Nadir und Adeline und fast auch Moffi auf einer vertikalen Linie kleben. Das ist sicher nur eine Momentaufnahme, aber es zeigt auch eindrücklich, dass vor dem Trainerteam noch viel Arbeit liegt.
Man kann nach diesen zwei Bundesligaspielen nun sicher in zwei Richtungen argumentieren und wird auf beiden Seiten auch genügend Gründe finden, wieso es bald funktionieren wird oder eben auch nicht. Auf der negativen Seite steht zum einen das wohl schlechteste Heimspiel, das der HSV abgegeben hat, seit Merlin Polzin mit seinem Trainerteam übernommen hat, und dass dies nach vielen Wochen Vorbereitung so stattfinden konnte. Das Gegenargument, dass es doch viele Neue im HSV-Verbund sind, finde ich schwierig, da man wohl doch ein Minimum an Basics bei einem Bundesligisten erwarten darf und das nun auch zwei Wochen hintereinander so gezeigt hat.
Auf der positiven Seite steht, dass niemand beim HSV die Leistungen in irgendeiner Form schönreden kann und wird. Nur weil Merlin Polzin sich nicht selbst in der Pressekonferenz zerfleischt, heißt es noch lange nicht, dass man mit diesem Saisonstart selbstzufrieden umgeht und die Probleme nicht mindestens genauso kritisch betrachtet, so wie ich das tue.
Der Weg zu dem HSV, so wie wir uns den nach dem Deadline Day vorgestellt haben, ist nachweislich noch etwas weiter weg, als erhofft. Es wird die nächste große Aufgabe für Polzin, Favé und Co., aber sie haben uns bisher bei jeder Krise auch gezeigt, dass es auch wieder einen Weg heraus geben kann. Das Recht auf Vertrauen und Ruhe haben sich alle Beteiligten in den letzten Jahren, Wochen und Monaten verdient.

